"Wir brauchen eine Kultur, die das Ausprobieren fördert"

Start-Ups sind Treiber für Innovationen. Doch die Angst vor dem Scheitern verhindert oft Gründungen. Beim Start-Up Summit in Berlin fordert Staatssekretär Christian Luft daher mehr Mut und Entschlossenheit – und Respekt für gescheiterte Versuche.

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Christian Luft, auf dem "Startup Summit" von FhG und VDMA am 21. Mai 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Wehrspohn,

sehr geehrter Herr Schunk,

sehr geehrter Herr Rauen,

sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die freundliche Begrüßung und Ihre Einladung, die ich sehr gerne angenommen habe. Das Thema „Unternehmensgründungen aus Wissenschaft und Forschung“ ist für die Bundesregierung von herausragender Bedeutung.

Deutschland ist Spitzenstandort für Innovationen. Unsere Volkswirtschaft ist eine der zehn forschungsintensivsten der Welt. Gleichzeitig wird der globale Wettbewerb schärfer und wir müssen uns – etwa mit Blick auf Wettbewerber wie China oder die USA – immer wieder neu positionieren.

Was sind die Rahmenbedingungen und wie können wir sie verbessern?

Es ist erforderlich, dass wir weiterhin intensiv in Forschung und Entwicklung investieren. Nach vorläufigen Zahlen haben Bund, Länder und Wirtschaft 2017 über 3 % des BIP in FuE investiert. Das ist eine große Leistung insbesondere der Wirtschaft. Dafür möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich danken!

Diese Investitionen wollen wir bis 2025 auf 3,5 % steigern. Deshalb steht bewusst die Jahreszahl 2025 im Titel der Hightech-Strategie. Und damit das Versprechen, das ambitionierte Ziel auch in Zeiten knapper werdender Haushaltskassen konsequent zu verfolgen.

Auch für die deutsche Wirtschaft ist das 3,5 %-Ziel eine große Herausforderung. Wir wollen daher Anreize für FuE-Investitionen der Wirtschaft schaffen.

Wir tun das durch das neue Instrument der steuerlichen FuE-Förderung. Sie stellt eine wichtige Ergänzung des Portfolios der Forschungsförderung in Deutschland dar. FuE soll so breitenwirksam und vor allem technologieoffen gefördert werden. Der Gesetzentwurf soll am Mittwoch im Kabinett verabschiedet werden. Damit die steuerliche FuE-Förderung auch junge Startups erreicht, soll sie als Zulage gewährt werden, die unabhängig von einem Gewinn in jedem Fall ausgezahlt werden kann. Auch Gründerinnen und Gründer, die selbst forschen, sollen von diesem Instrument profitieren.

Forschung und Entwicklung sollen nach dem international maßgeblichen Frascati Manual abgegrenzt werden, damit die Unternehmen sich an bewährten Definitionen orientieren können. In der Anwendungspraxis wird allerdings noch einiges an Präzisierung zu leisten sein. Wir wissen sehr wohl, dass gerade für Branchen wie den Anlagen- und Maschinenbau ein ausreichend breites Verständnis von Entwicklungsaufwendungen wichtig ist. Nicht jeder Betrieb hat gleich eine eigenständige Forschungsabteilung mit Türschild und Briefkopf und ist dennoch bei der Entwicklung neuer Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen sehr aktiv. Das BMBF wird aufgrund seiner Erfahrungen bei der Forschungsförderung die Federführung bei der erforderlichen Zertifizierung übernehmen.

Die vierte Auflage des Paktes für Forschung und Innovation, der die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern kürzlich vereinbart haben, leistet einen wichtigen Beitrag, um die Rahmenbedingungen des Wissenschaftssystems zu verbessern. Dafür wurde ein kräftiger und verlässlicher Aufwuchs über 10 Jahre beschlossen. Das ist eine außergewöhnliche Leistung von Bund und Ländern, die es so noch nicht gab. In den dazugehörigen Zielvereinbarungen mit den Forschungsorganisationen ist der Transfer in die Wirtschaft und die Gesellschaft eines der herausragenden Ziele. Insbesondere die Fraunhofer-Gesellschaft mit ihrem breiten Verständnis von Transfer, welches eben auch den unmittelbaren Wissens- und Technologietransfer über Ausgründungen und Lizenzierungen umfasst, sehen wir in der Verantwortung das Gründungsgeschehen in Deutschland maßgeblich zu stärken.

Meine Damen und Herren,

seit 2006 bündelt die Bundesregierung mit der Hightech-Strategie ihre Maßnahmen für Forschung und Innovationen. Im September des letzten Jahres hat sie die Hightech-Strategie 2025 beschlossen. Mit dieser HTS-Strategie setzen wir auf Kooperation und Zusammenarbeit, auf Agilität und Offenheit im Innovationsgeschehen. Wir setzen auf kreative Köpfe und neue Ideen, um im Wettbewerb der Innovationsstandorte zu bestehen.

Mit unserer Forschungs- und Innovationsförderung unter dem Dach der Hightech-Strategie haben wir in den vergangenen Jahren die Innovations-"Pipelines" gefüllt und tragfähige Forschungsnetzwerke aufgebaut. Ich nenne nur beispielhaft Industrie 4.0. und die Kopernikus-Projekte zur Energiewende. Wir entwickeln derzeit wichtige Zukunftsfelder weiter, wie z.B. die Künstliche Intelligenz, die Bioökonomie oder die Gesundheitsversorgung mit der Dekade gegen den Krebs.

Um unsere Innovationsfähigkeit für die Zukunft zu sichern, ist der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis von entscheidender Bedeutung. Wichtige Eckpfeiler eines Transfersystems sind eine lebendige Gründungskultur und innovative Unternehmensgründungen. Dabei geht es insbesondere auch um Start-Ups.

Die Startups von heute sind der Mittelstand und die global agierenden Unternehmen von morgen. Sie entwickeln Forschungsergebnisse kreativ zu neuen Produkten und Geschäftsmodellen und bringen diese damit in die Märkte. Sie sind Treiber für Innovationen in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen und tragen ganz wesentlich zu wirtschaftlicher Dynamik und Strukturwandel bei.

Obwohl das Interesse an der lebendigen und stetig wachsenden Startup-Industrie kontinuierlich zugenommen hat, verzeichnen wir hierzulande im Gründungsgeschehen im besten Falle eine Stagnation.

Was sind die Gründe? Auf der einen Seite die starke Nachfrage nach Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt. Auf der anderen Seite wird die Entwicklung mit der Angst vor dem Scheitern und der damit verbundenen mangelnden Gründungskultur begründet.

Leider wird in Wissenschaft und Forschung eine Gründung oft nicht als Option für die Verwertung der eigenen Forschung wahrgenommen. Das wollen wir ändern und mit gezielter Förderung die Möglichkeiten für Gründungen aus der Wissenschaft heraus besser ausschöpfen. Denn in vielen wissenschaftlichen Arbeiten stecken hervorragende Ideen, aus denen innovative Startups werden könnten! Ich sehe hier ein großes Potenzial für eine neue Gründungskultur in der Wissenschaft.

Eine gezielte Gründungsunterstützung muss der Komplexität gerecht werden und komplementäre Instrumente anbieten, die optimal ineinandergreifen. Deshalb hat das BMBF das Konzept „Mehr Chancen für Gründungen – Fünf Punkte für eine neue Gründerzeit“ erarbeitet und umgesetzt.

Mit diesem Konzept wollen wir unter anderem die Voraussetzungen stärken, damit sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler frühzeitig nicht nur mit den Themen als wissenschaftliche Forschungsfragen auseinandersetzen, sondern auch den Blick für die Perspektive einer Gründung schärfen. Wir wollen die Gründung eines Unternehmens noch stärker als Option in der Karriereplanung des wissenschaftlichen Nachwuchses verankern und so einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer lebendigen Gründungskultur in Deutschland leisten.

So fördern wir beispielsweise mit „Young Entrepreneurs in Science“ eine Maßnahme, in der im Zusammenspiel mit Akteuren aus der Wirtschaft sowie in Kooperation mit den Hochschulleitungen die Gründungsperspektive für Promovierende gestärkt werden soll.

Zudem unterstützen wir Forscherinnen und Forscher mit verschiedenen Maßnahmen dabei, das Potenzial ihrer Forschungsergebnisse für eine Unternehmensgründung zu überprüfen und in Richtung eines Geschäftskonzeptes weiterzuentwickeln. Die bewährte Validierungsförderung, zum Beispiel durch die Maßnahme VIP+, wollen wir ergänzen. So machen wir mit „StartupLab@FH“ ein Förderangebot für Fachhochschulen, mit dem wir den Aufbau von Test- und Entwicklungslaboren insbesondere für technologische Entwicklungen an Fachhochschulen in Deutschland fördern wollen.

Als einen weiteren Baustein werden wir in den nächsten Jahren schrittweise Module für eine maßgeschneiderte Gründungs- und Startup-Förderung als integralen Bestandteil in unsere Fachprogramme einführen. Diese Module wollen wir auf die unterschiedlichen Bedarfe in den einzelnen Disziplinen, Technologie- und Anwendungsfeldern ausrichten.

Nennen möchte ich hier die Aktivität „Gründungen: Innovative Startups für Mensch-Technik-Interaktionen“. Mit dieser Förderrichtlinie wollen wir Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen unterstützen sowie FuE-Aktivitäten bereits bestehender Startups fördern. Der Fokus liegt dabei auf den Anwendungsfeldern intelligente Mobilität, digitale Gesellschaft und gesundes Leben. So unterstützen wir im Rahmen der ersten Ausschreibungsrunde Startups beispielsweise bei der Entwicklung eines taktilen Handschuhs für die Fernbedienung von Spezialmaschinen mit Hilfe von virtueller Realität. Ein weiteres Beispiel ist die Entwicklung einer intuitiven Schnittstelle für die Interaktion von Mensch und Roboter, die es auch Laien ermöglichen soll, Industrieroboter einlernen zu können. Weitere Förderrunden sind geplant.

Mit der Forschungsförderung haben wir in den letzten Jahren eine anwendungsorientierte Infrastruktur in der Forschungslandschaft aufgebaut, die es jetzt für die Dynamisierung des Gründungsgeschehens zu nutzen gilt. Wir werden daher Netzwerke und Kompetenzzentren mit gründungsfördernden Instrumenten wie Inkubatoren und Innovationslaboren versehen und um ein gründungsförderndes Dienstleistungsangebot erweitern.

Insbesondere die Spitzencluster haben sich als ideale Umfelder für die Gründung und Entwicklung innovativer Unternehmen gezeigt. Denn Cluster sind als vertrauensbasierte regionale Innovationsökosysteme ein ideales Experimentierfeld für eine offene Innovationskultur.

So zeugen zum Beispiel über 170 Transferprojekte mit KMU und 34 Unternehmensgründungen im Spitzencluster „it’s OWL“ (Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe), wie Unternehmertum in der Region gestärkt wird.

Diese Erfahrungen wollen mit der neuen „Zukunftscluster-Initiative“ aufgreifen. Wir wollen ein Angebot schaffen, mit dem sich in entstehenden Innovationsfeldern mit exzellentem Wachstumspotenzial über themen-, technologie- und disziplinübergreifende Kooperationen herausragende Cluster von morgen entwickeln können.

Meine Damen und Herren,

eine weitere Herausforderung, der sich Gründerinnen und Gründer gegenübersehen, ist die Frage nach den Rechten am geistigen Eigentum. Häufig liegen die sogenannten IP-Rechte bei den Hochschulen und Forschungseinrichtungen, an denen die jeweiligen Forschungsarbeiten durchgeführt wurden. Dort werden sie in vielen Fällen durch Patentverwertungsgesellschaften verwaltet. Dieses kann sehr wohl von Nutzen sein. Den Vorteil einer aktiven Patentverwertung zeigt das Beispiel Fraunhofer Venture. Seit ihrer Gründung 1999 konnten mit ihrer Unterstützung bereits über 500 Unternehmen in den verschiedensten Bereichen erfolgreich gegründet werden.

Jedoch scheint es im Umgang mit Schutzrechten und Beteiligungen bei Ausgründungen bislang unterschiedliche Praktiken zu geben, die für ein dynamisches Gründungsgeschehen nicht immer förderlich sind.

Häufig ist die Situation, dass sich Verwertungsgesellschaften und Gründerteams nicht auf eine angemessene Vergütung für die IP-Rechte einigen können. Hier sollten dringend Standards geschaffen werden, die beiden Seiten Planungssicherheit geben. Beispielsweise können Musterverträge anhand von Beispielen „Guter Praxis“ helfen, langwierige Verhandlungen zwischen Gründern und Verwertungsgesellschaften zu vermeiden.

Deshalb haben BMBF und BMWi gemeinsam zu Workshops eingeladen, damit wir zusammen mit den verschiedenen Akteuren im Gründungsgeschehen Lösungen entwickeln.

Meine Damen und Herren,

wir brauchen mehr Mut und mehr Entschlossenheit bei der Suche nach neuen Geschäftsideen und bei der Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle. Und wir müssen diejenigen, die diesen Mut haben, auf ihrem Weg unterstützen.

Wir brauchen eine Kultur im Land, die das Ausprobieren fördert. Eine Kultur, die dem Scheitern mit Respekt und Anerkennung für den Versuch begegnet. Und eine Kultur, die dabei hilft, wieder aufzustehen und es erneut zu versuchen.

Veranstaltungen wie dieser Startup Summit können Mut machen. Hier werden Beispiele gezeigt, dass es sich lohnt, die Verwertung der eigenen Forschung selber in die Hand zu nehmen. Es werden Möglichkeiten geschaffen, die eigenen Ideen auszutesten, beispielsweise indem potenzielle Gründerinnen und Gründer mit potenziellen Kunden und Auftraggebern zusammengebracht werden. Auch das brauchen Startup-Ökosysteme.

Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam in Deutschland in den nächsten Jahren eine Trendwende im Gründungsgeschehen initiieren können.

Vielen Dank!