Was für ein Triumph der Wissenschaft!

Der erste Corona-Impfstoff wurde in Europa zugelassen. Niemals zuvor ging eine Impfstoffentwicklung so schnell. Dieser Erfolg zeige, welche herausragenden Leistungen das Innovationsland Deutschland hervorbringen kann, meint Ministerin Karliczek. 

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

WELT-Gastbeitrag von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek.

Es ist sicher eine der besten Nachrichten dieses schwierigen Jahres: Der erste Impfstoff gegen
COVID-19 ist nun auch in Europa zugelassen! Und nicht nur das, dieser Impfstoff wurde vor allem in den Laboren von BioNTech entwickelt, einer deutschen Biotech Firma, in Kooperation mit Pfizer, einem amerikanischen Pharmakonzern. Das ist für mich aus zweierlei Hinsicht symbolisch: Der Impfstoff ist damit zunächst ein Erfolg von internationaler Zusammenarbeit in der Wissenschaft und einer Bündelung von Kompetenzen über Kontinente hinweg. Schneller Erfolg durch Kooperation! Aber es zeigt sich auch, welche herausragenden Leistungen das Innovationsland Deutschland hervorbringen kann - wobei es letztlich immer auf die Forscherinnen und Forscher selbst ankommt. 

Mit dieser Zulassung – und es werden sicher in Kürze weitere Impfstoffe genehmigt werden – ist natürlich die Hoffnung verbunden, dass diese Pandemie nun in einem absehbaren Zeitraum beherrschbar wird und wir dann zu den vielen schönen Gewohnheiten unseres Lebens zurückkehren können. Allerdings ist die Covid-19-Pandemie noch nicht besiegt. Die letzten Meldungen zu einer zirkulierenden Mutation des Coronavirus machen deutlich, dass die Eindämmung dieser Pandemie uns noch große Anstrengungen kosten wird. Und wir wissen: Die Zulassung des Impfstoffs ist nur ein erster Schritt, dem bekanntlich weitere Schritte folgen müssen. Jetzt geht es darum, dass der Impfstoff in ausreichender Menge produziert wird und der Transport gesichert ist. Es müssen genügend Kapazitäten geschaffen werden, damit alle, die es wollen, tatsächlich auch geimpft werden können. All das sind noch riesige Herausforderungen. Das Virus ist noch lange nicht matt.

Forschende mussten nicht bei null anfangen

Die Entwicklung des BioNTech-Impfstoffes, aber auch die Fortschritte vieler anderer Impfstoffhersteller sind dennoch ein großartiger Triumph für die Wissenschaft. Normalerweise dauern Impfstoffentwicklungen zehn Jahre oder mehr. Viele Projekte scheitern. Wohl noch nie haben Forscherinnen und Forscher und Unternehmen in aller Welt gemeinsam und mit so viel Einsatz versucht, einer medizinischen Herausforderung etwas entgegenzusetzen, wie in dieser Zeit der Pandemie.

Die Ursache für die Geschwindigkeit, in der BioNTech nun zum Erfolg gekommen ist und andere Unternehmen vorankommen, liegt darin, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht bei null anfangen mussten. Das zeigt sich gerade am Beispiel von BioNTech. Beide Gründer, das Ehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin, arbeiten mit ihrem Team schon seit Jahren an RNA-Impfstoffen zur Immuntherapie von Krebserkrankungen. Dabei wurden sie 2007 von einer Gründungsoffensive für Biotechnologieunternehmen meines Hauses – kurz: GO-Bio – unterstützt und später nochmals durch einen Spitzencluster-Wettbewerb des BMBF. Als die Pandemie ausbrach, konnten sie, wie sie berichtet haben, auf ihre jahrelangen Forschungen aufbauen und den Fokus auf die Entwicklung eines COVID19-Impfstoffes umstellen.

Impfen zu können, ist die größte Errungenschaft seit Beginn unserer Gesundheitsforschung

Die Forschung am Impfstoff selbst hat dann die Bundesregierung über ihr Forschungsministerium ebenfalls unterstützt – mit einem Förderprogramm, das wir in dieser Art vorher noch nicht aufgelegt hatten. Insgesamt werden für die drei deutschen Impfstoffentwickler BioNTech, CureVac und die Firma IDT aus Dessau in diesem und im nächsten Jahr 750 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Vordringliche Ziele dieser Förderung: Die Beschleunigung der Entwicklung durch Ausweitung der klinischen Studien und die Steigerung der Entwicklungs- und Produktionskapazitäten in Deutschland.

Dem Entwicklungstempo vieler Firmen haben sich auch die Genehmigungsbehörden angepasst. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA wertete in den vergangenen Wochen Daten zur Herstellung, Kontrolle und Sicherheit des Impfstoffs bereits parallel zu den Prüfungen aus. Ganz wichtig ist aber: Die Prüfungsmaßstäbe blieben immer auf dem hohen Niveau, das wir gewohnt sind. Ein COVID-19 Impfstoff muss sicher und wirksam sein. Gäbe es Zweifel an der Sicherheit des Impfstoffs, würde er nicht zugelassen. Die Bundesregierung wird jedenfalls alles unternehmen, um die Bürgerinnen und Bürger über die Vorteile der Impfung aufzuklären – aber auch über mögliche Nebenwirkungen, die Impfungen mit sich bringen können. Und um es noch einmal deutlich zu sagen: Die Impfung bleibt freiwillig. Aber: Impfen zu können, ist die größte Errungenschaft seit Beginn unserer Gesundheitsforschung.

Nationale Alleingänge sind nicht hilfreich

Mit der Zulassung des Impfstoffs sind nicht alle Fragen geklärt: Insbesondere die Dauer der Wirksamkeit einer Impfung muss sich noch erweisen. Wir müssen ebenfalls damit rechnen, dass nicht alle Impfstoffe für jede Bevölkerungsgruppe gleich gut geeignet sind. Zwar geben die Prüfungen in der Phase III schon einen gewissen Hinweis. Es muss aber zum Beispiel noch besser untersucht werden, ob zum Beispiel Ältere nach Erhalt einer Impfung auf mRNA-Basis genauso viele und wirksame Antikörper bilden wie Jüngere. Die Vorbereitungen für die Impfungen laufen bereits auf Hochtouren. Die Länder wissen, wie wichtig diese Aufgabe ist. Ob die Vergabe zufriedenstellend verläuft, wird auch für den Staat zu einem wichtigen Test seiner Handlungsfähigkeit.

Schon jetzt müssen wir damit beginnen, die richtigen Schlussfolgerungen aus der Pandemie zu ziehen. Wir müssen uns in Deutschland, Europa und der Welt fragen, ob wir für künftige Pandemien richtig aufgestellt sind. Für die Impfstoffentwicklung haben wir mit dem CEPI-Netzwerk schon eine gute Basis. Diese Basis muss aber von den größten und ökonomisch leistungsfähigsten Partnern gemeinsam getragen werden. Wichtige Partner wie die USA fehlen bislang in der Allianz. Dabei hat sich gerade in dieser Pandemie gezeigt, dass nationale Alleingänge nicht hilfreich sind.

Wir müssen uns gemeinsam gegen zukünftige Pandemien wappnen

Nachholbedarf haben wir bei den Arzneimitteln. Die Forscherinnen und Forscher haben in den vergangenen Monaten viele vorhandene Arzneimittel auf ihre Wirksamkeit gegen COVID-19 untersucht. Die Ergebnisse waren zum Teil ernüchternd. Andererseits wirkt Dexamethason dem gefährlichen Zytokinsturm entgegen, und vielversprechende monoklonale Antikörper gegen das Virus sind in der Entwicklung. Aber hier müssen wir noch nachlegen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben neue Wirkstoffe entwickelt. Ihre klinische Überprüfung will ich nun fördern. Aber vor allem gilt es, die Medikamentenforschung insgesamt zu stärken.

Pandemievorsorge ist ein wichtiges Projekt, das Europa zusammenbringt und stärkt. Das sehen wir schon jetzt bei den gemeinsamen Impfstoffkäufen und dem Engagement im ACT-Accelerator, der internationalen Kampagne, um Impfstoffe und Medikamente möglichst vielen Ländern zur Verfügung zu stellen. Wir Europäer müssen uns gemeinsam gegen zukünftige Virus-Pandemien und andere Gesundheitsnotfälle wappnen. Hier ist nur beispielhaft die Entwicklung neuer (Reserve-)Antibiotika zu nennen, die wir dringend brauchen, um den zunehmenden Resistenzen bei Bakterien etwas entgegensetzen zu können. Nach dieser Pandemie können wir also nicht zur Tagesordnung übergehen, auch wenn wir alle hoffen, dass uns eine solche Heimsuchung in den nächsten Jahrzehnten erspart bleibt.