Weiterentwicklung der Bioökonomie-Forschungsstrategie

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, anlässlich der Auftaktveranstaltung in Berlin

Staatssekretär Schütte eröffnet die Veranstaltung
Staatssekretär Schütte eröffnet die Veranstaltung © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

über fünf Jahre sind vergangen, seit die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie verabschiedet wurde. Bald wird sie also – nach Jahren treuen Dienstes – in Pension geschickt. Wir wollen hier und heute die ersten Schritte gehen, um gemeinsam eine würdige Nachfolgerin zu finden.

Bevor wir in die Zukunft schauen, lassen Sie uns noch einmal kurz zurückblicken. Zum Zeitpunkt der Geburt der Nationalen Forschungsstrategie, im Jahre 2010, war der Begriff Bioökonomie weitgehend unbekannt. Die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie musste also echte Überzeugungsarbeit leisten. Unsere Pionierin kann durchaus als internationale Trendsetterin bezeichnet werden; sie war weltweit eine der ersten dedizierten Bioökonomie-Strategien. Inzwischen sind viele andere Länder unserem Beispiel gefolgt und haben die Bioökonomie in ihre nationale Politik integriert; durch eigene Bioökonomie-Strategien oder als Teil von übergeordneten Strategien.

Dass Deutschland beim Thema Bioökonomie eine Vorreiterrolle einnimmt, wurde auch beim Global Bioeconomy Summit deutlich. Ich vermute, viele von Ihnen waren im November 2015 bei der vom Bioökonomierat organisierten, weltweit größten Bioökonomie-Konferenz hier in Berlin dabei. Der Summit brachte erstmalig über 700 Teilnehmer aus rund 80 Ländern zusammen, um über den Status-Quo und die Zukunft der Bioökonomie zu diskutieren.

Einigkeit bestand hinsichtlich des übergeordneten Ziels der Bioökonomie: Weltweit weniger fossile und dafür mehr nachwachsende Rohstoffe nachhaltig und effizient zu nutzen und dabei der Ernährungssicherheit Vorrang einzuräumen.

Es zeigte sich, dass sehr unterschiedliche Konzepte und Zielvorstellungen mit dem Begriff Bioökonomie verbunden werden. Ursache dafür sind verschiedene natürliche Gegebenheiten, wirtschaftliche und/oder technologische Möglichkeiten und Schwerpunkte, aber auch unterschiedliche politische Fokusse.

Industrieländer sehen beispielsweise die Bioökonomie als Chance, innovative biobasierte Produkte und Prozesse sowie damit verbundene Dienstleistungen zu entwickeln und so neue Märkte zu erschließen. Schwellenländer wie Brasilien oder Malaysia investieren in den Aufbau neuer Industriezweige. Entwicklungsländer wollen mehr wirtschaftliche Teilhabe durch einen fairen internationalen Handel und Kooperationen zum Technologietransfer.

Die Mehrheit der Teilnehmenden auf dem Summit waren Befürworter der Bioökonomie – so wie ich: Ich bin überzeugt, dass die Bioökonomie einen entscheidenden Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft weltweit und damit für die Stabilität von Gesellschaften leisten kann! Dies gilt insbesondere auch für Regionen der Welt, deren Wirtschaft bis dato eher agrarbasiert ist und die über wenige fossile Ressourcen verfügen. Daher begrüße ich es sehr, dass im Kontext des Summit eine internationale politische Agenda für eine nachhaltige Bioökonomie-Politik diskutiert wurde.

Es gab/gibt allerdings auch kritische Töne: Die Bioökonomie verschärfe Ressourcen- und Umweltkonflikte vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern und global betrachtet soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten; die Biodiversität sei gefährdet; der Einsatz gen-technisch veränderter Pflanzen wird kritisiert. Diesen Argumenten und Bedenken müssen wir uns stellen; auch bei der Weiterentwicklung unserer Forschungsstrategie.

Fakt ist, dass die Bioökonomie auch in der Lebenswirklichkeit der Menschen ankommt. Erste bioökonomische Produkte und Verfahren machen die Bioökonomie für jeden aufmerksamen Verbraucher greifbar. Dazu gehören, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, die aus Bioplastik hergestellten grünen Dübel der Firma Fischer oder Waschmittel mit biotechnologisch hergestellten Enzymen, die schon bei niedrigen Temperaturen eine reinigende Wirkung haben. Ganz neu im Handel befindet sich auch seit Februar ein Bio-Spiritus-Reiniger, dessen Bioethanol aus Stroh hergestellt wird. Die entsprechende Anlage von CLARIANT im bayrischen Straubing wurde u.a. mit Förderung durch das BMBF errichtet und vor drei Jahren eingeweiht.

Zu bedenken ist auch: Ein großer Teil der Fortschritte ist für den Endverbraucher oftmals kaum sichtbar, aber dadurch nicht weniger wichtig. Dazu gehören zum Beispiel Fortschritte in Aufreinigungsprozessen, in der Nutzpflanzenzüchtung oder auch Dienstleistungen wie das Finden und Optimieren von Mikroorganismen oder Enzymen für industrielle Prozesse aller Art. Gerade letzteres ist ein Schlüsselbereich für die Entwicklung der Bioökonomie, in dem Deutschland international eine Spitzenposition einnimmt.

Zu dem wird auch in Deutschland das Potenzial, welches die Bioökonomie und die damit verbundene Transformation zu einer biobasierten Wirtschaft bieten, noch nicht ausgeschöpft. Wissenschaft und Technik haben sich weiterentwickelt und die Grenze des Machbaren ein Stück weiter verschoben. Es gibt daher Anpassungsbedarf für den forschungspolitischen Rahmen.

Anders als 2010 steht die Forschungsstrategie nicht mehr alleine da: Sie wurde im Sommer 2013 durch die Nationale Politikstrategie Bioökonomie der Bundesregierung – das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung ist federführend zuständig – ergänzt. Das war ein echter Meilenstein, denn während die Forschungsstrategie den forschungspolitischen Rahmen setzt, zeigt die Politikstrategie die übergeordneten Ziele, strategischen Ansätze und Maßnahmen für eine Transformation hin zu einer biobasierten Wirtschaft auf.

Es gilt nun, gemeinsam mit den anderen Ressorts die Forschungsaktivitäten der Bundesregierung neu auszurichten, neue Forschungsthemen zu identifizieren und diese in einer Strategie entsprechend zusammenzuführen. Querschnittsthemen wie die Aus- und Weiterbildung (z.B. die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses), die  Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen, aber auch Fragen der Rahmenbedingungen sind dabei zu berücksichtigen. Des Weiteren muss die künftige Strategie passfähig zu den vorhandenen Strategien zu „angrenzenden“ Thema wie z.B. Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit sein – dabei braucht es sowohl eine nationale als auch internationale Perspektive. Denn um das Potenzial der Bioökonomie voll auszuschöpfen, müssen wir global denken. Nur so kommen wir unserer gemeinsamen Vision von einer nachhaltigen Zukunft näher!

Genau diese Erkenntnis war auch eine der Triebfedern für den Bioökonomierat, den Global Bioeconomy Summit zu veranstalten. An dieser Stelle möchte ich den beiden Vorsitzenden, Frau Professor Lang und Herrn Professor von Braun, stellvertretend für alle Mitglieder des Bioökonomierats nicht nur für den Summit, sondern insgesamt für die geleistete Arbeit und ihr stetiges Engagement für die Bioökonomie danken. Der Bioökonomierat hat als Beratungsgremium geholfen, die Nationale Forschungsstrategie aus der Taufe zu heben. Danach half er durch seine Analysen, seine Anregungen und Kritik, die Förderung von Bioökonomie zu gestalten. Der Bioökonomierat wird uns – und darauf zählen wir – auch bei der nun anstehenden Suche nach einer Nachfolgerin für die Nationale Forschungsstrategie in bewährter Weise begleiten.

Und dort, wo der Bioökonomierat schon vorgedacht hat, werden wir anknüpfen.

Wie Sie sich sicher denken können: Ein Forschungsprogramm wird nicht an einem Tag geschrieben. Die heutige Veranstaltung ist, wie der Name „Auftaktveranstaltung“ bereits deutlich macht, der Beginn eines Prozesses. Schlüsselthemen, die sich heute als besonders wichtig herauskristallisieren, werden in den nächsten Monaten in eigenen Workshops vertieft diskutiert. Die Empfehlungen des Bioökonomierats, die Diskussionen und Ergebnisse des Hightech-Forums sowie des Fachforums „Nachhaltig Wirtschaften“ werden bei der Weiterentwicklung der neuen Forschungsstrategie ebenso einbezogen wie die Ergebnisse der Evaluation der Nationalen Forschungsstrategie. Das heißt: Wir wollen das Rad nicht neu erfinden, sondern auf dem Geleisteten, den Erfahrungen und auf der Expertise des Bioökonomierates und von Ihnen, meine Damen und Herren, aufbauen. Nichtsdestotrotz wird heute der Grundstein für das neue Forschungsprogramm gelegt.

Ich freue mich sehr, dass wir die inhaltliche Diskussion mit drei Preisträgern aus dem Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ beginnen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie sich von diesen jungen Forschern inspirieren! Richten Sie heute Ihren Blick nicht nur auf die nächsten fünf oder sechs Jahre der Förderung, sondern denken Sie in längeren Zeiträumen; denken Sie an das große Gesamtziel einer nachhaltigen Bioökonomie, einer gesamtgesellschaftlichen Transformation hin zu einer biobasierten Wirtschaft!

Wir müssen uns heute der Herausforderung stellen, gleichzeitig in die Vergangenheit und die Zukunft zu schauen: Was haben wir aus den Erfahrungen mit der Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie gelernt? Was muss getan werden, damit sich die Bioökonomie nicht nur in den nächsten sechs Jahren, sondern auch in den nächsten zwanzig oder fünfzig Jahren optimal entwickelt? Welche Themen sind dabei von besonderer Relevanz?

Ich möchte Sie ausdrücklich ermuntern, sich rege an den Diskussionen zu beteiligen. Lassen Sie uns teilhaben an Ihren Erfahrungen, Gedanken, Ideen und Visionen einer zukünftigen Bioökonomie – unabhängig davon, welchen fachlichen Hintergrund Sie haben. Es ist Ihre Chance, aktiv bei der Gestaltung des neuen Forschungsprogramms mitzuwirken; und somit wichtige Impulse für den weiteren Fortschritt der Bioökonomie zu geben.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen nun einen erfolgreichen und spannenden Tag – mit interessanten Einsichten, kontroversen Debatten und hoffentlich einigen „Aha-Erlebnissen“.