"Weihnachten nehmen wir Kurs auf den Kermadec-Vulkanbogen"

Lutz Mallon, der Kapitän der "Sonne", des modernsten deutschen Forschungsschiffes, über Glühwein im Südpazifik, die strengen Arbeitspläne der Wissenschaftler und Sehnsucht nach der Familie

Herr Mallon, Sie verbringen Weihnachten auf dem Pazifik zwischen Neukaledonien und Neuseeland. Dort ist Hochsommer. Kommen Sie da überhaupt in Weihnachtsstimmung?

Das ist ein bisschen schwierig: Man muss das Schiff abdunkeln. Wenn die Sonne hereinscheint,  kommt überhaupt keine Stimmung auf. Da nutzt es dann auch nichts, wenn alles schick ausgeschmückt ist. Wir machen darum nachmittags alle Rollos runter. Die Köche und Stewards reichen dann Glühwein und Punsch zu Kaffee und Kuchen. Kerzenlicht haben wir leider nicht – offenes Feuer wird an Bord nicht so gern gesehen. (lacht)

Das Forschungsschiff "Sonne"

Mit dem neuen Forschungsschiff "Sonne" begann für die deutsche Meeresforschung im Dezember 2014 eine neue Zeit. Mit einer Länge von 116 Metern und einer Breite von 21 Metern ist es das zweitgrößte Schiff der deutschen Forschungsflotte. Dank innovativer Meerestechnik erhalten die Meeresforscher Einblicke in zuvor unbekannte Tiefen der Ozeane. Zur Ausrüstung zählen hochwertige Echolote und Forschungswinden mit Kabeln von bis zu zwölf Kilometern Länge, die Messungen in den tiefsten Gräben der Weltmeere ermöglichen. Mehrere Tauchroboter können gleichzeitig den Meeresboden ablichten und wertvolles Probenmaterial an Deck bringen.

Haben Sie denn einen echten Tannenbaum?

Wir haben einen künstlichen Baum dabei. Neukaledonien ist zwar französisches Überseegebiet, ich weiß aber nicht, wie man dort Weihnachten feiert, ob man dort Tannenbäume kennt und einen frischen Baum überhaupt kaufen könnte. Wir haben einmal in Chile versucht, einen Tannenbaum zu bekommen - dort gab es dann aber auch nur künstliche Bäume. Selber einen Baum zu schlagen, kommt leider nicht in Frage, schließlich sind wir Gäste, da ziehen wir nicht mit Axt und Säge in den Wald. Und eigens einen Baum aus Deutschland kommen zu lassen, wäre viel zu aufwendig.

Gibt es ein bestimmtes Festessen?

Wir sind alle an Bord, um zu arbeiten. Das ist anders als zu Hause, wo man mit seinen Liebsten feiert. Am 24. treffen wir uns nachmittags zu Kaffee und Kuchen und sitzen gemütlich zusammen - wenn unsere Arbeit das denn zulässt. Am ersten Weihnachtsfeiertag gibt es ein leckeres Essen mit Gänsebraten oder Entenbraten. Was es genau gibt, entscheiden die Köche - es wird etwas Besonderes sein.

Das klingt ja so, als hätten Sie gar nicht so viel Zeit zu feiern?

In diesem Jahr haben wir das Glück, dass wir an Weihnachten noch auf dem Weg zu unserem Arbeitsgebiet im Kermadec-Vulkanbogen sind. An Heiligabend steht also keine Stationsarbeit an. Da haben zumindest die Wissenschaftler die Gelegenheit, ein bisschen zu feiern. Normalerweise ist ihre Arbeit an Bord minutiös durchgeplant, alles verläuft nach einem festen Plan. Da bleibt kaum Zeit für etwas anderes.

Gibt es Geschenke?

Im letzten Jahr hat die Reederei uns Geschenke an Bord geschickt. Da gab es ein mit der "Sonne" besticktes Badehandtuch und einen Kalender. Wir lassen uns Weihnachten gerne überraschen.

Worüber freuen Sie sich Weihnachten am meisten?

Das beste Weihnachtsgeschenk für einen Meeresforscher ist eine erfolgreiche Forschungsexpedition. Denn dafür sind wir ja alle an Bord gekommen. Wenn man sich so lange vorbereitet wie wir, Container packt, die Ausfahrt plant, dann will man eigentlich nur, dass alles klappt und dass man die Ziele, die man sich gesetzt hat, auch erreicht.

Wie gefällt Ihnen die neue "Sonne", die vor allem vom Bundesforschungsministerium gefördert wird?

Man kann hervorragend mit der "Sonne" arbeiten - das gilt für die Wissenschaftler genauso wie für die Besatzung. Die Kammern sind viel freundlicher und größer als auf der alten "Sonne". Das hilft, um das Leben an Bord so zu gestalten, dass man nicht allzu viel vermisst. Eigentlich vermissen wir nur unsere Liebsten - gerade an Weihnachten.

Ziel der Expedition: Unterwasservulkane

Am 22. Dezember 2016 läuft die "Sonne" und mit ihr 39 Wissenschaftler, 30 Besatzungsmitglieder und eine Journalistin aus der neukaledonischen Hauptstadt Nouméa aus. Sie nimmt Kurs auf den Kermadec-Vulkanbogen im Südpazifik.

Die Expedition unter der wissenschaftlichen Leitung der Geochemikerin Prof. Dr. Andrea Koschinsky von der Jacobs University Bremen führt das modernste deutsche Forschungsschiff mitten in die Kollisionszone von zwei der großen Kontinentalplatten der Erde: Die pazifische Kontinentalplatte taucht hier unter die australische. An dem Riss in der Erdkruste sind vor vielen Millionen Jahren Vulkane entstanden. Sie bildeten den Kermadec-Vulkanbogen zwischen Neuseeland und Tonga.

Ziel der Expedition sind die Vulkane unter der Meeresoberfläche: Mit dem Unterwasserroboter "MARUM QUEST" untersuchen die Forscher hydrothermale Quellen an den Unterwasservulkanen, aus denen unterirdisch erhitztes Wasser austritt. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, welchen Einfluss die heißen Quellen auf das Meerwasser und die Lebewesen in der Umgebung haben.