Wider das Vergessen

„Digitale Infrastruktur hilft, aus Puzzleteilen ein großes Bild zu schaffen und Erinnerungen wach zu halten.“

Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft hat nicht nur jüdische Mitbürger und andere Menschen drangsaliert, verfolgt, deportiert und getötet, sie wollte jüdisches Leben und die Erinnerung daran komplett auslöschen. Eine wesentliche Aufgabe von Holocaustforschung ist die Arbeit wider das Vergessen. Die Zeugnisse des Holocaust und des jüdischen Lebens wie Bilder und Deportationslisten, aber auch Lagerliteratur und Briefe sind vielfältig und in aller Welt verstreut.

Wie Digitale Infrastrukturen dabei helfen, die in öffentlichen aber auch privaten Archiven und Bibliotheken verteilten Dokumente zu sammeln und zu ordnen, das diskutieren heute rund 300 Forscher aus aller Welt auf der Konferenz „Public History of the Holocaust – Historical Research in the Digital Age“, die im Jüdischen Museum Berlin stattfindet. Durch Digitalisierung und Vernetzung der Archive und Bibliotheken werden Texte und Medien ohne lokale Beschränkung zugänglich und können mithilfe computergestützter Verfahren auf ganz neuen Ebenen ausgewertet werden. So ermöglicht beispielsweise Bilderkennungssoftware die Zuordnung von Aufnahmen zu den Orten, an denen sie entstanden sind oder einen automatischen Abgleich von Listen, die über verschiedene Orte verstreut sind. Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch die Möglichkeit, dass sich Privatpersonen an der Forschung beteiligen.

„Der Onlinezugang zu digitalen Quellen und die gemeinsame Arbeit in einer virtuellen Forschungsumgebung erleichtern und intensivieren die Kooperation der Wissenschaftler über Ländergrenzen hinweg“, sagte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka zur Eröffnung der Konferenz. „Das ist für die Geisteswissenschaften von großer Bedeutung, insbesondere auch für die Holocaustforschung. Denn so kann aus kleinen Puzzleteilen ein großes Bild entstehen, können Geschichten und Geschichte miteinander verwoben und damit auch die Erinnerung an den Holocaust und an einzelne seiner Opfer und ihr Schicksal wach gehalten werden.“

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die Entwicklung solcher digitaler Forschungsinfrastrukturen in seinem neuen Rahmenprogramm für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. So werden mit DARIAH (Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities) und TextGrid (eine virtuelle Forschungsumgebung für die Geistes- und Kulturwissenschaften) auch zwei der drei Projekte unterstützt, die die heutige Konferenz organisieren. Der dritte Ausrichter EHRI (European Holocaust Research Infrastructure) wird von der EU finanziert.

Von den Digital Humanities profitieren wird künftig auch die Arbeit des „Zentrums für Holocaust-Studien München“. Am 01.07. begann dessen zweijährige Aufbauphase unter Federführung des Instituts für Zeitgeschichte München (IfZ), die das BMBF mit 724.000 Euro fördert. „Mit dem geplanten neuen Zentrum wollen wir die Holocaustforschung in Deutschland und Europa stärken und sie damit national und international besser vernetzen und sichtbarer machen“, betonte Wanka. Dazu werden unter anderem international herausragende Wissenschaftler im Bereich der Holocaust- und Nationalsozialismusforschung aus aller Welt zu Forschungsaufenthalten nach Deutschland eingeladen. „Auch hiermit leisten wir einen Beitrag für die Erinnerung. Sie ist unsere Pflicht gegenüber den Opfern und unabdingbar, um einer Wiederholung des Schrecklichen vorzubeugen“, so Wanka.

Weitere Informationen zu den Forschungsprojekten finden Sie unter:
https://de.dariah.eu/
www.textgrid.de
www.ehri-project.eu 
http://www.bmbf.de/de/21568.php und
http://www.bmbf.de/de/21572.php