Weizenbaum-Symposium "The Future of Work and Innovation in a networked society"

Rede der Staatssekretärin im Bundesministerin für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, anlässlich des Symposiums in Berlin

Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, eröffnet das Weizenbaum-Symposium 2018 in Berlin © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrtes Gründungsteam,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

(I) Wissenschaft und Politik

Wissenschaft hat den Anspruch, die Welt zu verstehen, Politik hat den Auftrag, die Welt mit zu gestalten. Politik ist auf Wissenschaft angewiesen, wenn sie verantwortungsvolle, gut informierte Entscheidungen treffen will. Wissenschaft ist auf Politik angewiesen, um gut ausgestattet frei forschen zu können.

Wissenschaft und Politik sind aufeinander angewiesen, im Kern aber  voneinander unabhängig. Diese Unabhängigkeit versteht sich weder in der deutschen Geschichte noch in der Gegenwart Europas und der Welt von selbst. Wir setzen alles daran, dass sie in Deutschland selbstverständlich bleibt.

In diesem Selbstverständnis haben wir in der vergangenen Legislaturperiode auch das Deutsche Internet-Institut initiiert: Wir brauchen die Wissenschaft, um die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung besser zu verstehen und um die Digitalisierung besser gestalten zu können. Wir brauchen sie für das Verständnis von Algorithmen und wie man sie transparenter machen und kontrollieren kann. Wir brauchen sie in der Diskussion über den Umgang mit immer größeren Datenmengen und den Datenschutz. Und wir brauchen sie bei einem so zentralen Thema wie der Zukunft von Arbeit und Innovation.

Ich freue mich, dass das Weizenbaum-Institut dieses hochaktuelle Thema gewählt hat. Ich freue mich auch deshalb, weil wir uns mitten in dem von meinem Ministerium verantworteten Wissenschaftsjahr „Arbeitswelten der Zukunft“ befinden.

Das Symposium belegt, wie gut sich das Weizenbaum-Institut seit seiner Gründung im September 2017 entwickelt: Ein Standort für das Institut wurde gefunden, zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wurden eingestellt, Berufungsverfahren für das zukünftige Direktorium laufen, erste Forschungsaufgaben wurden präzisiert. Und heute findet das erste wissenschaftliche Symposium statt.

(II) Arbeitsplatzverlust?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Debatte um die Zukunft der Arbeit den eigentlichen Kern verfehlt. Die einen verkürzen die vielzitierte Studie von Frey und Osborne darauf, zehntausende Arbeitsplätze fielen auf Grund der Digitalisierung weg. Die anderen halten dagegen, sprechen von Schwarzmalerei und dass im Gegenteil zehntausende Arbeitsplätze neu entstehen. Da ist es gut, wenn die Sache genau und sehr konkret auf Deutschland bezogen untersucht wird. Das hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung getan - und es kommt zu folgenden Ergebnissen:

Roboter, Computer und sich selbst steuernde Maschinen haben bereits viele Arbeitsplätze ersetzt und werden das weiterhin tun, weil diese bestimmte Tätigkeiten besser oder günstiger ausführen können. Und zugleich: Durch den Einsatz dieser Maschinen konnten Produktivität und verfügbares Kapital gesteigert, und damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Verlust wurde in Deutschland sogar überkompensiert.

Die Herausforderung der Gegenwart ist also nicht, jedenfalls nicht in Deutschland, dass es insgesamt weniger Arbeit gibt, sondern dass der Arbeitsmarkt massiv in Bewegung ist. Branchen und Regionen sind und werden unterschiedlich davon betroffen sein: In einer Region wie München sind Fachkräfte knapp, Wohnraum kaum bezahlbar, die Löhne vielfach hoch; anderswo fehlen zukunftsorientierte Jobs und es mangelt womöglich an qualifizierter Weiterbildung und der Nachfrage.

Seien wir also ehrlich: Der Umbruch des Arbeitsmarktes schafft Gewinner und Verlierer, Zufriedene und Unzufriedende. Er stellt uns auch dann vor große Herausforderungen, wenn in Summe eben keine Arbeitsplätze verloren gehen.

Der oder die einzelne Beschäftigte hat deshalb nachvollziehbar Sorgen, die wir ernst nehmen müssen. Auch auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene stellen sich viele Fragen: Wie und wo genau vollziehen sich Arbeitsmarktumbrüche? Welche Kompetenzen sind künftig entscheidend? Wie müssen bestehende Kompetenzprofile angepasst werden? Wie können Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ineinandergreifen? Verändert sich Arbeit, wenn die Ortsbindung weniger wichtig wird? Wie gewinnen wir mehr Fachkräfte für zukunftsträchtige Bereiche?

Das sind Fragen, die Sie sicher auch im Laufe des Tages beschäftigen werden. Es sind Fragen, auf die wir noch bessere Antworten finden müssen - und dafür benötigen wir wissenschaftliche Expertise.

(III) Wir gestalten die Arbeitswelten der Zukunft

Wer das als Eingeständnis verstehen wollte, die Politik habe bisher zu wenig getan oder gar den digitalen Wandel verschlafen, liegt allerdings falsch.

Die neue Bundesregierung hat klare strukturelle Entscheidungen getroffen: Das Kanzleramt übernimmt die Koordination, neu eingerichtet ist ein Kabinettsausschuss für Digitalisierung. In Planung sind die Einrichtung eines Digitalrats und einer Daten-Ethikkommission.

Und die Politik hat sich bereits in den vergangenen Jahren  auf den Weg gemacht, die Arbeitswelten der Zukunft aktiv zu gestalten. Allein mein Ministerium hat fünf Schwerpunkte gesetzt – in der Bildungspolitik wie in der Forschungsförderung.

Wir müssen die Menschen nachhaltig für den digitalen Wandel befähigen und dabei mit aller Kraft darauf hinarbeiten, dass Chancengerechtigkeit  in der digitalen Welt und in der Arbeitswelt der Zukunft kein hohles Wort, sondern erfahrbare Wirklichkeit wird. Eine digitale Spaltung dürfen wir nicht zulassen.

Erster Schwerpunkt: Digitale Bildung. Wenn die Digitalisierung nahezu alle Lebens- und Arbeitsbereiche betrifft; wenn es zugleich unser Ziel ist, dass sich alle selbstbestimmt und sicher im Netz bewegen und kompetent im Umgang mit Daten sind - dann ist gute digitale Bildung keine Frage des Ob mehr, meine Damen und Herren, sondern nur noch des Wie. Wobei die Herausforderungen des  Wie groß genug sind. Wir müssen die Schulen ans schnelle Netz anschließen, wir müssen sie mit guter Infrastruktur ausstatten. Lehrerinnen und Lehrer müssen entsprechend aus- und fortgebildet werden und viele sind erst noch für die Möglichkeiten der Digitalisierung zu gewinnen.

Unser Kernstück dafür ist der Digitalpakt Schule, den wir in der vergangenen Legislaturperiode auf den Weg gebracht und für den wir die Länder gewonnen haben. Vielleicht haben Sie in den vergangenen Wochen gelesen: „Mit dem Digitalpakt geht es nicht voran“. Oder: „Die Finanzierung steht nicht.“ Ich sage Ihnen klipp und klar: Das ist falsch.

Der Koalitionsvertrag sieht vor, dass wir das Grundgesetz dafür ändern. Das geht naturgemäß nicht von heute auf morgen, doch der Regierungsentwurf ist schon am 2. Mai im Kabinett beschlossen und ins Parlament eingebracht worden. Der Koalitionsvertrag sichert auch die Finanzierung: 5 Mrd. Euro über 5 Jahre, davon 3,5 Mrd. in dieser Legislaturperiode. Wir konkretisieren derzeit weiter die Inhalte und werden mit Beschluss der Grundgesetzänderung und des Haushaltsgesetzes für 2019 zügig starten können. Bis dahin sind die Länder gut beraten, das ihrige insbesondere für die Lehreraus- und -fortbildung und die Entwicklung entsprechender Lehrformate zu tun.

Zweiter Schwerpunkt: Berufsbildung 4.0. Wir werden die berufliche Bildung mit einem Berufsbildungspakt modernisieren und attraktiver machen. So hat unsere gemeinsame Initiative mit dem Bundesinstitut für berufliche Bildung zum Ziel, anhand ausgewählter Berufsbilder die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Qualifikationsanforderungen frühzeitig zu erkennen und Empfehlungen für die Ordnungsarbeit zu geben. Wir fördern die Weiterbildung der Ausbilderinnen und Ausbilder, denn „train the trainer“ ist ein Erfolgsrezept.  Die überbetrieblichen Bildungsstätten statten wir mit moderner digitaler Technik aus. Wir fördern die Entwicklung und den Einsatz digitaler Medien in der beruflichen Bildung.

Natürlich fördern wir auch seit Jahren die Digitalisierung im Hochschulbereich – in Lehre wie Forschung.

Dritter Schwerpunkt: Lebenslanges Lernen. Der digitale Wandel macht überdeutlich, dass die Zeiten unweigerlich vorbei sind, in denen ein Kompetenzprofil für einen Job und einen Arbeitgeber ein Arbeitsleben lang ausgereicht hat. Deshalb fördern wir die Weiterbildung.

Gemeinsam mit den Sozialpartnern und den Ländern werden wir eine Nationale Weiterbildungsstrategie entwickeln, die gerade auch Antworten auf den digitalen Wandel der Arbeitswelt gibt. Wir bündeln die Weiterbildungsprogramme des Bundes und der Länder und etablieren eine neue Weiterbildungskultur.

Wie in der Ausbildung, prüfen wir, wo Anpassungen von beruflichen Profilen vorgenommen werden müssen und welche zusätzlichen Qualifikationen erforderlich sind. Wir treiben die Weiterbildung des pädagogischen Personals in allen Bildungsbereichen voran. Und wir fördern das individuelle Engagement mit bewährten Programmen wie der Bildungsprämie, den Weiterbildungsstipendien oder der beruflichen Aufstiegsfortbildung nach dem AFBG. Auch müssen wir die Hochschulen viel stärker für die wissenschaftliche Weiterbildung gewinnen.

Unser vierter Schwerpunkt: Die Forschung zu den Arbeitswelten der Zukunft. Lange bevor wir das Weizenbaum-Institut gegründet haben, haben wir bereits einschlägige Forschung finanziert: Produktionsforschung, um die industrielle Stärke unserer Wirtschaft zu bewahren; Dienstleistungsforschung, um zu ergründen, wie Dienstleistung in Produktionsprozesse integriert werden kann und wie sich Dienstleistung verändert; Arbeitsforschung, um zu verstehen, wie die neuen Möglichkeiten von IT und agiler Organisation zu einem Gewinn für Unternehmen und Beschäftigte werden.

Wir fördern außerdem den Einsatz und den verantwortungsvollen Umgang mit künstlicher Intelligenz. Deutschland ist hier einer der Vorreiter – und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz ist das größte weltweit.

Vor diesem Hintergrund konnten wir das aktuelle Wissenschaftsjahr „Arbeitswelten der Zukunft“ breit aufstellen. Wir verbinden damit lang erprobte partizipative Ansätze: Denn gerade die Gestaltung der Arbeitsplätze der Zukunft lebt von den Erfahrungen der Beschäftigten und der Sozialpartner.

Der fünfte Schwerpunkt: Innovationen. Eine hervorragende schulische und berufliche Bildung kommt individuell und gesellschaftlich nur dort zur vollen Entfaltung, wo die Neugier auf das Neue blüht. Wohlstand, Beschäftigung und die Zukunft der Arbeit hängen davon ab, dass Forschung, Entwicklung und Innovation hohe Wertschätzung erfahren.

Die deutsche Wirtschaft steht insgesamt hervorragend da. Sie gehört zu den Innovationsführern. Das gemeinsame Ziel von Staat und Wirtschaft, 3% des BIP in Forschung und Entwicklung zu investieren, ist nahezu erreicht, deshalb peilt der Koalitionsvertrag nun ambitionierte 3,5% bis 2025 an. Unsere Jugendarbeitslosigkeit ist die niedrigste in Europa. Die übergreifende Hightechstrategie der Bundesregierung in der Federführung meines Ministeriums stärkt die Innovationskraft. Wir werden sie weiterentwickeln und konsequent an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit und Pflege, Klima und Energie, Mobilität oder Sicherheit. Außerdem fördern wir Technologien wie die Mikroelektronik, die Quantentechnologie oder die IT-Sicherheit

(IV) Wir sind auf Vertrauen angewiesen.

Alles in allem sieht die Zukunft der Arbeit in Deutschland erst einmal gut aus.

Aber Selbstzufriedenheit wäre der Anfang vom Ende des Erfolgs. Wir müssen Stärken stärken und Schwachstellen erkennen:

Erstens. Wir brauchen noch mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung, gerade auch in kleinen und mittleren Unternehmen. Wir werden deshalb eine  steuerliche Forschungsförderung einführen.

Zweitens. Wir brauchen in Deutschland einen rascheren Transfer von der Forschung in die Anwendung, von der Idee zum Produkt. Dafür steht zum Beispiel unser Programm „Innovative Hochschule“ zur Stärkung regionaler Innovationssysteme. Wir planen außerdem eine Zukunfts-Cluster-Initative für Innovationsfelder mit exzellentem Wachstumspotenzial.

Drittens. Wir brauchen mehr Mut zum Risiko. Deshalb wollen wir eine Innovationsagentur für Sprunginnovationen ins Leben rufen, die staatlich finanziert und mit außergewöhnlicher Freiheit ausgestattet sein wird. Leicht wird das nicht, aber wir sind fest entschlossen, dem Neuen neue Chancen zu eröffnen.

Viertens. In einer Zeit der Krisen, der Verunsicherung, und, leider, der Vertrauensbrüche - Stichwort: Cambridge Analytica – brauchen wir Vertrauen - gerade auch, um die Arbeitswelten der Zukunft zu gestalten: Das Vertrauen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, der Bürgerinnen und Bürger in Wirtschaft und Staat und das Selbstvertrauen in unser Können, unsere Stärken und unsere Wandlungsfähigkeit.

Dazu müssen sich Politik, Wissenschaft und Gesellschaft besser erklären, besser und transparenter über Chancen und Risiken informieren und Falschinformationen auf allen Kanälen beharrlich und entschlossen entgegentreten. Wir müssen die Sicherheit im Netz, den Schutz vor Cyberangriffen wie vor Spionageprogrammen verbessern und wir müssen der unkontrollierten kommerzialisierten Weitergabe von Daten Einhalt gebieten. Wir müssen die Selbstbestimmung und letztlich die Menschenwürde in der virtuellen Welt ebenso schützen wie in der analogen.

Nehmen wir diese Herausforderungen gemeinsam an: Mit wissenschaftlicher Expertise, politischem Mut, unternehmerischer und sozialer Verantwortung und gesellschaftlichem Engagement.

Vielen Dank.