"Wichtige Impulse für die öffentliche und politische Diskussion"

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Michael Meister (MdB), anlässlich der Verleihung des Max-Planck-Humboldt-Forschungspreises am 05. November 2019 in Berlin.

Elliot Tucker-Drob (l.) und Ufuk Akcigit erhielten die hohen Auszeichnungen.
Elliot Tucker-Drob (l.) und Ufuk Akcigit erhielten die hohen Auszeichnungen. © Victor Rubow/ MPG/AVH

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Stratmann,
sehr geehrter Herr Professor Pape,
sehr geehrter Herr Professor Akcigit,
sehr geehrter Herr Professor Tucker-Drob,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn zwei bedeutende und eigenständige Akteure unseres Wissenschaftssystems gemeinsam eine Auszeichnung vergeben, ist das etwas Besonderes. Mit dem Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis bringen Max-Planck-Gesellschaft und Alexander von Humboldt-Stiftung ihre Expertise in der internationalen Wissenschaftskooperation in einzigartiger Weise zusammen. Auch im Hinblick auf Flexibilität, Durchführung und mögliche Forschungsinhalte stellt der Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis ein besonders fortschrittliches Format dar.

Solche Initiativen, die sich trauen, über hergebrachte Auswahlverfahren und Förderstrukturen hinauszugehen, sind von großem Wert für den Wissenschaftsstandort Deutschland und werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung aus guten Gründen finanziert. Denn sie ermöglichen exzellente Wissenschaftskooperationen, die sonst nicht umgesetzt oder gar nicht erst gewagt worden wären. Kooperationen, die wir heute mehr denn je benötigen. Denn nur ein international vernetzter Wissenschaftsstandort ist für Spitzenforschung attraktiv. Der immer weiter anziehende Wettbewerb um die klügsten Köpfe weltweit fordert auch von uns, dass wir unser Wissenschaftssystem ständig weiterentwickeln.

Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. © Bundesregierung / Steffen Kugler

Meine Damen und Herren,

internationale Wissenschaftskooperation ist unerlässlich. Die großen Themen und Herausforderungen unserer Zeit können wir nur gemeinsam mit unseren Partnern in der Welt angehen. Globalisierung, Klimawandel und Digitalisierung sind gemeinsame Herausforderungen, denen niemand im Alleingang wirksam begegnen kann. In bewegten Zeiten muss international vernetzte Wissenschaft dabei auch dort die Kooperation fortsetzen können, wo auf politischer Ebene vielleicht eher notwendiger Gesprächsbedarf als gelingende Zusammenarbeit im Vordergrund steht. Voraussetzung dafür ist, dass der Wissenschaft auf allen Seiten die erforderlichen Freiräume gelassen werden.

Meine Damen und Herren,

wir feiern in diesem Jahr nicht nur den 250. Geburtstag des genialen Netzwerkers Alexander von Humboldt, sondern auch den 70. Geburtstag des Grundgesetzes. Die darin festgeschriebenen Grundrechte sind die Basis für unser Zusammenleben in Freiheit und Wohlstand. Dazu gehört auch die Wissenschaftsfreiheit, die in Artikel 5 verankert ist. Nur frei und offen lässt sich kreativ forschen. Dem Bekenntnis zur Wissenschaftsfreiheit liegt zugleich die Überzeugung zugrunde, dass eine freie Wissenschaft der Gesellschaft auch am meisten nutzt. Der Pakt für Forschung und Innovation, in dessen Rahmen Bund und Länder auf eine an langfristigen, strategischen Zielen orientierte Globalsteuerung – keine Detailsteuerung – setzen, ist ein gutes Beispiel. Im Juni haben wir dieses Erfolgsmodell mit stetigem Mittelzuwachs für zehn Jahre fortgeschrieben.

Meine Damen und Herren,

natürlich geht die Bedeutung der Wissenschaftsfreiheit über Fragen der Finanzierung hinaus. Und es gibt auch in Deutschland Vorfälle, die zeigen, was für ein sensibles Gut die Freiheit von Wissenschaftlern ist. Zu dieser gehört nämlich auch die Offenheit, sich andere Ansichten anzuhören. Ansichten wie die von Professor Münkler aus Berlin oder Professorin Susanne Schröter aus Frankfurt, die jüngst angefeindet wurden. Sich anderen Meinungen zu stellen, Kontroversen auszuhalten und diese mit Argumenten, nicht mit Diffamierungen zu bestreiten, gehört seit der Aufklärung zum Kern des europäischen Verständnisses von Bildung. Dieser Konsens ist unverrückbar. Daher setzen wir uns gemeinsam mit anderen Mitgliedstaaten auch auf europäischer Ebene für die Wissenschaftsfreiheit ein.

Dass die Wissenschaftsfreiheit in vielen Ländern der Welt unter Druck gerät, ist alarmierend. In einigen Ländern werden nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse diskreditiert, sondern auch reihenweise Hochschulangehörige entlassen oder gar inhaftiert bis hin zum Versuch, politisch unliebsame Einrichtungen ganz zu schließen. Deshalb begrüße ich es sehr, dass das Ministerkommuniqué der Bologna-Konferenz von Paris im vergangenen Jahr die dem Europäischen Hochschulraum zugrunde liegenden Werte klar benannt hat: insbesondere die Wissenschaftsfreiheit und die institutionelle Autonomie der Hochschulen.

Bis zur Konferenz in Rom nächstes Jahr nimmt sich jetzt eine europäische Task Force des Themas an. Sie wird Wissenschaftsfreiheit definitorisch klar fassen und Indikatoren entwickeln, die uns erlauben, zu messen und zu bewerten, wie es darum in Europa steht. Verstöße gegen die Wissenschaftsfreiheit können wir nicht ignorieren.

Meine Damen und Herren,

aus Freiheit erwächst Verantwortung. Das gilt auch für die Wissenschaft, die ihre Freiheit als Teil einer Gesellschaft genießt, welche heute mehr denn je auf faktenbasierte Erkenntnisse angewiesen ist und um deren Vertrauen die Wissenschaft sich stets bemühen sollte. Ich freue mich daher sehr, dass wir heute zwei Spitzenwissenschaftler würdigen, von deren innovativen und zukunftsweisenden Ideen nicht nur die beteiligten Wissenschaftler und Institutionen profitieren werden. Beide Forschungsthemen sind gesellschaftlich hoch relevant und wir dürfen wichtige Impulse für die öffentliche und politische Diskussion erwarten.

Die komplexen Wechselwirkungen zwischen Genom und Umwelt, die Professor Tucker-Drob erforscht, können Impulse für die Bildungs- und Sozialpolitik geben. Denn sie bereichern den Diskurs um Chancengleichheit und sozialen Ausgleich. Professor Akcigit, wurde in Braunschweig geboren. Sein eindrucksvoller Lebensweg hat ihn an die hoch-renommierte Universität Chicago geführt. Dank seiner Forschung werden wir über das wiedervereinigte Deutschland – über uns selbst – lernen können. „Warum besteht zwischen Ost- und Westdeutschland weiterhin eine wirtschaftliche Kluft?“ lautet seine Leitfrage, der er in Halle nachgehen wird, einem Ort, der zuletzt leider wegen eines schrecklichen Verbrechens in den Schlagzeilen war.     

Gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland herzustellen, das ist für die Bundesregierung seit der Wiedervereinigung ein zentrales politisches Ziel. Deshalb haben wir den Fokus auf die Stärkung von Bildung, Forschung und Innovation in ganz Deutschland gelegt – die Grundlagen für eine gute Zukunft. 63 Milliarden Euro hat der Bund seit 1990 für Bildung und Forschung im Osten ausgegeben. Das ist ein Viertel der gesamten BMBF-Fördermittel. Zukünftig werden wir strukturschwache Regionen in Deutschland noch weiter fördern. Wir wollen außerdem regionale Innovationsbündnisse unterstützen und auf diese Weise zugleich den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Sehr geehrter Herr Professor Akcigit,
sehr geehrter Herr Professor Tucker-Drob,

der heutige Abend gehört Ihnen. Ich gratuliere Ihnen beiden herzlich zu Ihrer hochverdienten Auszeichnung und würde mich sehr freuen, wenn der heutige Abend zu einem Ausgangspunkt für fortgesetzte Kooperationen mit Ihren Kollegen in Deutschland und für einen Dialog mit der deutschen Öffentlichkeit würde.

Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank!