Wie Menschen sich ihre Stadt der Zukunft bauen

Sie bauen auf Brachflächen essbare Pflanzen an und öffnen Restaurants für Obdachlose: In Dresden zeigen Menschen, was ihre Vision von der Stadt der Zukunft ist. Projektleiter Rico Schwibs erklärt im Interview, welche Hürden es noch zu nehmen gilt.

Diese Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, die Dresdner Neustadt für eine Woche autofrei zu machen. © Zukunftsstadt Dresden

Herr Schwibs, was ist Ihre ganz persönliche Vision für eine Stadt der Zukunft?

Rico Schwibs: Sie hätte weniger motorisierten Individualverkehr, dafür mehr Grün und eine digitale Verwaltung. Ich wünsche mir mehr Buntheit der Bewohner und Bewohnerinnen – mit bunt meine ich sowohl hinsichtlich ihrer Herkunft als auch bezüglich ihrer Einkommenssituation. Ich möchte nicht, dass nur wohlhabende Menschen in der Innenstadt leben können, es soll jeder Platz finden. Ich wünsche mir eine aktive Bürgerschaft, Menschen, die anpacken und gestalten wollen. Und nicht zuletzt eine Verwaltung, die dies unterstützt und die Menschen in ihre Arbeit mehr einbezieht.

Dresden trägt offiziell den Titel „Zukunftsstadt“, Sie haben dort schon einige Projekte in diese Richtung angeschoben. Wie ist es dazu gekommen?

Für uns war von Anfang an klar, dass wir die Bürgerinnen und Bürger so weit wie möglich einbinden wollen. Deshalb haben wir die Menschen am Anfang gefragt, was für sie eine Stadt der Zukunft ausmacht. Aus diesen Gedanken haben wir ein Leitbild erstellt. Es stellte sich heraus, dass die Menschen ganz ähnliche Vorstellungen hatten wie die, die ich eben bereits erwähnt habe. Dieses Leitbild haben wir dann an die Menschen zurückgegeben und sie aufgefordert, sich dafür konkrete Projekte auszudenken. Alles, was wir derzeit umsetzen, haben sie die Bürgerinnen und Bürger selbst ausgedacht.

Wie viele Menschen haben sich daran beteiligt?

An den Ideen zum Leitbild haben sich etwa 1000 Menschen beteiligt, 300 haben dann noch an den Workshops teilgenommen, in denen die Projekte entworfen wurden. Dabei sind 100 Projektideen entstanden, aus denen wir am Ende acht konkrete Konzepte ausgewählt und entwickelt haben. Ganz wichtig: Die Menschen haben auch die Umsetzung übernommen, wir haben die Fördergelder an sie weitergeleitet. Es geht also nicht nur um Bürgerbefähigung, sondern auch um Bürgerermächtigung.

Rico Schwibs ist Projektleiter für die Zukunftsstadt Dresden.
Rico Schwibs ist Projektleiter für die Zukunftsstadt Dresden. © Rico Schwibs

In einem der Projekte soll untersucht werden, wie essbare Pflanzen in den Grüngebieten der Stadt angesiedelt werden können. Darf jetzt demnächst jeder im Vorbeigehen seine Kräuter fürs Abendbrot pflücken?

Grundsätzlich ja, aber dahinter steckt eigentlich mehr. Es geht nicht nur um die Pflanzen, sondern um das nachhaltige Gestalten von Nachbarschaft. Es gibt in Dresden viele Brach- und Grünflächen, an denen die meisten Menschen achtlos vorbeigehen oder Müll fallen lassen. Diese Flächen sollen gefunden und kartiert werden. Die Bürgerinnen und Bürger sollen dann entscheiden, welche essbaren Pflanzen dort angebaut werden können. Die Anwohnenden sollen sich selbstständig um Pflege und Ernte kümmern. Das erfordert ein aktives Zusammenleben, gute Absprachen und viel Augenmaß – zum Beispiel, wenn es um Erntemengen geht.

Außerdem soll es ein Restaurant „zur Tonne“ geben, in dem Nahrungsreste von Supermarktketten oder der Gastronomie verkocht werden. Das gibt es schon häufiger, was ist daran so besonders?

Der klassische Weg ist, dass Lebensmittel gespendet werden oder von Spenden gekauft werden und diese an bedürftige Menschen ausgegeben werden. Bei dem Projekt zur Tonne geht es um zwei Dinge. Zum Einen sollen Lebensmittel vor dem Wegwerfen gerettet und noch verwertet werden, zum Anderen soll bedürftigen Menschen auch einmal ein Besuch im Restaurant ermöglicht werden, sie sollen kostenlos bekochen werden. Das Projekt  beginnt mit einer Art mobiles Catering auf einem Lastenrad. Perspektivisch hoffen wir darauf, dass dem Projekt verschiedene Restaurants während der Schließzeiten ihre Räume zur Verfügung stellen. Allerdings müssen wir da noch um Vertrauen werben, um Vorbehalte aus dem Weg zu räumen.

Ein weiteres Projekt möchte die Dresdner Neustadt gleich für eine ganze Woche zur autofreien Zone erklären. Ist das nicht spätestens der Punkt, wo die Interessen der Menschen kollidieren?

Ja, das ist ein schwieriges Thema. Alleine schon deshalb, weil es rechtlich gesehen nicht möglich ist, ohne Grund einfach mal das Autofahren und Parken in einem Stadtteil zu verbieten. Es geht also nur über den Dialog mit allen Beteiligten. Die Projektverantwortlichen haben deshalb alle Anwohnenden eingeladen, um ein Stimmungsbild zu erhalten, ob das überhaupt gewünscht ist. Interessant war: Alle, die anwesend waren, stimmten dieser Idee zu. Andererseits wurde im Internet anonym ziemlich aktiv gegen diese Idee vorgegangen. Dabei ist der Stadtteil eigentlich prädestiniert: Ein Szeneviertel mit viel Gastronomie, mit vielen aktiven Menschen und guten Versorgungsmöglichkeiten. An sich braucht man da vor Ort kein Auto. Mit Menschen, Versorgungsdiensten und Gewerbetreibenden, die auf Autos angewiesen sind, müssen in den nächsten Monaten Konzepte und Lösungen entwickelt werden, um das Vorhaben umsetzbar zu machen.

Was soll eine Sperrung bringen für nur eine Woche im Jahr?

Natürlich fände es das Projekt schön, wenn sich diese Woche des guten Lebens jährlich etabliert und die Anwohnenden und Besucherinnen und Besucher des Stadtteils die Vorteile von autofreien Wegen entdecken. Das Projekt dient dabei vor allem dem Dialog der Menschen vor Ort und der experimentellen, kreativen, alternativen Nutzung von bislang für Autos reservierten Räumen.

Wie soll es mit den anderen Projekten weitergehen? Werden diese nach Ablauf des Programms 2021 fortgeführt?

Das liegt ganz in den Händen der Projektbetreibenden und der Dresdner Bevölkerung. Die Finanzierung des BMBFs läuft nach der 3. Phase aus, aber wir begrüßen es natürlich, wenn sich die Projekte tragfähig fortsetzen, von der Bevölkerung angenommen werden und langfristig etablieren. In zwei Jahren werden wir evaluieren, was die einzelnen Projekte gebracht haben. Vor allem werden wir analysieren, warum das eine oder andere Vorhaben vielleicht Schwierigkeiten hatte oder sogar gescheitet ist. Deshalb lassen wir den gesamten Prozess von der TU Dresden und vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung begleiten. Ziel ist es, einen Leitfaden für ernsthaft bürgerbeteiligtes Verwaltungshandeln zu entwickeln, mit dem wir die Zukunft gemeinsam gestalten können.