"Weddellrobben sind echte Gesangskünstler"

Der Klimaforscher Olaf Boebel über die Unterwasserkommunikation mariner Säuger, Revierverteidigung und Nahrungssuche und darüber, wie der Klimawandel das Leben in der Antarktis verändert. Ein Interview mit bmbf.de

Im Tiefschlaf atmen Weddellrobben nur durch ein Nasenloch, um keine Wärme zu verlieren. © Joachim Plötz

bmbf.de: Herrn Boebel, Sie forschen mit Weddellrobben. Worum geht es dabei?

Olaf Boebel: Unsere Arbeitsgruppe zur Ozeanischen Akustik versucht zu verstehen, welche Rolle die Unterwasserkommunikation im Leben mariner Säuger spielt. Dieses Fachgebiet - wir nennen es Marine Akustische Ökologie - ist relativ neu und verbindet biologisch-ökologische Fragestellungen mit der Unterwasserakustik als physikalischer Disziplin.

Warum ausgerechnet die Weddellrobbe?

Die Weddellrobbe ist nur eine von gut zwei Dutzend Säugerarten im Südpolarmeer, die uns interessieren.  Rein akustisch fällt sie dadurch auf, dass sie küstennah, mit Ausnahme des Südsommers, fast das gesamte Jahr unter Wasser zu hören ist und unglaublich viele verschiedene, mitunter fast außerirdisch anmutende Geräusche erzeugt. Ökologisch ist sie vor allem als Musterbeispiel für standorttreue Robben und ihr bioakustischen Verhalten interessant.

Olaf Boebel beschäftigt sich mit "Mariner Akustischer Ökologie" © AWI

Was können Sie aus dem Gesang der Tiere ableiten?

Weddellrobben sind echte Gesangskünstler. Sie beherrschen bis zu 40 Laute. Andere Robbenarten erzeugen eher monotone Geräusche. Die Krabbenfresserrobbe klingt zum Beispiel manchmal wie eine Kuh, die Ross Robbe eher wie eine Polizeisirene in New York.  Wozu die einzelnen Laute der Weddellrobben genau dienen, ist allerdings nicht so klar.  Man vermutet, dass einzelne Laute gewissen Aktivitäten zuzuordnen sind, wie zum Beispiel der Revierverteidigung, der Nahrungssuche oder der Kommunikation zwischen Mutter und Jungtier. Diese Zuordnung ist jedoch schwierig, da eine zeitgleiche visuelle Beobachtung des Verhaltens unter Wasser nicht einfach ist. Wir hoffen, dass wir bald mehr wissen - mit Hilfe neu entwickelter Datenlogger, die den Roben aufgeklebt werden können.

An welchem Projekt arbeiten Sie derzeit?

Unser Schwerpunkt liegt zurzeit bei den Walen, und hier vor allem bei den Blauwalen.  Wir versuchen mit Hilfe von  über das Weddellmeer verteilten Unterwasserrekordern ihre Präsenz im Jahreszyklus festzuhalten.  Aus diesen Daten - in Verbindung mit satellitengestützten Umweltdaten wie zum Beispiel der Eisbedeckung oder der dynamischen Meeresspiegelhöhe - versuchen wir dynamische Karten zu erstellen, um so besser ihr Migrationsverhalten, aber auch ihre Funktion im Ökosystem des Südpolarmeeres verstehen zu können.

Warum ist es so wichtig, dass Ihre Forschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird?

Passiv akustische Langzeitmessungen, das heißt mehrjähriges Monitoring, sind ein relativ neues Werkzeug, das uns erst jetzt eine systematische Untersuchung der Wanderungen mariner Säuger im Jahresverlauf und über Ozeanbecken hinweg erlaubt. Noch haben wir, zumindest in der Antarktis, die einmalige Gelegenheit ein in vielen Aspekten noch weitgehend ungestörtes Ökosystem zu erforschen.  Das kann sich jedoch schnell ändern, denn unsere marinen Ökosysteme befinden sich, angetrieben durch den Klimawandel, im Umbruch.  Ohne ein Verständnis des status quo werden unsere Versuche, die Dynamik des Ökosystems und seine Reaktion auf den Klimawandel zu verstehen, unsäglich viel schwerer. Und der Klimawandel zeigt sich auch darin, wie sich die akustische Umwelt ändert.