Wasserstoffwirtschaft schafft zahlreiche Arbeitsplätze

"Deutsche Firmen sind weltweit führend bei Wasserstofftechnologien", sagt Ministerin Karliczek im PNP-Interview. Wegen des weltweiten Wasserstoffbooms könnten daher bis zu 470.000 Stellen in Deutschland entstehen, so Karliczek.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview ist am 15. Februar 2020 in der "Passauer Neuen Presse" erschienen. Die Fragen stellte Andreas Herholz. 

Andreas Herholz: Frau Karliczek, die Regierung ringt um eine Wasserstoff-Strategie. Welche Rolle kann dieser bei der Energiewende spielen?

Anja Karliczek: Wasserstoff ist für mich der Energieträger der Zukunft. Nicht mehr und nicht weniger. Überall auf der Welt wird dies jetzt erkannt. Ich will, dass wir in Deutschland und Europa Treiber der Entwicklung werden. Wir sollten uns wirklich auf den grünen Wasserstoff konzentrieren, der aus Sonnen- und Windenergie erzeugt wird. Alles andere, wie die Nutzung von Gas zur Wasserstoffherstellung, ist perspektivisch keine Alternative und wäre kein nachhaltiger Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. Allenfalls für eine Übergangszeit kann es akzeptabel sein, einen Energieträger zu nutzen, der letztlich wieder CO2-Emissionen verursacht. Ich hoffe, dass dies am Ende die gesamte Bundesregierung auch so sieht.

Wird der Steuerzahler wieder wie bei der Energiewende zur Kasse gebeten werden?
 
Wasserstoff ist heute noch teurer als unsere klassischen Energieträger. Das war bei innovativen Technologien anfangs immer so. Je mehr Wasserstoff aber in der Breite genutzt wird, desto günstiger wird es. Außerdem planen wir Partnerschaften mit Afrika und Australien, wo die Herstellung von Wasserstoff wesentlich effektiver und damit günstiger wird. Dort sind die Windverhältnisse vielerorts erheblich besser und insbesondere die Sonneneinstrahlung höher als in Deutschland. Der grüne Strom, der zur Herstellung des grünen Wasserstoffs benötigt wird, lässt sich dort schon für zwei Cent pro Kilowattstunde herstellen. Zum Vergleich: Allein die EEG-Umlage in Deutschland liegt bei rund sieben Cent pro Kilowattstunde.

Aber werden dadurch nicht Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen?

Im Gegenteil: Nur mit grünem Wasserstoff können wir Industrien, wie die chemische Industrie, in Deutschland halten. Mit Wasserstoff kann in den Anlagen die CO2-Emissionen vermieden werden, die mit dem Emissionshandel in den nächsten Jahren massiv teurer werden. Dadurch würde die chemische Industrie deutlich entlastet. Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft würde zugleich auch zahlreiche Arbeitsplätze schaffen. Deutsche Firmen sind weltweit führend bei Wasserstofftechnologien: Jede fünfte verkaufte Elektrolyse-Anlage kommt aus Deutschland, der deutsche Weltmarktanteil für Anlagenteile zur Weiterverarbeitung des Wasserstoffs liegt bei 16 Prozent. Selbst wenn es nur bei den 16 Prozent bliebe, könnten wegen des weltweiten Wasserstoffbooms und der steigenden Nachfrage nach Anlagen nach Branchenschätzungen bis zu 470 000 Stellen in Deutschland entstehen.

Anderes Thema: Einige Bundesländer wollen die Vollverschleierung an Schulen verbieten. Gerichte haben sie erlaubt. Brauchen wir Gesetzesänderungen?

Unser Land schützt die Freiheit. Dazu gehören die Meinungsfreiheit, die Wissenschaftsfreiheit, aber auch die Religionsfreiheit. Natürlich kann das Tragen von bestimmter Kleidung ein Ausdruck des Glaubens sein. Aber die freie Kommunikation in der Schule und in der Hochschule hat auch einen hohen Rang. Zur freien Kommunikation gehört, dass wir uns einander ins Gesicht sehen können. Sich im Gespräch in die Augen schauen zu können, ist wichtig. Vielleicht schaffen wir es, dies auch ohne Verbote klar zu machen.

Also kein Verbot?

Das muss in den Ländern entschieden werden. Wenn einzelne Länder die Notwendigkeit sehen, dies jetzt zu regeln, kann ich das sehr gut verstehen. Ich unterstütze das. Begleitet werden muss dies aber mit einer öffentlichen Debatte.