Wege zu einer modernen Medizin

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, anlässlich der Veranstaltung in Berlin

Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, eröffnet die Konferenz © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich begrüße sie herzlich im Bundesministerium für Bildung und Forschung.

„Wege zu einer modernen Medizin“ – unter dieser Überschrift kommen wir heute zusammen. Es mag der Gedanke aufkommen: „Modern“ war Medizin in unserem Land schon immer und ist sie glücklicherweise auch heute noch. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland waren und sind Wegbereiter moderner Medizin. Deutschland gehört zu den fünf Ländern, die weltweit am meisten in Forschung und Entwicklung investieren. Im laufenden Jahr verfügt das BMBF über einen Rekordetat von 17 Milliarden Euro. Diese Gelder stellen wir bereit, um die wichtigsten Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen und sie nach vorne gerichtet zu gestalten. Die Gesundheitsforschung ist dabei eines der Themen von höchster Priorität.

Entscheidend ist jedoch: die Zeiten ändern sich rasant. Die Gesundheitsforschung befindet sich in einem massiven Umbruch. Digitalisierung, Gentechnologie, Globalisierung und Demographie sind dabei Treiber und Rahmen zugleich. Es geht daher darum, unsere Konkurrenzfähigkeit im internationalen Wettbewerb zu behaupten und auszubauen. Wir müssen uns in weiten Teilen neu ausrichten, um zukunftsfähig zu bleiben.

„Individualisierte Medizin“ – das Thema der heutigen Veranstaltung – ist ein Resultat der neuen Entwicklungen. Sie ist Hoffnungsträger für neue, bessere Ansätze für Diagnose, Therapie und Prävention. Durch die Fortschritte in der molekularen Diagnostik, der Datensammlung und -aufbereitung und darauf aufsetzende, maßgeschneiderte Therapien haben wir ein Werkzeug in der Hand, die Gesundheitsversorgung deutlich zu verbessern.

Die Medizin des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich von dem, was wir bisher kannten: Sie wird immer mehr durch personalisierte, individualisierte und stratifizierte Ansätze geprägt sein. Die genetische Veranlagung, das Geschlecht, das Alter, aber auch Lebensstil, soziale Faktoren und Umwelteinflusse werden stärker in medizinische Ansätze einfließen.

Als eines der ersten nationalen Programme in Europa nahm der Aktionsplan „Individualisierte Medizin“ des BMBF ab 2013 diese Vision in den Fokus. Dabei sollten vor allem genetische und molekulare Daten und Erkenntnisse genutzt werden, um personalisierte Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Heute können wir diese Informationen in viel größerem Umfang nutzen und mit weiteren individuellen Datensätzen verknüpfen.

Ich denke hier beispielsweise an klinische Daten aus der Bildgebung oder an Informationen zum individuellen Lebensstil.

Grundlage hierfür sind vor allem leistungsfähige Ansätze bei den Informations- und Kommunikationstechnologien. Aber auch die beträchtlichen Fortschritte bei vielen biomedizinischen Hochdurchsatzverfahren und Diagnosetechnologien verbessern die Möglichkeiten für maßgeschneiderte Behandlungen.

Eine besondere Maßnahme, die darauf abzielt, die Entwicklungen der Digitalisierung für die Gesundheitsforschung zu nutzen, ist unser Förderkonzept Medizininformatik, das wir 2015 auf den Weg gebracht haben. Wir stellen insgesamt 150 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren bereit. Es geht darum, die bislang noch weitgehend getrennten Datenwelten der Patientenversorgung und der biomedizinischen Forschung miteinander sinnvoll zu verknüpfen.

Parallel fördern die vielfältigen Maßnahmen des Aktionsplans weitere Fortschritte auf dem Weg zu einer individualisierten Medizin, etwa in den Bereichen Stammzellforschung, Systemmedizin, Pharmakologie oder auch Immuntherapie.

Neben allen technologischen Errungenschaften erfordern jedoch auch die gesellschaftlichen Auswirkungen besondere Aufmerksamkeit. Das wurde in Deutschland sehr früh erkannt.

Schließlich fördern wir – und das ist einmalig in Europa – seit 20 Jahren Forschung zu ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten der modernen Lebenswissenschaften. Die ELSA-Forschung ermöglicht es, Chancen und Risiken medizinischer Innovationen wissenschaftlich fundiert zu bewerten. Sie gibt eine unverzichtbare Grundlage für nationale und internationale Diskussionsprozesse und Initiativen.

Die ELSA-Forschung steht vor immensen Aufgaben: Innovationszyklen werden immer kürzer, Disziplinen verschränken sich zunehmend, Prozesse beschleunigen sich.

Dies bedeutet, dass regulative Antworten auf komplexer werdende Sachverhalte immer schneller geliefert werden müssen. Gleichzeitig müssen die unterschiedlichen Auswirkungen durch und auf eine sich hochdynamisch entwickelnden Gesellschaft mitabgewogen werden. Deshalb freue ich mich sehr, dass es heute um die Vernetzung von ELSA-Projekten mit Projekten der medizinischen Forschung gehen wird.

Im Zentrum des heutigen Tages stehen Fragen rund um die Verwirklichung der individualisierten Medizin. Einen Beitrag dazu leistet die Stammzellforschung. Die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen wird bis auf weiteres die Grundlage innovativer Forschungsvorhaben bleiben - dies trotz der beachtlichen Fortschritte der Forschung mit induzierten pluripotenten Stammzellen. Zu diesem Schluss kommt der Siebte Stammzellbericht, den wir vergangene Woche dem Kabinett vorgelegt haben. Der Bericht wartet mit erfreulichen Erkenntnissen auf:

  • Das Potenzial humaner embryonaler und induzierter pluripotenter Stammzellen für die Entwicklung neuer Therapiekonzepte und Wirkstoffe konkretisiert sich weiter.
  • Die beteiligten Disziplinen vernetzen sich zunehmend.
  • Die Forschung mit pluripotenten Stammzellen gewinnt neben der Grundlagenforschung zunehmend an Bedeutung, um Krankheitsmechanismen zu verstehen und um neue Wirkstoffe zu testen und zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund Forschungspolitik zu gestalten bedeutet: Zum einen müssen wir unsere starke Grundlagenforschung erhalten und ausbauen, zum anderen müssen wir bei der Entwicklung von Anwendungen nachlegen.

Denn im Vergleich zu anderen Ländern fällt uns die Translation von der Grundlagenforschung in die angewandte, von der präklinischen in die klinische Forschung und von dort zum Patienten schwerer. Das BMBF fördert zwar seit 2016 interdisziplinäre Forschungsverbünde aus der angewandten grundlagennahen und klinischen Forschung. Sie sind darauf ausgerichtet, das Potenzial neuartiger Reprogrammierungstechnologien und induzierter pluripotenter Stammzellen für die individualisierte Medizin zu erschließen. Dies kann aber nur ein erster - wenn auch wichtiger - Beitrag sein.

Deshalb freue ich mich ausdrücklich über Initiativen und Impulse außerhalb unseres eigenen Wirkungskreises. Auf dem Frühjahrsforum der Deutschen Hochschulmedizin im April beispielsweise war die Digitalisierung der Medizin das zentrale Thema. Die Deutsche Hochschulmedizin beabsichtigt, Standards für eine digitale und forschungskompatible Patientenakte zu entwickeln. Im Ergebnis soll so die Versorgung verbessert werden. Die Aufgabe ist herausfordernd und erfordert vielfältige Arbeits- und Abstimmungsprozesse.

Mein Rat an dieser Stelle ist auch, die Patienten von Anfang an im Sinne von Transparenz und Vertrauensbildung in die Prozesse einzubeziehen.

Daueraufgabe bleibt also, die IT-Infrastruktur in Deutschland auszubauen und zu standardisieren. Wie stringent gesundheitsbezogene Daten innerhalb weniger Jahre landesweit verknüpft und zur Erarbeitung maßgeschneiderter Therapieansätze gesammelt werden können, lässt sich beispielhaft in den USA nachvollziehen. Prof. Roden vom Vanderbilt University Medical Center hat auf dem Frühjahrsforum eindrucksvoll darüber berichtet, wie dies gelingen kann: Wir müssen kurze Wege schaffen, und für unbürokratisch-pragmatische Vernetzung entlang der Akteurskette von Gesundheitsforschung und –versorgung sorgen. Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit wollen wir noch in diesem Jahr eine Strategie für die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung entwickeln. Dies ist ein erster wichtiger Schritt.

In welche Richtung wir in nächster Zeit weiterdenken sollten, dafür habe ich auf meiner Reise in die USA vor einem halben Jahr Ideen sammeln können. Ich habe ausgewählte Spitzeninstitute der Medizinforschung in Philadelphia, Boston und New York besucht. Anregungen und Modelle von dort, die bei der Translation eine wichtige Rolle spielen, sollten wir in unsere weiteren Überlegungen einbeziehen. Es gilt, wichtige Fragen anzugehen:

  • Wie lässt sich der Technologietransfer hochgradig und sicher professionalisieren? Ein Gesichtspunkt ist, weitere Anreize für mehr Kooperation zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Industrie zu schaffen. Durch die Gestaltung der Schnittstellen und der Einrichtung von Technologieplattformen und Infrastrukturen können wir Unternehmergeist und wissenschaftliche Begeisterung produktiv zusammenführen.
  • Eine besondere Herausforderung besteht darin, Medikamente für immer kleinere Patientengruppen zu entwickeln. Die so genannte Orphanisierung der Medizin stellt an die Studienmethodik wie auch an den regulatorischen Rahmen ganz neue Anforderungen.
  • Wir müssen uns auch fragen, wie unkonventionelle Ideen unbürokratisch gefördert werden können. Auch das vermeintliche Scheitern in einem innovativen Umfeld darf nicht das Karriereende bedeuten, sondern muss als Risikobereitschaft gewürdigt werden.

Die Aufgaben und Fragen sind komplex und anspruchsvoll. Wir haben hierzulande indes gute Voraussetzungen, um Lösungen zu entwickeln.

  • Wir verfügen über alle notwendigen wissenschaftlichen und technologischen Kompetenzen, um herausragende Forschungsergebnisse in neue und konkurrenzfähige Produkte umzusetzen.
  • Wir beteiligen uns an internationalen und europäischen Initiativen zur individualisierten Medizin, beispielsweise am „Internationalen Konsortium für personalisierte Medizin“ oder den ERA-Netzen. Dadurch sind wir im Austausch mit unseren Wettbewerbern und gestalten die internationalen Forschungsprozesse mit.
  • Unser Gesundheitssystem öffnet sich zunehmend für Innovation, wie etwa über die Modellvorhaben des Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss.

Schließlich und endlich aber haben wir Sie!

Ihre Meinung und Erfahrung, Ihre Begeisterungsfähigkeit als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind der Nukleus für neue Initiativen und Ansätze für die Individualisierte Medizin. Ich lade Sie hier und heute herzlich ein: Tauschen Sie sich aus, knüpfen sie Kontakte, lassen Sie sich anregen, vielleicht auch überraschen! Lassen Sie uns auch wissen, welche Erwartungen Sie an uns haben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen interessanten und erfolgreichen Tag!