Vorbild für den eigenen Sohn

Wenn ein Mitarbeiter Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat, schickt der Chef ihn zu Karl Lehrer. Der 51-Jährige kennt das Problem der Kollegen: er hat selbst erst mit 26 Jahren lesen und schreiben gelernt.

Vorbild für den eigenen Sohn: Karl Lehrer. © Lutz Zimmermann

In seiner Firma ist er der Vertrauensmann. Wenn ein Mitarbeiter Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat, schickt der Chef ihn zu Karl Lehrer. Der 51-Jährige kennt das Problem der Kollegen: Er hat selbst erst mit 26 Jahren lesen und schreiben gelernt.

Karl Lehrer ist gelernter Logistiker, arbeitet im Lager einer Traktoren-Firma. Ohne Computer geht dort nichts. „Ich habe immer Schriftverkehr bei der Arbeit“, sagt der Ludwigshafener, „muss ständig Zettel schreiben und die Arbeitsschritte dokumentieren.“

Als Jugendlicher und junger Erwachsener, kurz nachdem er von der Schule abging, hätte Karl Lehrer das nicht gekonnt. Die Sonderschule verließ er ohne Abschluss. Lediglich einfache Sätze und Zahlen konnte er lesen, außerdem seine Unterschrift unter Dokumente setzen.

Leben in einer Schutzhaltung

Er war damit einer von heute rund 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland, die zwar einzelne Worte erkennen, aber keine längeren Sätze verstehen können. Für Lehrers Alltag bedeutete das: ständig in einer Schutzhaltung leben. Bloß nicht auffallen. Beim Mittagessen mit Kollegen bestellte er das, was die anderen nahmen, weil er die Speisekarte nicht lesen konnte. Nach einem Bänderriss ging er zum Arzt, konnte das Formular nicht ausfüllen – und lief hilflos davon. Einen Kollegen bat er, einen Liebesbrief für ihn zu schreiben. „Ich wusste nicht einmal, was drinsteht“, sagt er heute.

Die Schreib- und Leseschwäche wurzelte in Lehrers Kindheit. Als kleiner Junge hatte er sich lange auf die Einschulung gefreut. Doch schon im ersten Schuljahr verwandelte sich Freude in Leid und Mut in Angst. „Bei den Hausaufgaben wollte meine Mutter mir helfen, die Hand zu führen und die Buchstaben nachzuzeichnen“, sagt Lehrer. „Weil ich mich dabei verkrampft habe, wurde sie aber aggressiv und hat mich geohrfeigt.“

Ähnliche Probleme in der Schule: Der Lehrer wurde laut, wenn seine Schüler falsch antworteten. Auch der Direktor verteilte Schläge. Karl Lehrer: „In der Schule war es damals wie zu Hause. Man sollte sich aufs Lernen konzentrieren, lebte aber in einer ständigen Angst, Fehler zu machen.“

Schon nach dem ersten halben Jahr wurde der Junge auf eine Sonderschule geschickt. Er stotterte. Und bekam erst mit 13 Jahren eine Lehrerin, die sich wirklich Mühe mit ihm gab, Mut machte, ihn unterstützte. Doch der Lohn für Bemühungen und Fortschritte blieb aus. Nach Schulschluss ging der Alptraum weiter. Die Mutter kümmerte sich allein um die fünf Kinder. Karls Leistungen fanden keine Anerkennung. Als Jugendlicher wollte er freiwillig in ein Heim ziehen, weil es zu Hause nicht mehr auszuhalten war.

Er verließ die Schule ohne Abschluss, schlug sich als Hilfsarbeiter durch, wurde arbeitslos. Niemandem fiel auf, dass Karl Lehrer nicht lesen und schreiben konnte. Makler schwatzten ihm Versicherungen auf, die er nicht bezahlen konnte. Die Post öffnete er so lange nicht, bis der Gerichtsvollzieher klingelte.

Die Wende im Leben von Karl Lehrer kam im Jahr 1990: Seine damalige Frau brachte den kleinen Stefan zur Welt. „Ich wollte ein gutes Beispiel für meinen Sohn sein“, sagt Lehrer. „Ich fragte mich damals, was ich mache, wenn er in die Schule kommt und meine Hilfe braucht. Ich konnte ja nicht sagen, er solle mal zur Mutter gehen.“ Deshalb meldete sich der junge Vater bei der Volkshochschule an und holte in der Erwachsenenbildung nach, was er als Jugendlicher versäumte: Er lernte lesen und schreiben.

Hauptschulabschluss mit 38 Jahren

Heute ist Lehrer stolz, dass sein Sohn die Grund- und Realschule problemlos schaffte und er ihm helfen konnte, wenn er seinen Rat suchte. Er selbst holte 2002 den Hauptschulabschluss nach, schaffte damit die Voraussetzung für die Lehre zum Logistiker.

Karl Lehrer möchte Vorbild sein für alle Menschen, die Schwierigkeiten haben, lesen und schreiben zu lernen. Und er möchte ihnen helfen: Deshalb gründete er vor 14 Jahren eine Selbsthilfegruppe mit und ist mit vielen anderen Lernern seit langem befreundet. Gemeinsam gehen sie an die Öffentlichkeit und erzählen, was sie erlebt und wie sie gelernt haben. Lehrer und seine Gruppe wollen das Thema Analphabetismus enttabuisieren: „Auch an den Schulen merken immer mehr Menschen, dass wir umdenken müssen.“ Dank des gemeinsamen Engagements mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sei schon viel verändert worden: „Das Versteckspiel wird weniger, aber ein Großteil der Betroffenen traut sich noch immer nicht, sich zu offenbaren und Hilfe zu suchen.“