Wertschöpfung durch Forschung in Deutschland

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, anlässlich des Ehrenkolloquiums zum 65. Geburtstag des Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, Prof. Dr. Reimund Neugebauer

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek gratuliert Reimund Neugebauer zum 65. Geburtstag und würdigt seine Arbeit für die Forschungslandschaft in Deutschland © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Lieber Herr Professor Neugebauer!

Ihr heutiger Geburtstag ist ein Tag der Emotionen. Millionen haben eben mit der deutschen Nationalmannschaft mitgefiebert und etwas gezeigt, was wir in den vergangenen Monaten in Gesellschaft und Politik ein wenig vermissen: Zusammenhalt und Euphorie, das Streben nach einem gemeinsamen Ziel, die Zuversicht, es gemeinsam packen zu können.

Und in diesem Sinne möchte ich Sie alle herzlich begrüßen:

Sehr geehrter Herr Kollege Heitor aus Portugal, sehr geehrter Herr EU-Kommissar Oettinger, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmer, sehr geehrter Herr Professor Stratmann, sehr geehrter Herr Professor Fuhrmann, sehr geehrter Herr Professor Kurz, sehr geehrte Gäste!

I.

Für meinen Festvortrag in diesem Ehrenkolloquium hat man mich um das Thema: „Wertschöpfung durch Forschung in Deutschland“ gebeten – ein umfassendes Thema, kaum möglich es mal eben zwischen Vorspeise und Nachspeise abzuhandeln.

Denn inhaltlich hat der Begriff der Wertschöpfung in seiner Geschichte zahlreiche Wandlungen erfahren und je nachdem, welche fachliche Perspektive man einnimmt, ergeben sich unterschiedliche Prioritäten: In der Wirtschaft ist die Wertschöpfung das primäre Ziel jeder produktiven Tätigkeit – es geht vor allem um das „Haben“, um die „Geldwertsteigerung“; während die sogenannte ideelle Wertschöpfung – mit der sich schon Philosophen der Antike wie Sokrates und Platon auseinandersetzten - auf das „Sein“ und den „Sinnzuwachs“ ausgerichtet ist. Jedoch vermischen sich die verschiedenen Sichtweisen von Wertschöpfung zunehmend, denn auch in der Wirtschaft werden die ethischen Faktoren immer wichtiger – längst geht es in Deutschland nicht mehr um bloße Produktivitätssteigerung, sondern auch um ein gutes Arbeitsklima, um Nachhaltigkeit, eine angemessene Entlohnung oder Wertschätzung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Fest steht auch, dass die Wertschöpfung im 21. Jahrhundert durch Globalisierung und Digitalisierung einem starken Kulturwandel unterliegt: Fabriken haben keinen lokalen Standort mehr, sondern sind globale Netzwerke. Produkte entstehen nicht mehr in Fabriken, sondern weltweit. Wertschöpfung entsteht nicht mehr überwiegend durch Produkte, sondern ganz wesentlich auch über Dienstleistungen. Und der Wertschöpfungsprozess folgt nicht mehr einer linearen Planung, sondern wird zunehmend selbstorganisierend. Zeit also, sich mit der modernen Wertschöpfungskette auseinanderzusetzen und den Bogen zu einer Institution zu schlagen, die mit ihrer Forschung und Entwicklungen einen hohen Beitrag zur Wertschöpfung unseres Landes leistet – und damit meine ich materielle wie ideelle Werte!

II.

Die Forschung bei Fraunhofer „rechnet sich“ – für Fraunhofer selbst. Aber nicht nur. Sie rechnet sich vor allen Dingen auch für die Wirtschaft und für die Menschen in unserem Land: Mikroelektronik, Künstliche Intelligenz, Medizintechnik, autonomes Fahren sind Stichworte dafür.

Deutschland ist in Bewegung. Und Fraunhofer liefert gewissermaßen den Treibstoff dafür. Mit ihrer Forschung und ihren Zukunftsvisionen trägt Fraunhofer entscheidend dazu bei, dass in Deutschland originelle Ideen reifen, neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen entstehen. Dadurch gehört die Fraunhofer Gesellschaft zu den Innovationstreibern – in Deutschland und weltweit.

Fraunhofer konnte unter Ihrer Präsidentschaft, lieber Herr Neugebauer, enorme Zuwachsraten erreichen. Ihr Jahresbericht 2017 ist beeindruckend. Aber Finanzvolumen, Mitarbeiterzahlen und Investitionen sind für mich kein Wert an sich. Ein entscheidender Wert liegt für mich darin, wie die Erkenntnisse zum Wohle der Menschen und der Gesellschaft in die Anwendung gebracht werden.

Das ist es, was die Fraunhofer Gesellschaft ausmacht. Durch ein weit verzweigtes Netzwerk und vielfach erfolgreichen Transfer von der Theorie in die Praxis hat sich die Fraunhofer-Gesellschaft zu einer eigenen Marke entwickelt. Mit ihren vielfältigen, herausragenden Forschungsleistungen wird Fraunhofer national und international wahrgenommen und wertgeschätzt. In Asien, in den USA und sogar in Australien ist man interessiert am „Modell Fraunhofer“, das Sie, lieber Herr Professor Neugebauer, maßgeblich mitgeprägt haben. Dass es auch und gerade für Europa und Deutschland von großem Interesse ist, zeigt ihre Gästeliste:

So kann uns Günther Oettinger noch davon berichten, welchen Beitrag Fraunhofer zur Wertschöpfung in Europa leistet. Und Michael Kretschmer wird sicherlich noch auf die regionale Wertschöpfung eingehen, die Sie mit Ihrem hartnäckigen Engagement für die Forschungsfabrik Mikroelektronik in Sachsen erreicht haben.

Auch wenn der Kern der anwendungsorientierten Forschung, und damit die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie, schon vor Ihrer Zeit als Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft vorhanden war: Die Größenordnung und Qualität, wie wir sie heute in der Fraunhofer-Gesellschaft vorfinden, ist auf Ihr immenses Engagement zurückzuführen.

Denn Sie, lieber Herr Professor Neugebauer, legen Wert darauf, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gut miteinander zu verbinden. Sie wollen Grenzen verschieben. (Auch wenn Bundeskanzlerin Merkel mal mit Blick auf die Ukraine sagte, dass die Zeit der Grenzverschiebung eigentlich vorbei sei.) Sie wollen immer wieder Neues versuchen. Dinge frühzeitig anpacken. Aber Sie suchen auch das Team! Ich denke hier zum Beispiel an die Initiative zum Industrial Data Space.

Es braucht stets viel Mut und Beharrlichkeit, um Geld und Unterstützung für große Vorhaben einzuwerben. Dass Sie, lieber Herr Professor Neugebauer, über beides verfügen, können sicherlich in dieser Runde viele bestätigen.

Ein bisschen ist es mit Herrn Professor Neugebauer wie beim Kompressionsverfahren des MP3 (das vielen hier bekannt sein dürfte, denn es stammt ja schließlich aus dem Hause Fraunhofer): Das Kompressionsverfahren nutzt eine Eigenschaft der menschlichen Hörpsychologie (oder „Psychoakustik“) aus. Wahrgenommen werden in dem Salat aus Schallwellen nicht alle gleich, sondern die lautesten verdecken die leiseren. Herr Neugebauer gehört sicherlich – im positiven Sinne – in der Forschungslandschaft zu den Lautesten…

„Doch. Das geht. Das funktioniert. Das muss möglich sein.“ Das ist ihre Maxime. Doch - ein kleines Wort mit einer starken Aussage: Es steht für Widerspruch, Durchsetzungsvermögen, ein wenig Eigensinn aber sicherlich auch für großen Forschersinn. Es steht für Fraunhofer und für Sie. Ich danke Ihnen herzlich für Ihr nicht nachlassendes, großes Engagement!

III.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

in Zeiten, in denen wir viel über Digitalisierung von Daten und über Künstliche Intelligenz sprechen, dürfen wir eines nicht vergessen: Forschung ist zu einer komplexen Angelegenheit geworden. Forschung muss immer wieder begründet und vermittelt werden, dem Parlament, der Öffentlichkeit, ganz unterschiedlichen Gesprächspartnern. Dazu braucht es Forschende, die auch komplexe Themen und Zusammenhänge dem Gegenüber mit Begeisterung und auf Augenhöhe verständlich vermitteln. Toll fand ich zum Beispiel, als beim letzten Science March, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfach in Kneipen gegangen sind, um den Menschen bei einem Bier ihre Arbeit und neueste Erkenntnisse zu erklären. Solche Leute brauchen wir!

Dabei bewegt sich Forschung auch immer in einem Spannungsfeld – und ich weiß, Politik fordert viel:

Auf der einen Seite soll Forschung noch mehr Mut zum Risiko beweisen. Denn wir brauchen Innovationen, die das Potenzial haben, neue Märkte zu schaffen. Deshalb bin ich dafür, das System zu erweitern, noch mehr Dynamik bei Forschung und Entwicklung zu entfalten durch eine Agentur für Sprunginnovationen.

Auf der anderen Seite wollen wir einen ethischen Rahmen setzen, wenn sensible Themen beforscht werden, wie zum Beispiel das Genom oder die Künstliche Intelligenz. Denn solche Themen treiben viele Menschen um – nicht nur mit Enthusiasmus für das Neue, sondern auch mit Sorgen um die Zukunft. Nicht alles, was möglich ist, darf auch zum Einsatz kommen. [Gerade haben wir einen Enquete Kommission im Deutschen Bundestag eingerichtet, um Chancen, aber Grenzen von KI mit Experten auszuloten.]

Es liegt viel Arbeit vor uns – nicht nur kleinere Punkte, sondern viele große Aufgaben, die über die Zukunft Deutschlands, die Zukunft Europas und die Rolle Europas in der Welt entscheiden werden. Wir sind in den vergangenen Jahren in Europa von Krise zu Krise gegangen, haben vieles gut gemeistert, aber wir sind weiter gefordert: viel Arbeit, viel Kreativität, viel Mut zur Veränderung. Ich bitte Sie alle dabei mitzumachen.

Lieber Herr Professor Neugebauer, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.