Weniger Fisch und trotzdem mehr Gewinn: Wie sich nachhaltige Fischerei lohnen kann

Egal ob Kabeljau oder Hering: Viele Menschen essen gerne Fisch – und am liebsten aus heimischen Gewässern. Dabei gilt die Ostsee seit Jahren als überfischt. Was das für die Fischereibetriebe bedeutet, erklärt der Kieler Ökonom Martin Quaas.

Hohe Nachfrage: Sprotte, Hering und Dorsch sind die meist gefangenen Fischarten in der Ostsee. © dpa/picture-alliance

Herr Quaas, die Ostsee gilt als überfischt. Was bedeutet das für das Meeresökosystem?

Nichts schadet dem Meer so sehr wie die Überfischung. Für viele Fischbestände liegt die sogenannte fischereiliche Sterblichkeit um ein Vielfaches über der natürlichen Sterblichkeit. Anders ausgedrückt: Menschen essen weitaus mehr Fische als es Raubfische, Robben, und andere Meerestiere tun. Das wirkt sich auch auf die natürlichen Wechselwirkungen im Meer aus, und indirekt auf die Populationen zum Beispiel von Plankton, Quallen und Meeresvögeln. Die Zusammenhänge sind allerdings so komplex, dass wir noch nicht alle Auswirkungen der Überfischung genau quantifizieren können. Dazu müssen wir noch mehr forschen.

Ein Fischbestand ist eine reproduktionsfähige Population, die in einem bestimmten geographischen Gebiet lebt und dort laicht. In der Ostsee sind nach Zahlen der Europäischen Union 19 von 46 Beständen und damit rund 40 Prozent überfischt.

Was genau sollte sich Ihrer Meinung nach ändern?

Die Fischerei sollte nachhaltiger werden. Bei nachhaltiger Fischerei ist das Verhältnis zwischen fischereilicher und natürlicher Sterblichkeit umgekehrt, denn es wird nur maßvoll gefischt. Aber auch nachhaltiger Fischfang kann wirtschaftlich sein.

An der deutschen Ostseeküste gibt es insgesamt 1825 Fischkutter. Davon sind 1349 kleine Kutter der handwerklichen Küstenfischerei. Drohen ihnen Einkommensverluste?

Das kann kurzfristig zwar passieren, insgesamt betrachtet ist Nachhaltigkeit in der Fischerei aber kein wirtschaftlicher Nachteil. Langfristig können die Betriebe mit nachhaltigen Fangmengen ihr Einkommen sogar steigern. Der Grund, dass sich das finanziell lohnt, ist die höhere Ressourcenrente.

Was heißt das?

Ein Fisch ist ein Lebewesen und deshalb schon von Natur aus ein wertvolles Gut. Im Unterschied zu anderen Konsumgütern muss ein Fisch nicht vom Menschen hergestellt, sondern nur gefangen werden.  Aber auch das bedeutet für den Betrieb Aufwand. Die Differenz zwischen dem Marktwert des Fisches und den Kosten, die durch den Fischfang anfallen, bezeichnen wir als Ressourcenrente. Je höher der Aufwand, desto weniger Gewinn macht der Betrieb. Wenn aber der Aufwand gering bleibt, dann ist das für den Betrieb wirtschaftlich lukrativ.

Zur Person

Martin Quaas ist Wirtschaftswissenschaftler und lehrt an der Universität Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte sind Umwelt-, Ressourcen- und ökologische Ökonomik.

Übertragen auf das Konzept der nachhaltigen Fischerei bedeutet das also, dass nachhaltiger Fischfang weniger aufwändig ist und deshalb kostengünstiger für den Betrieb.

Richtig, das ist die Überlegung hinter diesem Modell. Wenn sich die Bestände in der Ostsee erholt haben, schwimmen dort wieder mehr Fische und die Fischkutter haben es demnach leichter, zu fangen. Das wiederum bedeutet, dass die Betriebe weniger Ausgaben haben im Gegensatz zum Fischfang in einem überfischten Gewässer. Da es bei großen Fischbeständen weniger aufwändig ist, eine bestimmte Menge Fisch zu fangen, braucht man in einer nachhaltigen Fischerei in der Regel auch weniger Fischer, Kutter und Fanggeräte. Die Fischereien erwirtschaften also mit geringeren Kosten denselben Ertrag. Die Ressourcenrente, die ich eben angesprochen habe, steigt. Als Volkswirte unterscheiden wir drei Arten von Einkommen: das Kapitaleinkommen, das Arbeitseinkommen und die Ressourcenrente. Die Arbeits- und Kapitaleinkommen sind beim nachhaltigen Fischfang geringer als beim konventionellen Betrieb. Darin liegt eine große Herausforderung für den Übergang zu einer nachhaltigeren Fischerei: Obwohl sie sich gesamtwirtschaftlich lohnt, geht die Beschäftigung in der Fischerei zurück.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt ihr Forschungsprojekt „Nachhaltiger Konsum und Bewirtschaftung von Meeresfischen“. Warum ist die Förderung so wichtig?

Unser Vorhaben konzentriert sich auf die ökonomischen Aspekte nachhaltiger Fischerei. Unter anderem wollen wir das eben beschriebene Szenario der Einkommenssteigerung einerseits und der Einkommensverteilung andererseits für die deutsche Fischerei konkretisieren. Dazu arbeiten wir interdisziplinär – unser Team setzt sich gleichermaßen aus Volkswirten und Meeresbiologen zusammen. Wir planen eine umfangreiche Befragung unter den deutschen Fischern vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein und eine Online-Befragung von Fischkonsumenten in ganz Deutschland. Die Forschungsergebnisse wollen wir mit Fischern, Fischereigenossenschaften und politischen Entscheidungsträgern diskutieren.

Sind Aquakulturen eine Alternative zum direkten Fang aus dem Meer?

Wir sind genau dieser Frage in einer kürzlich veröffentlichten Studie nachgegangen. Unsere Rechnungen zeigen, dass ein fortschreitender Ausbau der Aquakultur den Fischereidruck auf manche Wildfischbestände tendenziell reduzieren kann. Zugleich gehen wir aber von einer weiter steigenden globalen Nachfrage nach Fisch und von sich weiter verbessernden Fangtechniken aus. Beides führt zu höheren Fangmengen. Der Ausbau der Aquakultur reicht bei weitem nicht aus, um diesem Trend entgegenzuwirken, zumal viele der Fischfarmen wildgefangenes Fischmehl als Futtermittel einsetzen. Eine zunehmende Überfischung lässt sich nach unseren Berechnungen nur durch ein verbessertes Management – insbesondere durch hinreichend knappe Fangquoten – wirksam verhindern.

Essen Sie denn selbst Fisch?

Ich mag gerne Fisch, und besonders gerne eigentlich den frischen Fisch aus der Ostsee.

Vielen Dank für das interessante und aufschlussreiche Gespräch.

Die Zukunft der Meere

Das Projekt „Nachhaltiger Konsum und Bewirtschaftung von Meeresfischen“ hat das Ziel die deutsche Ostseefischerei nachhaltiger zu machen. Wie das möglich sein kann, erforschen Wirtschaftswissenschaftler und Meeresbiologen der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Gefördert werden sie vom Bundesforschungsministerium im Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltige Entwicklung (FONA)“. Die Zukunft der Meere ist außerdem ein Schwerpunktthema im Jahr der deutschen G7-Präsidentschaft.