"Vorurteile abbauen"

Bundesministerin Johanna Wanka kündigt im Interview mit der "Wirtschaftswoche" ein Förderprogramm für die Sicherheit in der digitalen Gesellschaft an und spricht über Industrie 4.0, IT-Forschung und den richtigen Umgang mit Daten.

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Frau Ministerin, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer, forderte in der WirtschaftsWoche jüngst eine deutsche Alternative zu Google. Stimmen Sie zu?

Es wäre schön, wenn wir in Deutschland eine Alternative zu Google hätten. Aber wir sollten realistisch bleiben und können den Markterfolg von Google nicht einfach nachahmen. Wir müssen aber darauf reagieren und überlegen, wie mit gesammelten Daten richtig umgegangen werden kann. Wir brauchen zum einen eine Strategie, große Datenmengen sinnvoll zu erschließen, Stichwort Big Data. Und wir müssen IT-Sicherheitssysteme entwickeln, die Bürger und Unternehmen vor Angriffen und dem Missbrauch von Daten schützen.

Die IT-Forschung gilt nicht gerade als Stärke Deutschlands...

Wir haben mit SAP zwar nur einen großen Softwarekonzern, aber deutsche IT-Forschung ist besser als ihr Ruf. Wir fördern derzeit die IT-Sicherheitsforschung an drei Kompetenzzentren in Darmstadt, Karlsruhe und Saarbrücken. Daran entscheidet sich auch, ob die derzeitige Entwicklung zur Industrie 4.0, also Produktion und Internet eng zu verbinden, in Deutschland Erfolg haben wird. Die IT-Sicherheit hat strategische Bedeutung für die vierte industrielle Revolution.

Was macht Sie so sicher, dass deutsche Unternehmen gegenüber ausländischen Konkurrenten nicht das Nachsehen haben?

Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir nicht deindustrialisiert. Unser Industrieanteil liegt bei mehr als 20 Prozent – in den USA und Großbritannien sind es nur rund elf Prozent. Wir besetzen Spitzenplätze beim Maschinenbau und auch bei der IT-Steuerung von komplexen Anlagen. Jetzt müssen wir die Verbindung mit dem Internet hinbekommen. Das ist die Herausforderung.

Und drei Sicherheitszentren reichen?

Das war erst der Anfang. Wir haben in diesem Jahr die Forschung im Bereich Big Data verstärkt und bauen gerade zwei weitere Kompetenzzentren für dieses neue Thema in Berlin und Dresden auf. Noch in diesem Jahr werden wir ein Förderprogramm für die Sicherheit in der digitalen Gesellschaft auf den Weg bringen. Es geht um die Sicherheit von Privatbürgern und Unternehmen. Wir investieren hier einen dreistelligen Millionenbetrag, der in große und kleine Forschungsprojekte fließen wird.

Die große Koalition schafft das Kooperationsverbot ab. Der Bund darf dann Hochschulen dauerhaft finanzieren. Werden die Exzellenzcluster im Rahmen der Exzellenzinitiative weiter mit Millionensummen gefördert?

Die Finanzierung der Exzellenzcluster ist zunächst bis 2017 gesichert. Wie es danach weitergeht, werden wir mit den Ländern diskutieren. Ich habe ein Interesse daran, dass die Profilierung einzelner Hochschulen in bestimmten Fächern weitergeht.

Und wie wollen Sie mehr Spitzenforscher nach Deutschland holen?

Die Situation ist so gut wie seit Jahrzehnten nicht. Über das Alexander-von-Humboldt-Programm zum Beispiel holen wir hochkarätige Forscher für Forschungsaufenthalte nach Deutschland. Der deutsche Wissenschaftsstandort gilt als verlässlich. Deutschland hat gerade während der Finanzkrise den Bundesanteil für Forschung gegen den internationalen Trend erhöht. Damit investiert Deutschland immerhin drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes in die Erforschung neuer Technologien.

Und das überzeugt ausländische Forscher?

Ja. Nur ein Beispiel: Bei der Max-Planck-Gesellschaft stammt inzwischen jeder zweite Doktorand aus dem Ausland. Bei den Direktoren ist es knapp ein Drittel. Wir haben derzeit 35.000 Wissenschaftler aus dem Ausland bei uns – so viele wie noch nie. Im Wettbewerb um die Besten sind wir konkurrenzfähig.

Beim europäischen Stipendienprogramm für junge Nachwuchsforscher arbeiten aber erstaunlich viele Geförderte aus Deutschland im Ausland. Verliert Deutschland dadurch an Wissen?

Die Gefahr sehe ich nicht. Im Gegenteil: Zum einen arbeiten ausländische Forscher in Deutschland. Zum anderen wollen deutsche Wissenschaftler wieder gerne nach Deutschland zurückkommen. In den USA werben wir auf der sogenannten GAIN-Tagung einmal im Jahr für die Rückkehr deutscher Spitzenforscher. Zwei Drittel von ihnen kehren tatsächlich zurück. Im Übrigen liegen die Gehälter der Rückkehrer im Schnitt höher als die Verdienste jener, die in den USA bleiben. Das wissen viele nicht. Wir müssen Vorurteile abbauen.
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Beim Transfer von Forschungsergebnissen in den Markt gilt Deutschland als behäbig. Was wollen Sie ändern?

Das sehe ich anders. Wir sind beim Transfer von Ergebnissen in Produkte sogar sehr gut. Aber natürlich können wir noch besser werden. Mit Sorge sehe ich zum Beispiel, dass wir im Rahmen der High-Tech-Strategie sehr viel Geld für kleine Unternehmen ausgeben, aber deren Innovationskraft vergleichsweise schwach geblieben ist. Die Hälfte unserer Mittel für die Wirtschaft gehen an kleine und mittlere Unternehmen, ihre Innovationskraft ist aber nicht so stark gewachsen wie die der großen. Das wollen wir verbessern.