Wettbewerb um Industriedaten

„Unternehmen müssen untereinander Daten austauschen, wenn sie ihre Geschäftsmodelle in der digitalen Welt erhalten und ausbauen wollen“, sagt Ministerin Karliczek. Dafür müsse es eine sichere Verbindung geben: den International Data Space.

Bundesministerin Anja Karliczek während ihrer Rede
Bundesministerin Anja Karliczek während ihrer Rede © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich des High Level Stakeholder Events des International Data Space am 22. Februar in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Neugebauer,

sehr geehrter Herr Professor Otto,

sehr geehrter Herr Dr. Achatz,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Künstliche Intelligenz wird ein Teil unserer Zukunft sein.

Und ich bin überzeugt: Sie wird uns ein besseres, ein gesünderes Leben ermöglichen.

Und sie wird uns überraschen.

Der Tag wird kommen, an dem mir mein Handy sagt: Leg mich mal zur Seite und geh nach draußen an die frische Luft.

Aber ernsthaft: Künstliche Intelligenz ist mittlerweile in unserer Mitte angekommen.  

In unserer Wirtschaft.

Aber auch bei jedem einzelnen von uns.

Viele von uns nutzen täglich diesen Fortschritt, ohne sich dessen bewusst zu sein.

I.

Um gut zu sein, braucht Künstliche Intelligenz aber vor allem eines: Daten!

Seit einigen Jahren schon geistert eine Nachricht durchs Land:

Daten sind der neue Treibstoff der Wirtschaft.

Die Tragweite der Veränderung wird langsam sichtbar.

Nun müssen wir ehrlich sein und eins erkennen:

Der Wettbewerb um Verbraucherdaten ist vorerst gelaufen.

Die erste Runde ist an die großen amerikanischen Konzerne gegangen.

Aber:

Der Wettbewerb um Industriedaten ist noch offen.

Ein Land wie Deutschland, mit einer starken Industrie, hat einen riesigen Schatz an Industriedaten. Den gilt es jetzt zu heben.

Hier liegen große Potenziale Künstlicher Intelligenz in Deutschland:

in der industriellen Produktion,
in der Logistik,
im Gesundheitswesen,
im Automobilsektor und
generell in einer nachhaltigen Mobilität in den Städten und auf dem flachen Land.

Noch ist nicht entschieden, wer dabei die Nase vorn haben wird.

Deutschland hat eine gute Ausgangsposition. Die gilt es zu nutzen.

Indem wir uns vernetzen, Daten auswerten und austauschen.

Damit aus Daten Wissen wird.
Damit Unternehmen mit Daten neue innovative Produkte entwickeln können.
Damit die deutsche Wirtschaft die Nase vorn hat im internationalen Wettbewerb.

Wir sind nicht in China:

Grenzenlose Kontrolle durch den Staat werden wir niemals akzeptieren.

Wir sind auch nicht in den USA.

Datenmacht in der Hand einiger weniger großer Konzerne wollen wir nicht.

Wir gehen einen anderen, einen eigenen Weg.

Unser Weg folgt einem Leitgedanken: Künstliche Intelligenz muss den Menschen dienen.

Sie darf Persönlichkeitsrechte und den Schutz von Daten nicht über den Haufen werfen.

Deswegen setzen wir auf europäische Standards für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz.

Europäische Standards für den Schutz und den Austausch von Daten.

Wir setzen uns damit ein hohes Ziel. Aber es ist ein wichtiges Ziel.

Denn am Ende kann und wird es uns im Wettbewerb um innovative Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil bringen, den wir nicht groß genug schätzen können.

Aber wie kann das gelingen?

II.

Hier kommt der International Data Space ins Spiel.

Kein Unternehmen kann es sich erlauben, andere in seine betrieblichen Datenflüsse hineinblicken lassen.

Daten enthalten häufig wichtige Geschäftsgeheimnisse. Sie sind auch ein Wirtschaftsgut und machen vielfach den Wert eines Unternehmens aus.

Unternehmen werden nicht wie Konsumenten ihre Daten so einfach weggeben. Zumindest nicht jene, die auch künftig mit ihren Geschäftsmodellen bestehen wollen.

Ein Datenintermediär entzieht Unternehmen Wertschöpfung. Sei er auch noch so vertrauenswürdig.

Aber Unternehmen müssen untereinander Daten austauschen, wenn sie ihre Geschäftsmodelle in der digitalen Welt erhalten und ausbauen wollen.

Deshalb muss es eine sichere Verbindung geben.

Und eine solche sichere Verbindung ist der IDS.

Er bietet eine Architektur für solch einen Datenaustausch.

Ein festes Regelwerk, um Daten sicher und zu fairen Bedingungen auszutauschen.

Ein Regelwerk und eine technische Lösung, auf die sich jeder verlassen kann.

Die Grundlage dafür, dass wir den Datenschatz  der Industrie heben können.

Ich stelle mir den International Data Space in etwa so vor:

All meine Daten stecken in einem Schrank: von der Geburtsurkunde über den Impfpass bis zur Versicherungspolice. Sie liegen verschlossen in verschiedenen Schubladen.

Nur ich habe die Schlüssel.

Der IDS ermöglicht mir, dass ich die Schlüssel zu den einzelnen Schubladen mit anderen teilen kann.

Ganz individuell.

Und ich bleibe Herr meiner Schlüssel.

Ich habe es jederzeit in der Hand, die Schlüssel zurückzuholen.

Bitte verzeihen Sie mir die holzschnittartige Darstellung.

Aber die Idee ist so einfach wie brillant:

Daten teilen und gleichzeitig immer Herr über die eigenen Daten bleiben. Darum geht es.

Das ist es doch, was wir wollen.

Ein festes Regelwerk, auf das sich jeder verlassen kann.

Ein Regelwerk nach europäischen Maßstäben.

In Deutschland kennen wir den ehrbaren Kaufmann. Der International Data Space ist der Raum für den ehrbaren Datenkaufmann.

Die Regeln sind dabei das eine. Das andere ist die Infrastruktur.

Wo steht mein Schubladenschrank?

Wir wollen, dass er in Europa steht.

Nur dann können wir die Sicherheit der Daten garantieren.

Aber es geht um noch mehr.

Daten müssen mit modernen KI-Methoden einen echten Mehrwert schaffen. Infrastruktur und KI-Werkzeuge – beides gehört zusammen.

Beides gehört nach Europa.

Unsere Anstrengungen für eine stärkere KI-Forschung haben ein klares Ziel:

Bessere Werkzeuge, um aus unseren wertvollen Daten Wertschöpfung in Deutschland und Europa zu generieren.

Mein Kollege Peter Altmaier spricht häufig vom Daten-Airbus. Das ist die Infrastruktur.

Der IDS ist das Triebwerk dazu. 

Wer schon einmal vorn im Flugzeug gesessen hat, weiß, dass ein Flugzeug Flügel und Triebwerk braucht.

Die Erkenntnis daraus?

Wir müssen zukünftig stärker vernetzt denken:

national, europäisch und international.

Deswegen setzen wir auf Europa und unsere europäischen Partner.

Nicht nur, weil selbst Deutschland als Land zu klein ist, um so eine bedeutende Entwicklung zu gestalten.

Sondern auch, weil es darum geht, unsere europäischen Werte und Standards zu verteidigen.

III.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

als er ins Leben gerufen wurde, stand IDS noch für Industrial Data Space.

Weil es vor allem um den Austausch von Industriedaten ging.

Im Kontext von Industrie 4.0.

Aber schon von Anfang an war klar:

Es geht nicht nur um die Industrie, sondern vor allem auch um die starken Dienstleistungen in unserem Lande.

Deswegen steht IDS inzwischen für International Data Space.

Denn es geht um viel mehr.

Erstens: Wir schaffen ein Angebot für unsere Partner in der Welt, die unsere Philosophie im Umgang mit Daten teilen.

Internationalität steckt also in der DNA der IDS-Architektur.

Zweitens: Es geht nicht nur um die Wirtschaft.

Sicherer und fairer Datenaustausch – ein wichtiges und aus meiner Sicht gerechtfertigtes Anliegen einer freien Gesellschaft.

Anfangs sagte ich, der Wettbewerb um die Konsumentendaten sei vorerst gelaufen.

Lassen wir uns doch mal überraschen, was passiert, wenn wir mit dem IDS und der kompletten Dateninfrastruktur in Europa erfolgreich sind.

Herr über die eigenen Daten zu sein und sie trotzdem sicher austauschen zu können – das ist die Grundlage für „KI made in Europe“.

Ein wichtiger Pfeiler für eine freie, demokratische Welt, die dem ökonomischen Wettbewerb verpflichtet ist.

Ich will Ihnen ein Beispiel aus der Medizin geben.

Wir haben gerade die Dekade gegen Krebs gestartet.

10 Jahre lang mobilisieren wir alle Kräfte, um Krebs zu bekämpfen.

Auch alle Kräfte rund um die Künstliche Intelligenz.

Sie kann uns zu neuen Durchbrüchen verhelfen.

Aber das wird nur gelingen, wenn Patienten die Daten ihrer Krankengeschichte zur Verfügung stellen.

Das fällt ihnen bestimmt leichter, wenn sie die Kontrolle über die Daten behalten.

Wenn sie sich darauf verlassen können, dass sie nicht in falsche Hände geraten.

Wenn ihre Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben und der Verwendungszweck klar ist.

Auch hierfür könnte der International Data Space Lösungen anbieten.

Der International Data Space ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer „KI made in Europe“.

Eine KI nach unseren europäischen Wertmaßstäben.

Lieber Herr Neugebauer,

Ihnen, dem Fraunhofer-Institut und allen beteiligten Unternehmen ein herzliches Dankeschön.

Mit dem IDS haben Sie Pionierarbeit für unser Land geleistet.

Und meine sehr geehrten Damen und Herren,

Pionierarbeit ist in unserer Zeit vielfach gefragt.

Wir wollen Deutschland und Europa zu einem führenden KI-Standort machen.

Dafür hat die Bundesregierung im Herbst die KI-Strategie verabschiedet.

Bis 2025 investieren wir dafür drei Milliarden Euro.

Pioniere leisten für ein Land ohne Bodenschätze unschätzbare Arbeit.

Sie sind immer etwas schneller als andere. Aber das ist wichtig.

Manchmal denke ich, wir müssen es uns täglich wieder vor Augen führen:

Unser künftiger Wohlstand ist davon abhängig.

Es gilt, den digitalen Wandel zu gestalten.

Nach unseren Regeln.

Menschenwürde, Persönlichkeitsrechte und individuelle Freiheit – das sind die Grundlagen unseres Zusammenlebens.

Künstliche Intelligenz muss sie wahren.

Der IDS leistet dazu einen großen Beitrag.