"Wir brauchen das nötige Know-How in Europa"

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Michael Meister (MdB), anlässlich des MikroSystemTechnik Kongress am 28. Oktober 2019 in Berlin.

Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. © Bundesregierung / Steffen Kugler

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Dr. Kegel,

sehr geehrter Herr Staatssekretär Krach,

sehr geehrter Herr Professor Lang,

sehr geehrter Herr Dr. Rothweiler,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, heute den Mikrosystemtechnik-Kongress mit Ihnen, Herr Dr. Kegel, zu eröffnen. Gemeinsam mit dem VDE touren wir mit dem Kongress seit 2005 erfolgreich durch Deutschland. Dieses Jahr sind wir nach zehn Jahren wieder in Berlin. Dabei haben wir stets die Zukunft als zentrales Thema im Fokus. Und damit ging es von Anfang an um die Digitalisierung.

Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass Mikrosystemtechnik und Mikroelektronik sich immer stärker verbreiten. Über Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge, über Medizintechnik, neue Mobilität oder über Smart Cities. Treiber sind die steigende Vernetzung und die größere Funktionalität der Systeme.

Darum wird der Mikrosystemtechnik-Kongress – lassen Sie mich diese Prognose wagen – auch weiterhin seine wichtige Aufgabe als „More-than-Moore“ -Zukunftsforum erfüllen. Denn Grundlage der Digitalisierung ist und bleibt die Hardware. Die aktuellen Diskussionen um den Handel mit Hightech-Produkten und die Abhängigkeiten von Digitaltechnologien zeigen dies eindrücklich.

Die globalen Entwicklungen in der Nutzung neuer Technologien sollten ein Weckruf für uns sein. Es geht darum, wie wir neue Technologien wie Künstliche Intelligenz oder das autonome Fahren einsetzen wollen.

Es macht durchaus einen Unterschied, ob man diese Technologien am Bedarf des Staates – wie in China –, am Bedarf der Digitalkonzerne – wie in den Vereinigten Staaten – oder am Bedarf der Gesellschaft nach vernünftigen Lösungen für Mobilität, Gesundheit und gute Arbeit ausrichtet.

Ich bin überzeugt, dass wir dringend eine Alternative zu den Ansätzen aus China und den USA brauchen:

Einen europäischen Weg, eine europäische Art der Digitalisierung. Das ist eine enorme Chance für Deutschland und Europa.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bin mir sicher: Wir in Europa wollen unsere Zukunft und unsere Art zu leben selbst gestalten. Das heißt aber: wir müssen technologisch unabhängig handlungsfähig sein. In diesem Sinne treiben wir technologische Souveränität in ausgewählten Schlüsseltechnologien gezielt voran.

Wir brauchen das nötige Know-How in Europa: bei Entwurf und Design, Fertigungstechnologien und Produktion, Test und Verifikation von Elektroniksystemen. Damit schaffen wir die Voraussetzungen, die Digitalisierung in Europa selbst und nach unseren Werten und Zielen zu gestalten.

Insbesondere geht es uns um den Umgang mit Künstlicher Intelligenz und den damit verbundenen ethischen Fragen. Um eine sichere Kommunikationsinfrastruktur. Um einen vertrauenswürdigen Europäischen Datenraum. Um eine neue Qualität von Elektronik: sicher, zuverlässig und vertrauenswürdig.

Und es geht auch um das Thema „Nachhaltigkeit“. Digitaltechnik entwickelt immer mehr Energiehunger. Für eine nachhaltige Digitalisierung brauchen wir deshalb besonders energieeffiziente Elektronik.

Wir haben einen klaren Gestaltungsanspruch: Wir wollen qualitativ hochwertige Standards setzen – technisch und ethisch. Der Forschung und Entwicklung in der Mikrosystemtechnik und Elektronik kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Die Bedeutung der Mikroelektronik haben wir gemeinsam längst erkannt. Die Zusammenarbeit funktioniert, national wie europäisch. Es entstehen wieder neue Halbleiterfabriken in Deutschland und Europa. Die Presse spricht sogar davon, dass Europa die Chipherstellung neu entdeckt. Dies ist vor allem Ihr Erfolg. Es zeigt sich auch, dass das Rahmenprogramm der Bundesregierung zur Mikroelektronik seine Wirkung entfaltet.

Seit 2016 bündeln wir gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium erstmals in einem Programm die Forschungs- und Investitionsförderung, bis 2020 mit insgesamt 1,8 Milliarden Euro.

Das BMBF stellt 800 Mio. Euro bereit, davon 400 Mio. Euro für die Verbundforschung. Bisher haben wir über 700 Projekten mit einem Volumen von insgesamt mehr als 300 Millionen Euro bewilligt.

Weitere 400 Millionen Euro investieren wir derzeit in die Forschungsfabrik und die Forschungslabore Mikroelektronik Deutschland. In diesen neuen Strukturen, die gerade aufgebaut werden, geht es um modernste Geräte an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Verbindung mit neuen Formen der Zusammenarbeit.

Das Bundeswirtschaftsministerium fördert zusätzlich Investitionen in neue Mikroelektronikproduktion mit bis zu 1 Milliarde Euro.

Das Besondere an dem Programm: Wir ziehen national und in Europa an einem Strang, gemeinsam mit Frankreich, Italien und Großbritannien haben wir beispielsweise das Mikroelektronik-IPCEI – ein „wichtiges Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse“ – auf den Weg gebracht. Die Europäische Kommission hat es als erstes seiner Art genehmigt.

Die Grundlage schaffen wir mit exzellenter Forschung und exzellenter Forschungsinfrastruktur.

Wir wollen dafür sorgen, dass Chips gezielt und optimiert für anspruchsvolle Einsatzzwecke entwickelt werden. Beispielsweise maßgeschneiderte Chips und Spezialprozessoren, die so leistungsfähig sind, dass zukünftige Anwendungen der Künstlichen Intelligenz darauf laufen können. Gleichzeitig muss die Energieeffizienz massiv gesteigert werden, um die Anwendungen mobil und nachhaltig zu machen.

Es geht um komplexe Systemlösungen, die genau auf konkrete Anforderungen zugeschnitten sind: zum Beispiel für Industrie 4.0 oder das sichere autonome Fahren.

Hier können wir als Technologiestandort unser Domänen-Knowhow einbringen: das Wissen unserer traditionell starken Branchen im Maschinenbau und Automobilbereich.

Es gilt, dieses Wissen in hochspezialisierte Elektronik zu gießen. Das ist unsere Stärke in Deutschland: Probleme lösen, mit komplexen technischen Systemen von höchster Qualität.

Dafür brauchen wir auch mehr Zusammenarbeit auf unterschiedlichsten Ebenen. Erweiterte Wertschöpfungsnetzwerke, auch mit neuen Partnern aus der Anwendung. Eine noch engere Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Mehr strategische Partnerschaften.

Darum bringen wir mit unserer Verbundforschung Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. So setzen wir gezielt Anreize für das Aufgreifen aktueller Forschungsthemen und beschleunigen den Transfer in die Anwendung und die Wirtschaft.

Darum investieren wir in Spitzen-Ausstattung und schaffen neue Strukturen wie die Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland.

Sehr geehrter Herr Professor Lang, Sie sind mit Ihrem Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) ein wichtiger Teil davon. Insgesamt elf Fraunhofer- und zwei Leibniz-Institute gehen hier neue Wege in der Zusammenarbeit. Sie modernisieren ihren Gerätepark und nutzen ihn gemeinsam. So entsteht ein deutschlandweiter Hochtechnologiepool.

Die starken Institute bieten dabei vor Ort raschen Zugang zur geballten Kompetenz der gesamten Forschungsfabrik, gerade auch für den Mittelstand.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich lade Sie alle herzlich ein, sich hier auf dem Kongress anzuschauen, was Ihnen die Forschungsfabrik anbieten kann. Es ist mir persönlich ein wichtiges Anliegen, junge Menschen früh für MINT-Themen zu begeistern. Dafür setzen wir uns gemeinsam mit dem VDE ein. Dafür steht der gemeinsame Schülerwettbewerb „Invent a Chip“.

Lieber Herr Dr. Kegel,

das BMBF schätzt die Arbeit des VDE. Der VDE steht für Fortschritt und Innovation. Aber eben – und das ist beste Ingenieurtradition – für einen verantwortlichen und nachhaltigen Fortschritt.

Sie, der VDE, führen aktiv die gesellschaftliche Debatte um neue Technologien, Sie begeistern junge Leute und stärken den Blick für die systemischen Zusammenhänge der Digitalisierung.

Ich freue mich sehr, gleich mit Ihnen die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger unseres Schülerwettbewerbs „Invent a Chip“ auszuzeichnen.

Wie jedes Jahr haben die Teilnehmenden wieder kreative Lösungen für Alltagsprobleme ausgetüftelt. Und Sie alle haben die Chance, sich die entstandenen Modelle hier auf dem Kongress anzusehen und mit den vielversprechenden Nachwuchskräften ins Gespräch zu kommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die laufende Mikroelektronik-Förderung habe ich Ihnen skizziert. Was plant die Bundesregierung nun aber in Zukunft? Im BMBF arbeiten wir an einem neuen Rahmenprogramm Mikroelektronik ab 2021. Wieder gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium.

In Europa setzen wir uns für eine neue Mikroelektronik-Initiative
„Key Digital Technologies“ ein. Und für eine Europäische Prozessorinitiative, die die Synergien zum Höchstleistungsrechnen nutzt.

Wie eingangs dargestellt, wollen wir die Digitalisierung nach unseren Werten gestalten. Wir wollen, Sicherheit und Vertrauen in Hochtechnologie stärken.

Als Vorgriff auf das neue Programm startet das BMBF in Kürze die Leitinitiative „Vertrauenswürdige Elektronik“:

Dabei geht es um maßgeschneiderte Konzepte und Methoden für sichere und vertrauenswürdige Elektronik. Von Design und Entwurf über Herstellung und Validierung bis zu Standards und Zertifizierung.

Unser Ziel ist es, eine deutsche, später europäische, Chipsicherheitsarchitektur bis zur Anwendungsreife zu bringen. Mit der Perspektive, dass neutrale Zertifizierungsstellen die Kriterien und Verfahren übernehmen können. Sichere und vertrauenswürdige Elektronik aus Europa – das könnte ein globaler Exportschlager werden.

Ich bitte Sie alle: unterstützen Sie dieses Vorhaben mit Ihren Ideen.

In diesem Sinne ein herzliches Dankeschön an alle, die bei der Organisation mitgeholfen haben und an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Veranstaltung.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg in den nächsten Tagen und wertvolle Entdeckungen.