"Wer Schreibschrift schreibt, schreibt bewusster.“

Im Interview mit der BILD am Sonntag spricht Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über den Wert der Schreibschrift, Kleidervorschriften an Schulen und macht deutlich, dass ein Fach Alltagswissen gut wäre.

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

BILD am SONNTAG: Frau Wanka, wann haben Sie das letzte Mal per Hand einen Brief geschrieben?

Johanna Wanka: Vor Kurzem. Es ging um einen Todesfall. In einem solchen Fall ist Handschrift für mich auch ein Zeichen, dass man nicht auf vorgefertigte Worte zurückgreift.

Schreiben Sie viel per Hand?

Wanka: Ja, viel und gern. Zum Beispiel mache ich mir bei der Vorbereitung von Reden per Hand Notizen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mir den Text dann auch besser merken kann.

Der PISA-Sieger Finnland will ab 2016 die Schreibschrift aus dem Lehrplan der Grundschulen streichen. Flüssiges Tippen sei die wichtigere Fähigkeit. Haben die Finnen recht?

Wanka: Nicht alles, was Finnland macht, muss richtig sein. Es gibt Studien, die belegen: Wer Schreibschrift schreibt, schreibt bewusster. Schreibschrift fördert außerdem die Feinmotorik und das logische Denken.

Aber reicht dafür nicht das Lernen von Druckbuchstaben?

Wanka: Nein. Schreibschrift ist mehr als schönes Schreiben. Dabei werden Synapsen im Gehirn trainiert.

Müssen wir uns nicht damit abfinden, dass bestimmte Kulturtechniken einfach aussterben? Wir fahren ja auch nicht mehr mit der Pferdekutsche oder benutzen Telefone mit Wahlscheibe.

Wanka: Manche Dinge überleben sich in der Tat. Die Schreibschrift gehört aber nicht dazu. Auch bei uns gibt es Tendenzen, sie abzuschaffen, weil es auf den ersten Blick leichter wirkt, gleich Druckbuchstaben zu benutzen. Das wäre ein Fehler. Wir müssen die Schreibschrift retten!

Ein fränkisches Gymnasium hat kürzlich Kleidervorschriften eingeführt. Miniröcke, Tank-Tops und sichtbare Unterwäsche sind verboten. Wären solche Dresscodes generell an Schulen sinnvoll?

Wanka: Ich finde, dass man mit Kleidung auch immer ein Stück Achtung gegenüber einer Institution zum Ausdruck bringt. Eine Schule ist etwas anderes als ein Freibad. Wenn sich Lehrer und Schüler auf solche Regeln verständigen, ist das in Ordnung. Aber Kleiderverbote sind nicht der richtige Weg.

Viele Länder haben Schuluniformen – gegen den Markenwahn und auch, um das Zugehörigkeitsgefühl zu stärken. Sollte man das auch in Deutschland einführen?

Wanka: Nein. Auch hier gilt: Wenn Schüler, Lehrer und Eltern an einer Schule das einführen möchten – in Ordnung. Aber als Zwang wäre das falsch. Kleidung ist ein Ausdruck von Individualität. In der DDR waren zum Beispiel Niethosen, also Jeans, und sogenannte Nato-Planen, gelbe Regenjacken, verboten. Sie galten als Symbol des Imperialismus. Wer sie anhatte, musste nach Hause gehen und sich umziehen. Abgesehen davon stehen Schuluniformen auch nicht jedem.

Eine Umfrage hat kürzlich ergeben, dass 75 Prozent der Deutschen sich das Fach „Benehmen“ an den Schulen wünschen. Können sich die Schüler von heute nicht mehr benehmen?

Wanka: Ich glaube, diese Klage gab es schon immer. Aber: Bestimmte Verhaltensweisen – Pünktlichkeit, Höflichkeit – sind nicht nur in der Schule, sondern auch in Beruf und Gesellschaft wichtig. Ich halte es für richtig, dass sie in der Schule nicht nur vermittelt, sondern auch bewertet werden. Aber wir brauchen kein eigenes Schulfach dafür. Da würden mir andere Themen einfallen.

Zum Beispiel?

Wanka: Das Fach „Alltagswissen“ fände ich gut. Dort könnten die Schüler Dinge lernen, die für ihr praktisches Leben wichtig sind. Ich denke da an die Fallen in Handyverträgen, handwerkliche Fähigkeiten, aber auch an Grundkenntnisse in richtiger Ernährung und Kochen. Viele Jugendliche schauen mit Begeisterung Kochsendungen, können aber ohne Mikrowelle keine Lebensmittel mehr zubereiten.

Eine Schülerin hat in diesem Jahr für einen Beitrag bei Twitter viel Beifall bekommen. Sie schrieb: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben.In 4 Sprachen.“ Werden in den Lehrplänen die falschen Schwerpunkte gesetzt?

Wanka: Man kann nicht immer sofort sehen, wofür etwas nützt. Natürlich kann man sagen: Wozu brauche ich eine Gedichtinterpretation? Aber hier geht es darum, sich in etwas hineinzuversetzen, Emotionen zu verstehen, zu erkennen, was Schönheit ausmacht. Im Idealfall lernt man, Kultur zu genießen. Das ist wichtig für das Lebensglück.

Haben Sie schon vom „Hattie-Faktor“ gehört?

Wanka: Hattie ist ein bekannter neuseeländischer Bildungsforscher. Ich habe ihn mal kennengelernt.

John Hattie, genau. Eine Art Guru der Bildungsforschung. Er sagt: Entscheidend für den Schulerfolg ist der einzelne Lehrer. Nicht die Klassengröße oder der Zustand des Schulgebäudes. Teilen Sie diese These?

Wanka: Dass der Lehrer in der Schule die entscheidende Figur ist, wussten wir schon vorher. Mein Deutschlehrer hat mich beispielsweise für das ganze Leben beeinflusst.

Inwiefern?

Wanka: Herr Schotte, inzwischen leider verstorben, war ein schrulliger, eher introvertierter Lehrer. Er hat meine Liebe zur Literatur geweckt, Fragen nach dem Sinn des Lebens gestellt. „Schuld und Sühne“ von Dostojewski zum Beispiel hat mich als Schülerin sehr bewegt. Literatur war damals mein Anker und auch Tor zur Welt.

Das Bild der Lehrer schwankt zwischen faulen Säcken und Burn-out-Opfern. Warum?

Wanka: Die Erwartung an Lehrer ist unermesslich. Sie sollen alles reparieren, was bei den Kindern irgendwann schiefgelaufen ist. Hinter dieser Erwartung können sie nur zurückbleiben. Die Wertschätzung für die Lehrer ist in den vergangenen Jahren aber stark gestiegen. Das ist gut. Lehrer sind Helden des Alltags!

Hauptärgernis für Eltern und Schüler ist der häufige Unterrichtsausfall. In Berlin gibt es jetzt sogar ein Volksbegehren, weil jede fünfte Schulstunde ausfällt. Haben Sie schon unterschrieben?

Wanka: Das ist Sache der Länder, da muss ich mich raushalten. Aber: Unterrichtsausfall ist quer durch die Republik ein großes Problem. Eine gute Lehrerversorgung muss sichergestellt sein. Wer da zu knapp kalkuliert, riskiert, dass in manchen Klassen ganze Themenblöcke nicht behandelt werden und die Schüler zurückfallen.

In Sonntagsreden ist Bildung immer Top-Thema, aber montags wird dann der Rotstift angesetzt, und dann fehlen Lehrer, Sporträume, Bücher. Wo bleibt der Aufschrei?

Wanka: Sie haben recht: Bildung darf nicht nur in Sonntagsreden vorkommen, sondern muss auch in den Haushalten der Länder das wichtigste Thema sein. 2008 wurde zwischen Bund und Ländern verabredet, dass 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgegeben wird. Derzeit stehen wir bei 9 Prozent, es muss also noch etwas getan werden. Das bedeutet: Auch wenn die Schülerzahlen sinken, dürfen die Ausgaben für Bildung nicht gekürzt werden!

Das Interview führten Roman Eichinger und Miriam Hollstein.