Weihnachten auf Spitzbergen

Die nördlichste Forschungsstation der Erde liegt auf Spitzbergen. Forschende wie Atmosphärenchemikerin Bettina Haupt untersuchen dort Klima und Ökosystem der Arktis. Im Gespräch mit bmbf.de berichtet sie unter anderem, wie sie Weihnachten verbringt.

Bettina Haupt vom Alfred-Wegener-Institut leitet in diesem Jahr die deutsch-französische Polarforschungsstation AWIPEV auf Spitzbergen
Bettina Haupt vom Alfred-Wegener-Institut leitet in diesem Jahr die deutsch-französische Polarforschungsstation AWIPEV auf Spitzbergen © Lucas Blijdorp

Die Forscherin vom Alfred-Wegener-Institut leitet in diesem Jahr die deutsch-französische Polarforschungsstation AWIPEV auf Spitzbergen und damit die nördlichste Forschungsstation der Erde. Die Inselgruppe im Arktischen Ozean steht unter norwegischer Verwaltung und gilt als größtes Labor für Arktisforschung der Welt. Forscherinnen und Forscher aus Norwegen, Deutschland, Frankreich, China und vielen weiteren Ländern untersuchen im Forscherdorf Ny Ålesund auf Spitzbergen das Klima und das Ökosystem der Arktis.  

Frau Haupt, Sie werden in diesem Jahr garantiert weiße Weihnachten erleben. Freuen Sie sich?

Ja, ich freue mich sehr. Das gibt es in Deutschland ja nicht mehr so häufig. Ich finde es toll, Schnee in großen Mengen zu haben, der sogar liegen bleibt. Ich genieße es, dass wir hier wie in der Kindheit Schneemänner bauen können. Unser erster Schneemann in diesem Jahr blieb nicht lange stehen: Er ist zwar nicht weggeschmolzen, aber weggeweht.

Spitzbergen
Spitzbergen © Lucas Blijdorp

Wie werden Sie Weihnachten verbringen?

An Weihnachten werden noch etwa 40 Personen in Ny Ålesund sein – norwegische und italienische Forscherinnen und Forscher und drei Deutsche und ein Franzose. Wir achten hier sehr strikt auf die Einhaltung der Coronamaßnahmen, um die Insel vor Corona zu schützen. Den ganzen Dezember lang finden immer mal kleinere Veranstaltungen wie gemeinsames Backen, Filmabende und Unihockeyspiele statt. Ich fühle mich hier nicht einsam. Gerade im Winter, wenn weniger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Station sind, wachsen wir noch enger mit den norwegischen und italienischen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Wir wichteln untereinander und per Post erreichen uns Geschenke von unseren Familien. 

Ziemlich besonders ist die Tradition, dass wir einen Eisblock als Weihnachtsbaumständer verwenden. Der würde in Deutschland wohl nicht lange halten, aber hier liegen die Temperaturen zur Weihnachtszeit meist bei minus zehn Grad, da funktioniert das. 

Ich bin auch immer für eine Schneeballschlacht zu haben. 

Forschen und Leben auf Spitzbergen
Forschen und Leben auf Spitzbergen © Lucas Blijdorp

Bei Ihnen herrscht schon seit einigen Monaten Polarnacht. Was macht das mit Ihnen?

An Weihnachten ist es tatsächlich komplett finster. Im November gab es noch jeden Tag ein, zwei Stunden, in denen wir eine leichte Dämmerung hinter den Bergen erahnen konnten. Dass es jetzt so dunkel ist, finde ich nicht schlimm. Gerade zu Weihnachten ist es eigentlich sogar sehr kuschelig mit all den schönen Lichtern und dem glitzernden Schnee. Das einzige Problem, das wir, die die Dunkelheit nicht von klein auf gewohnt sind, haben, ist es, dass unser Schlafrhythmus aus dem Takt gerät und wir mit der Müdigkeit zu kämpfen haben. Auf der Station haben wir daher Tageslichtlampen und zum Frühstück werden Vitamin D-Tabletten angeboten. 

[Funkgerät im Hintergrund]

Entschuldigung, das war einer unserer Techniker, der Hilfe beim Umbau eines Lagers im Arktisobservatorium vom zweiten Techniker angefordert hat. Werktags von 8 bis 17:30 Uhr muss ich permanent am Funkgerät sein. Zusätzlich habe ich das Funkgerät jede dritte Nacht und jedes dritte Wochenende durchgehend an, um mitzubekommen, wenn ein Notfall passiert oder ein Schiff in unserer Nähe in Seenot gerät. Somit kann ich schnellstmöglich Hilfe organisieren, wenn es im Feld, auf einem Gletscher oder auf dem Meereis einen Notfall gibt. Es kann zum Beispiel passieren, dass jemand auf einen Eisbären trifft. Es gibt hier Huskys, die uns manchmal bei unserer Forschung im Feld begleiten. Mit ihrer feinen Nase wittern die Hunde Eisbären sehr früh und schlagen dann Alarm. Es gibt auch die Möglichkeit, die Hunde vor einen Schlitten zu spannen und eine Runde durchs Dorf zu drehen. Das habe ich selbst aber noch nicht gemacht. Dafür muss man die norwegischen Kommandos kennen, damit die Hunde auf der Straße bleiben und man nicht im Feld landet.

Was vermissen Sie an Weihnachten am meisten? 

Meine Familie und Freunde. Ich werde besonders das typische Weihnachtsessen mit meiner Familie vermissen: Bei meiner Familie gibt es traditionell Rinderzunge gekocht in Rotwein in einem Bierteig ausgebacken mit Rotkraut und Klößen. Wir planen aber, zwischen den Jahren ein ganz klassisches deutsches Weihnachtsessen mit Gans oder Ente und Rotkraut und Klößen für unsere norwegischen und italienischen Kolleginnen und Kollegen zu kochen. Darauf freue ich mich schon.

Eislandschaft rund um Spitzbergen
Eislandschaft rund um Spitzbergen © Lucas Blijdorp

Was werden Sie zu Weihnachten nicht vermissen?

Die Hektik der Stadt und dass es in der Stadt so hell ist. Hier vermeiden wir Lichtverschmutzung so gut wie möglich. Das ist wichtig für die Forscherinnen und Forscher, die die Polarlichter vermessen, um über deren Eigenschaften die Weltraumumgebung unseres Planeten zu untersuchen, das sogenannte Weltraumwetter. Die hellen Lichter der Stadt vermisse ich tatsächlich nicht. Es ist schön, den Nachthimmel mit Sternen und Satelliten, vor allem aber die beindruckenden Polarlichter, sehen zu können. 

Haben Sie auf Spitzbergen etwas von der MOSAiC-Expedition mitbekommen, der größten Arktisexpedition aller Zeiten, die vom Herbst 2019 bis zum Herbst 2020 stattgefunden hat?

Ja natürlich, bei dieser Expedition haben wir alle mitgefiebert. Auch wir deutschen Überwinterer auf der AWIPEV-Station sind Angestellte des Alfred-Wegener-Instituts und teilen das gemeinsame Ziel, die Polarforschung voranzutreiben. Uns ist es wichtig, dass MOSAiC den Fokus auf die Bedeutung des Arktischen Klimas für den ganzen Planeten gelenkt hat. Außerdem hat die POLARSTERN bei ihrer Rückkehr aus dem Arktischen Drifteis im Oktober 2020 einen Zwischenstopp vor unserer Station eingelegt und uns Ausstattung zurückgegeben und weitere überlassen, die sie nun nicht mehr benötigen und die von jetzt an der Forschung hier zugutekommt: wissenschaftliche Instrumente und Überlebensanzüge, die wir gut gebrauchen können. Toll war auch, dass wir die Möglichkeit hatten, Proben, die permanent gekühlt werden müssen, unkompliziert in den Eisschränken der POLARSTERN nach Bremerhaven zu schicken. 

Liebe Frau Haupt, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrem Team Frohe Weihnachten auf Spitzbergen und weiterhin alles Gute für Ihre Forschung!