Wege zur Mobilitätswende – Forschung und Innovation für eine Nachhaltige urbane Mobilität

Rede von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, anlässlich der Eröffnung der Agendakonferenz in Berlin

 Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Staatsekretär Bomba,
sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
sehr geehrter Prof. Kampker, sehr geehrter Prof. Knie,
meine verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zur Agendakonferenz „Wege zur Mobilitätswende - Forschung und Innovation für eine nachhaltig urbane Mobilität". Agendakonferenz heißt, dass Sie heute und morgen gefragt sind, sich aktiv einzubringen. Wir wollen mit Ihnen, den Expertinnen und Experten in der „Mobilität“, darüber reden, welche neuen Mobilitätskonzepte und-Dienstleistungen wir brauchen, wo Wissen darauf wartet in der Praxis auf den Weg gebracht zu werden und wo wir noch Wissenslücken schließen müssen.

Dass wir dringend über das Thema Mobilität reden müssen, zeigt sich schon daran, dass wir heutzutage zwar rein technisch gesehen immer schneller immer weiter reisen können, in der Praxis gerade in Städten aber immer langsamer vorankommen.

Was glauben Sie, wie schnell ein Autofahrer durchschnittlich im städtischen Berufsverkehr, z.B. in Berlin oder Bonn, unterwegs ist? Mit 9 Kilometern pro Stunde. Das ist gerade einmal doppelte Schrittgeschwindigkeit! Die Straßen sind verstopft oder durch Lieferverkehr blockiert. Mehr als 500 Mio. Stunden pro Jahr sind die Deutschen allein auf Parkplatzsuche. Unsere Infrastrukturen sind überlastet.

Mit unserem heutigen Mobilitätsverhalten kommen wir immer mehr an Grenzen, auch ökologisch: Der Ausstoß von CO2 geht im Vergleich zu allen anderen Sektoren bei der Mobilität immer noch nicht zurück. Das gefährdet unsere Klimaziele.

Verkehrslärm, Stickoxide und Feinstaub belasten unsere Umwelt und Gesundheit. Und der Dieselskandal macht deutlich, dass dies zunehmend auch massive Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft hat. Zwar verspricht die deutsche Autoindustrie nun neue, innovative und umweltfreundliche Fahrzeugmodelle für die kommenden Jahre. Eine echte Aufbruchsstimmung ist - wohl auch aufgrund gut gefüllter Auftragsbücher - für mich zumindest bislang noch nicht erkennbar. Die deutschen Autohersteller drohen – gerade beim elektrischen autonomen Fahren – den Anschluss zu Konkurrenten aus den USA und China zu verpassen. Mit potentiell katastrophalen Folgen für die deutsche Wirtschaft:

Etwa 800 000 Arbeitsplätze hängen direkt von der Autoindustrie ab.

Wir dürfen es also keinesfalls beim Reden belassen. Wir müssen etwas tun und dabei eingetretene Pfade verlassen, um unsere Mobilität nachhaltig und zukunftsfähig zu machen.

Wobei wir dabei die Stärkung unseres Wirtschaftsstandorts und die Bedürfnisse der Menschen im Blick haben müssen. Das sagt sich einfach, führt in der Praxis jedoch schnell zu Konflikten zwischen konkurrierenden Interessen, z.B. einerseits zwischen dem Bedürfnis mit neuen, breiten Straßen die Mobilität der Menschen zu verbessern und andererseits dem Ziel die Flächenversiegelung zu reduzieren. Unsere Erfahrung zeigt, dass Forschung bei solchen Zielkonflikten die verschiedenen Perspektiven unvoreingenommen und sachlich beleuchten kann und dann Lösungsvorschläge entwickeln kann, die ausgewogen sind. Forschung kann also eine wichtige Mittlerfunktion einnehmen. Wir wollen uns deshalb für ein neues systematisches Mobilitätsforschungsprogramm einsetzen. In dessen Zentrum muss eine unabhängige, innovationsorientierte Mobilitätsforschung stehen, die ihre Lösungsansätze im Dialog mit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft entwickelt. Konkret sollte ein solches Forschungsprogramm drei Schwerpunkte haben:

Erstens brauchen wir weiterhin eine offensive Forschung und Entwicklung für Schlüsseltechnologien.

Denn neue Technologien eröffnen uns neue Lösungsoptionen. Deshalb fördert das BMBF derzeit Forschung zum elektrifizierten autonomen Fahren mit rund 100 Mio. Euro.

Durch autonome und vernetzte Mobilität können wir den Verkehr zukünftig sicherer und effizienter machen. In Kombination mit „carsharing“-Dienstleistungen können Autos zudem von zwei, drei oder sogar mehr Personen geteilt werden. Außerdem können autonome Fahrzeuge mehr soziale Teilhabe für Menschen ermöglichen, die selbst kein Fahrzeug steuern können. Elektromobilität wiederum ist ein Schlüssel für den Umstieg auf erneuerbare Energiequellen in der Mobilität. Trotzdem müssen wir auch offen über Alternativen und Brückentechnologien reden,  Synthetischen Kraftstoffen könnten so eine Brückentechnologie werden, die verkehrsbedingte Emissionen schnell, effizient und im großen Maßstab senkt: Denn synthetische Kraftstoffe verbrennen sauberer als fossile. Und wir können sie ohne große Umstellungen für Kunden und Händler anbieten, da sie auf einer bewährten und hochentwickelten Technologie aufsetzt: dem Verbrennungsmotor. Trotzdem, um synthetische Kraftstoffe marktfähig zu machen, brauchen wir den Schulterschluss von Forschung, Automobilbranche, Chemie und Mineralölwirtschaft. Im Forschungsministerium loten derzeit die nächsten Forschungs- und Umsetzungsschritte in diesem Zukunftsfeld aus.

Zweitens muss Mobilität stärker systemisch begriffen werden.

In Deutschland besteht nach wie vor große Skepsis gegenüber der Elektromobilität. Mit 60 000 zugelassenen Elektroautos bleibt deren Anteil an den über 40 Mio. Fahrzeugen hierzulande vernachlässigbar. Das zeigt, dass neue Technologien nicht unsere einzige Antwort sein dürfen. Wir müssen sie stärker in den Kontext bestehender sozialer und struktureller Randbedingungen stellen. Vor allem müssen wir uns mit den Wünschen und Ängsten der Menschen auseinandersetzen.

Welche Rolle spielt Mobilität für sie? Wie stellen Sie sich eine lebenswerte Stadt vor? Deshalb brauchen wir Forschung, die Mobilität stärker als System von verschiedenen wechselwirkenden Bereichen versteht: Stadtplanung, Infrastrukturen, Verkehrsmittel, Logistik, Dienstleistungen und Mobilitätsangebote. Sogar die Zukunft der Arbeit spielt vor dem Hintergrund des weiter zunehmenden Pendlerverkehrs eine wichtige Rolle.

Was „Mobilität als System verstehen“ heißen kann, zeigt die vieldiskutierte „Intermodalität“, bei der mehrere Transportmittel – Auto, Bus, Fahrrad, LKW, Drohne – auf dem Weg von A nach B kombiniert werden. Dafür brauchen wir neue Schnittstellen, die die zeitlichen und räumlichen Wechselwirkungen von Transportmitteln und Nutzern verbessern. Und wir brauchen neue Geschäftsmodelle, die diese Konzepte aufgreifen. Die Automobilindustrie werden sich dabei immer mehr zum Mobilitätsdienstleister weiterentwickeln.

Drittens brauchen wir neue Innovationsökosysteme für die Mobilität.

Mobilitätsforschung muss transdisziplinär im engen Dialog mit Anwendern erfolgen. Denn nur so kann sie Lösungsansätze bereitstellen, die unmittelbar praxisrelevant werden. Und nur so kann sie neue Fragestellungen aus der Praxis direkt aufgreifen.

Wir wollen deshalb neue Innovationsökosysteme für die Mobilität anregen, in denen Forschung, Startups, etablierte Unternehmen, Kommunen, Verbände und Bürger gemeinsam neue Mobilitätskonzepte entwickeln und voranbringen. Die Städte und Kommunen wünschen sich diese Zusammenarbeit.

Das hat die Leitinitiative Zukunftsstadt des BMBF für die nachhaltige Stadtentwicklung klar bewiesen. Darauf wollen wir aufbauen und in „Modellkommunen“ neue Mobilitätskonzepte gemeinsam mit Forschung, Bürgern und Unternehmen in der Praxis erproben. Wir werden hierbei gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium unsere jeweiligen Stärken und Erfahrungen zusammenbringen.

Meine Damen und Herren,  wir müssen die nötigen Veränderungen in der Mobilität stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen. Ich habe auch den Eindruck, dass immer mehr Menschen dazu bereit sind. Dass sie die Mobilitätswende hin zu mehr Nachhaltigkeit angehen wollen. Das zeigt mir auch die „Berliner Erklärung“, die hier heute vorgestellt wird. Ich begrüße diese Initiative sehr und danke den Initiatoren, z.B. Prof. Knie, für ihr Engagement. Wir werden Ihre Impulse gern für unsere Arbeit aufgreifen und weiterentwickeln. Das ist es auch, was ich mir von Ihnen für die kommenden zwei Tage wünsche: Entwickeln Sie Ihre Ideen und Perspektiven weiter und teilen  Sie uns mit, auf welchen Wegen wir zur Mobilitätswende kommen können.

Vielen Dank!