„Was wir brauchen, sind intelligente Lösungsstrategien, die über einzelne Standorte hinausgehen“

Medizin und Informatik – wie diese beiden Disziplinen zusammenarbeiten und was sie gemeinsam zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Deutschland beitragen können, erklärt der Pharmakologe Heyo Kroemer von der Universität Göttingen im Interview.

Heyo K. Kroemer © Irene Böttcher-Gajewski

Herr Kroemer, was genau verbirgt sich hinter dem Begriff „Medizininformatik“?

Bei jedem Arztbesuch und jedem Krankenhausaufenthalt werden medizinische Daten erhoben: zum Beispiel Blutwerte, Röntgenbilder oder der Blutdruck. Diese Daten helfen dem Arzt oder der Ärztin dabei, einzuschätzen, wie gesund oder krank ein Mensch ist und welche Behandlung sinnvoll ist. Die Medizininformatik befasst sich mit dem Management dieser medizinischen Daten.

Wo steht die Medizininformatik in Deutschland heute?

Das kann man nicht so einfach sagen. Was klar ist: Es gibt in Deutschland kein einheitliches Datenmanagement. Fast jedes Krankenhaus, fast jeder Standort hat sein eigenes System. Dieses System kann zum Teil sehr gut ausgebaut sein und sehr gut funktionieren. Aber es kann auch die Situation geben, dass Sie in einer Klinik ein herausragendes Datenmanagement haben und wenn Sie eine Tür weitergehen, wird noch auf Papier geschrieben. Dass diese beiden Systeme nicht so gut zusammenpassen, liegt auf der Hand.

Dieses Defizit gibt es aber nicht nur bei der Patientenversorgung, sondern auch in der Forschung. Wir lassen viele Daten ungenutzt. Dabei könnten wir bessere Behandlungsstrategien finden, wenn wir nur die vorhandenen Daten richtig zusammenführen und auswerten könnten. Stellen Sie sich vor, Sie sind von einer Erkrankung betroffen, die nur 50 Menschen in Deutschland haben. In einer ortsübergreifenden Datenbank hätte Ihr behandelnder Arzt die Chance, die anderen Erkrankten zu finden und könnte die aktuellsten Behandlungsmöglichkeiten vergleichen.

Am 16. November 2015 hat Bundesforschungsministerin Johanna Wanka das Förderkonzept Medizininformatik vorgestellt. Es soll dazu beitragen, Brücken zwischen einzelnen Dateninseln zu bauen und damit die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu verbessern.

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um die Situation zu verbessern?

Der allererste Schritt ist getan: Nämlich, dass wir das Problem als solches erkannt haben. Was wir jetzt brauchen, sind intelligente Lösungsstrategien, die über einzelne Standorte hinausgehen. Und ich glaube, dass das Förderkonzept des BMBF zur Medizininformatik sehr dazu geeignet ist, solche intelligenten Lösungen zu finden. Es zielt auf einen standortübergreifenden Zusammenschluss von Uni-Kliniken. Da ist es sehr wahrscheinlich, dass dabei ein gut anwendbares System herauskommt. Andere Kliniken werden dann ebenfalls ein solches System haben wollen. Das ist dann wie ein Domino-Effekt.

Reicht denn die dafür vorgesehene Zeit?

Das Förderkonzept ist sehr langfristig angelegt. Und das ist auch gut so. Denn das Programm ändert fundamentale Abläufe der Universitätskliniken Das können wir nicht von Heute auf Morgen erreichen. Um dauerhaften Erfolg zu haben, bedarf es eines langen Atems.

Betrifft die Medizininformatik denn ausschließlich die Bereiche Forschung und Patientenversorgung?

Der Austausch medizinischer Daten ist ein sensibler Bereich. Natürlich müssen in der Medizininformatik neben den rein technischen und medizinischen Problemen deshalb auch die juristischen Fragen und ethischen Bedenken diskutiert werden. Genau das stößt das Förderkonzept aber auch an. Das Förderkonzept sieht vor, dass die ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekte der Medizininformatik durch begleitende Aktivitäten beleuchtet werden und dass ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs eröffnet wird. Denn wir müssen uns in unserer Gesellschaft aktiv damit auseinandersetzen, was wir wollen und unter welchen Rahmenbedingungen.

Heyo Kroemer

Heyo Kroemer ist Pharmakologe. Nach seiner Promotion an der Technischen Universität Braunschweig und Habilitation an der Universität Tübingen folgte er 1998 dem Ruf an die Pharmakologie nach Greifswald, wo er als Dekan die medizinische Fakultät aufbaute. Seit 2012 ist er Professor für Pharmakologie und personalisierte Medizin an der Universität Göttingen und gleichzeitig Dekan der Universitätsmedizin und Sprecher des Vorstands für Forschung und Lehre. Er ist außerdem Präsident des Medizinischen Fakultätentages, dem Zusammenschluss der Medizinischen Ausbildungs- und Forschungsstätten Deutschlands.