Wechsel im Amt des Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft

Grußwort der Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, am 26. Juni 2014 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.

Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Sehr geehrte Damen und Herren!

Von Friedrich Nietzsche stammt der folgende Sinnspruch:

„Das Leben ist wert, gelebt zu werden, sagt die Kunst, die schönste Verführerin; das Leben ist wert, erkannt zu werden, sagt die Wissenschaft.“

Aber das muss kein Widerspruch sein, meine ich. Und so sieht es offenkundig auch die Leibniz-Gemeinschaft, die zum Amtswechsel ihres Präsidenten in die Akademie der Künste eingeladen hat.

Dank und Glückwunsch gehen bei einem Amtswechsel Hand in Hand mit Rückblick und Vorschau: Das gelebte Leben verbindet sich mit dem erkannten Leben.

Ich wünsche uns allen, dass uns diese Verbindung heute und an vielen anderen Tagen gelingt.

Ich beginne mit Dank und Rückblick.

Als Sie, verehrter Herr Professor Mayer, vor vier Jahren zum Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft berufen wurden, befand sich die Leibniz-Gemeinschaft mitten in einem internen Strategie- und Profilierungsprozess.

Ihr großes Verdienst ist es, dass Sie die interne Strategiediskussion zu konkreten Ergebnissen geführt haben und die Leibniz-Gemeinschaft in ihrem inneren Zusammenhalt gestärkt haben. Damit hat sich die Sichtbarkeit der Institute in der deutschen Forschungslandschaft und darüber hinaus weiter erhöht.

2012 wurde mit dem Positionspapier der Leibniz-Gemeinschaft „Zukunft durch Forschung“ ein wichtiger interner und externer Diskussionsprozess angestoßen, den auch der Wissenschaftsrat und die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) aufgegriffen haben.

Der in diesem Frühjahr von der GWK beschlossene Bericht zur „Weiterentwicklung der Leibniz-Gemeinschaft“ hat die Weichen für die Zukunft neu gestellt:

  • Die strategische Vernetzung wird im Leibniz-Wettbewerb gestärkt.
  • Ein neues Verfahren für die Aufnahme und die strategische Weiterentwicklung von Leibniz-Einrichtungen orientiert sich an Prioritäten strategischer Ausrichtung und Profitierung. Es stärkt zugleich die Eigenverantwortung der Leibniz-Gemeinschaft.
  • Das Evaluierungsverfahren wird so weiterentwickelt, dass es die strategische Aufstellung der Leibniz-Gemeinschaft noch besser unterstützt.
  • Und mit dem neu gestalteten Wettbewerbsverfahren und dem Strategiefonds des Präsidiums hat die Leibniz-Gemeinschaft zusätzlich strategische Handlungsfähigkeit gewonnen.

Unter Ihrer Präsidentschaft, verehrter Herr Professor Mayer, hat die Leibniz-Gemeinschaft ihren selbstverständlichen Platz im Kreis der großen Forschungsorganisationen gefunden. „Leibniz“ ist mehr und mehr eine Marke geworden, die die Institute verbindet, in Bild und Schrift. Sie steht für profilierte Einrichtungen der erkenntnis- und anwendungsorientierten Grundlagenforschung auf höchstem Niveau, und sie steht für eine enge Zusammenarbeit mit den Hochschulen. Bund und Länder schätzen die Leibniz-Gemeinschaft als eine Wissenschaftsorganisation, die ihre Stärke – um mit Ihren Worten zu sprechen, lieber Herr Mayer – aus der koordinierten Dezentralität bezieht.

Deutschland gehört im internationalen Vergleich zu den innovativsten Nationen. Das soll auch so bleiben. Deshalb brauchen wir ein Wissenschaftssystem, das selbst exzellente Wissenschaft hervorbringt und attraktiv für die besten Forscherinnen und Forscher weltweit ist. Der Bund trägt seit Jahren dazu bei, dass dies gelingt: Mit steigenden Mitteln für die Forschung, mit Wettbewerben für wissenschaftliche Exzellenz und gute Lehre, mit dem Wissenschaftsfreiheitsgesetz.

Der Koalitionsvertrag legt erneut eine hohe Priorität auf Bildung und Forschung: Insgesamt 9 Milliarden Euro werden zusätzlich in Bildung, Wissenschaft und Forschung investiert. Mit der Verständigung vom 26. Mai 2014 ist nun der Weg frei für die konkrete Umsetzung.

Aus den für die Forschung vorgesehenen 3 Milliarden Euro werden wir insbesondere den Pakt für Forschung und Innovation ab 2016 fortführen. Mit diesem Pakt haben Bund und Länder ein deutliches Zeichen zugunsten der deutschen Wissenschaft und Forschung gesetzt. Davon profitiert auch die Leibniz-Gemeinschaft.

So hat sich die institutionelle Grundförderung der Leibniz-Gemeinschaft seit 2005 von 736 Millionen Euro auf 994 Millionen Euro im Jahr 2013 erhöht. Berücksichtigt man den Wechsel des FZ Rossendorf und des IfM / GEOMAR in die HGF, ist dies eine Steigerung von mehr als 50 % in wenigen Jahren.

Die Leibniz-Gemeinschaft und die anderen Forschungsorganisationen haben durch den Pakt für Forschung und Innovation neben Planungssicherheit vor allem großen Spielraum für ihre Arbeit erhalten. Das erfolgreiche Modell wollen wir deshalb auch über das Jahr 2015 fortsetzen. Wir wollen die notwendigen Verhandlungen zwischen Bund und Ländern und den Dialog mit den Wissenschaftsorganisationen über die konkreten Zielsetzungen dieses Paktes bis Ende dieses Jahres abschließen. Den Paktaufwuchs in Höhe von 3% übernimmt allein der Bund – und wir streben eine Paktperiode von wiederum 5 Jahren an. Damit schultern wir angesichts des bedauerlichen Ausstiegs der Länder das Eineinhalbfache.

Diese Politik und ihre Maßnahmen können aber immer nur so gut sein, wie sie in den Hochschulen und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen angenommen werden und Veränderungsprozesse auslösen.

Lieber Herr Prof. Mayer,

  • in diesem Sinne hat sich die Leibniz-Gemeinschaft unter Ihrer Präsidentschaft deutlich weiterentwickelt. Sie haben die Internationalisierung vorangetrieben und konnten dabei auf Ihre vielfältigen internationalen Erfahrungen zurückgreifen.
  • Die Leitlinien zur Karriereförderung und die Formulierung ehrgeiziger Ziele für die Gleichstellung von Wissenschaftlerinnen zeigen, wie sehr Ihnen gleichzeitig auch die Karriereförderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Herzen liegt.
  • Unter Ihrer Präsidentschaft wurden sieben Einrichtungen neu in die Gemeinschaft aufgenommen und damit wichtige Profilgebiete wie beispielsweise die Bildungsforschung weiter gestärkt.

Daran, dass die Leibniz-Gemeinschaft in der deutschen Forschungslandschaft hohes Ansehen genießt, haben Sie, lieber Herr Prof. Mayer, auch ganz persönlich großen Anteil.

Ein sichtbares Zeichen hiervon war die Koordinatorenrolle in der Allianz. Sie haben diese sehr früh in Ihrer Amtszeit übernommen und mit Ihrer offenen, kollegialen Gesprächskultur geprägt. Inhaltlich haben Sie dabei einen Schwerpunkt auf Verbesserungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs gesetzt. Dies konnten Sie umso überzeugender tun, als Sie Ihre eigene wissenschaftliche Karriere bemerkenswert früh und konsequent entwickelt haben: Bereits mit 32 Jahren wurden Sie habilitiert und übernahmen bald Leitungsaufgaben im ZUMA, dem Vorläufer der heutigen GESIS, und später über 20 Jahre hinweg im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Und noch eine weitere persönliche Eigenschaft kam Ihnen auf diesem Wege besonders zugute: Ihr unbestechliches und kompromissloses Qualitätsbewusst­sein. Dies ist nicht nur ein Markenzeichen Ihrer wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch Ihres wissenschaftspolitischen Handelns. Auf diese Weise haben Sie als Mitglied des Wissenschaftsrates seit 1993 und später als Vorsitzender dessen Wissenschaftlicher Kommission wichtige, strukturell wirkende Entscheidungen beim Zusammenwachsen der Forschungslandschaften in Ost- und Westdeutschland maßgeblich mitgeprägt. So ist es auch nur konsequent, dass Sie Jahre später nicht nur einen Teil der Früchte dieser Entscheidungen als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft selber einbringen durften, sondern dass Sie mit diesem besonderen Qualitätsbewusstsein auch die Gemeinschaft immer wieder gefordert und geprägt haben.

Dafür danke ich Ihnen sehr herzlich – auch im Namen von Bundesministerin Wanka.

Lieber Herr Prof. Mayer, im kommenden Jahr werden Sie in Oxford Ihre internationalen Kontakte vertiefen und ausbauen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie trotz dieser Pläne wieder etwas mehr Zeit haben, das Leben zu leben. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie wieder mehr Zeit für die Forschung finden. Ob es die hochaktuelle Ungleichheitsforschung sein wird, zu der sie in Berlin und in Yale maßgeblich beigetragen haben, das werden Sie uns vielleicht nachher verraten.

Ich freue mich sehr, dass Sie weiterhin ihr Wissen und Ihre Erfahrung in die deutsche Wissenschaft einbringen und beispielsweise im Wissenschaftlichen Beirat zu unserem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs mitarbeiten werden.

Von Dank und Rückblick komme ich zu Glückwunsch und Vorschau:

Auf einen Geisteswissenschaftler folgt nun ein Ingenieur an die Spitze der Leibniz-Gemeinschaft. In der thematischen Breite der Institute ist das gut und wichtig, um der Vielfalt gerecht zu werden.

Lieber Herr Professor Kleiner, Sie wurden auf der Mitgliederversammlung der Leibniz-Gemeinschaft im November vergangenen Jahres mit überwältigender Mehrheit gewählt. Das ist ein deutliches Signal: Sie werden mit offenen Armen empfangen. Man schätzt Ihr Wissen und Ihre vielfältige Erfahrung im Wissenschaftsmanagement.

Wir werden dies brauchen. Sie können auf einer hervorragenden Grundlage aufbauen, aber sie stehen auch vor Herausforderungen.

  • Dazu gehört, die in der neuen Leibniz-Strategie liegenden Chancen voll auszuschöpfen. Das heißt vor allem auch, die Vernetzung weiter zu verstärken und die Profil- und Schwerpunktbildung voranzutreiben.
  • Dazu gehört, unter den Bedingungen eines 3%-igen Paktwachstums eine angemessene Balance zwischen einer berechenbaren Entwicklung der Kernhaushalte und hinreichenden Spielräumen zu finden: Spielräumen für strategische Entscheidungen wie für Neuaufnahmen und strategische Erweiterungen von Mitgliedsinstituten.
  • Dazu gehört, die ehrgeizigen Ziele der Leibniz-Gemeinschaft zur Förderung von Frauen ebenso Realität werden zu lassen wie Ihre anspruchsvollen Leitlinien zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
  • Dazu gehört es, die neue Internationalisierungsstrategie zu nutzen, um die Position der Gemeinschaft in Europa weiter zu stärken und das globale Netzwerk der Institute auch für andere Mitglieder der Gemeinschaft, für Hochschulen und andere Partner fruchtbar zu machen.

  • Und dazu gehören Themen wie die weitere Stärkung der Verwertung oder die Entwicklung einer Infrastrukturstrategie.

Lieber Herr Professor Kleiner, wir können darauf setzen, dass Sie mit neuen Impulsen und den neuen strategischen Instrumenten das Potential der Leibniz-Gemeinschaft weiter erschließen. Und darauf, dass Sie als profilierter Europäer die Leibniz-Gemeinschaft in Deutschland, Europa und der Welt noch stärker sichtbar machen werden.

Deutschlands Stellung innerhalb des Europäischen Forschungsraumes wird maßgeblich durch die wissenschaftliche Leistung der deutschen Wissenschafts- und Forschungsorganisationen bestimmt. Als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft sind Sie hier eine wichtige Stimme.

Gerne sichere ich Ihnen dabei unsere volle Unterstützung zu. Präsidiale Erfahrung haben Sie ja bereits! Als neuem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft wünsche ich alles Gute und mit Gottfried Wilhelm Leibniz, ich zitiere:

„Klarheit in den Worten, Brauchbarkeit in den Sachen.“

Der Leibniz-Gemeinschaft wünsche ich weiterhin viel Erfolg – auch und gerade dabei, das Leben zu erkennen.

Vielen Dank !