"Wir brauchen keine Fachkräfte zweiter Klasse"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über verkürzte Lehrzeiten für Flüchtlinge, Mobilität von Azubis und unbesetzte Stellen. Ein Interview mit dem "Handelsblatt" vom 9. Mai 2016.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Handelsblatt: Frau Wanka, Sie fördern für Flüchtlinge 10.000 Lehrstellen in zwei Jahren. Ist das nicht zu bescheiden angesichts von fast 300.000 Flüchtlingen zwischen 16 und 25 Jahren?

Johanna Wanka: Nein. Wenn wir wirklich 10.000 in eine Lehre bringen, ist das hervorragend. Es wären zwei Drittel der offenen Plätze im Handwerk. Wir fördern gerne noch mehr – aber dazu müsste die Wirtschaft auch mehr Plätze anbieten.

Experten fordern für Flüchtlinge spezielle Kurzausbildungen mit weniger Theorie. Gute Idee?

Nein. Wir brauchen keine Fachkräfte zweiter Klasse. Viel sinnvoller ist es, die Flüchtlinge – wie in unserem Programm – gezielt auf die Lehre vorzubereiten. Dafür müssen sie auch keinen Schulabschluss machen, wie viele denken. Aber sie müssen, wenn sie etwa Bäcker lernen wollen, in drei, vier Monaten die nötigen Mathe- und Chemiekenntnisse lernen – das finanzieren wir.

Sie könnten die Kurzlehre ja später aufstocken.

Das geht doch jetzt schon. 2015 haben 44 000 Schulabgänger eine zweijährige Ausbildung begonnen. Ob Verkäuferin oder Industrieelektriker – in allen können sie den dreijährigen Abschluss nachlegen. Das ist sinnvoll, muss aber viel mehr angeboten werden.

Eine Aufspaltung der Lehre in Module lehnen Sie ab?

Solange das Ziel der abgeschlossenen Berufsausbildung nicht verloren geht, bin ich durchaus aufgeschlossen. Mein Haus hat selbst Ausbildungsbausteine entwickelt, die zur Lehre hinführen. In der Weiterbildung sind sie sowieso gang und gäbe.

Was halten Sie von Teilzeit-Lehren für Flüchtlinge, damit sie nebenher Geld verdienen können?

Wir wollen mehr Teilzeitausbildung. Aber ich glaube nicht, dass das für Flüchtlinge entscheidend ist. Es geht an deren Realität vorbei, denn sie müssen ohnehin mehr Energie aufwenden als Einheimische, um eine Lehre zu bestehen. Zudem wollen wir kein Sonderregime für Flüchtlinge – jedes neue Instrument müsste auch Einheimischen offenstehen.

Zur Stärkung der Lehre generell haben Sie die Kampagne „praktisch unschlagbar“ gestartet. Wenn Berufsorientierung in den Schulen funktionieren würde, wäre die doch gar nicht nötig.

Doch. Bisher gab es Berufsorientierung noch nicht flächendeckend. Bundesarbeitsministerin Nahles und ich haben das Instrument der Bildungsketten seit Anfang 2015 aber auch auf Gymnasien ausgeweitet. Bis zum Ende der Legislatur wollen wir 500 000 Schüler erreichen.

Aktuell sind 41 000 Lehrstellen unbesetzt – vor allem in praktischen Berufen wie Koch, Gastronom oder Installateur. Mangelnde Qualifikation der Bewerber kann also nicht der Hauptgrund sein.

Die Branchen mit den größten Problemen beginnen umzudenken: Sie überlegen, was sie anders machen können, um die Lehre attraktiver zu machen – sei es bei der Ausbildungsvergütung, den Arbeitsbedingungen oder indem sie Zusatzanreize schaffen, etwa den Führerschein zahlen.

Was tut die Politik?

Wir haben etwa erreicht, dass das Austauschprogramm „Erasmus Plus“ von Brüssel nicht gekürzt, sondern aufgestockt wird: So können auch Bäcker, Hoteliers oder Installateure Azubis ein paar Wochen oder ein halbes Jahr nach Italien oder Großbritannien schicken. Das ist für junge Leute extrem interessant und nutzt dem Betrieb. Es wird aber noch zu wenig genutzt, das müssten die Kammern bekannter machen.

Sie sagen, die Chancen, eine Lehrstelle zu finden, sind super.

Auf jeden Fall viel besser als früher. Wir haben mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Volkswirtschaftlich verschärfen ungenutzte Plätze allerdings perspektivisch den Fachkräftemangel.

Rechnet man alle Unversorgten und Bewerber in den Warteschleifen zusammen, sind es mehr als 500 000 junge Menschen, die eine Ausbildung machen möchten.

Einspruch! Teilweise haben sie eine Alternative, teilweise sind sie nicht abgemeldet, teilweise wird doppelt gezählt. Und das Übergangssystem konnten wir schon von 460 000 auf 270 000 reduzieren. Richtig ist: Es sind noch zu viele. Und solange es unbesetzte Lehrstellen gibt, sollte niemand seine Zeit mit Jobben vertun.

Oft kommen Azubis und Betriebe örtlich nicht zusammen. Obwohl Lehrlinge zu Beginn im Schnitt 19 Jahre alt sind, lernen nur sieben Prozent fern der Heimat.

Bei Studenten konnten wir die Mobilität deutlich erhöhen und sie etwa vom Studium im Osten überzeugen. Das wollen wir auch in der Lehre. Konzerne suchen bundesweit, auch der Mittelstand muss sich mit den Kammern schon aus Eigeninteresse stärker überregional umtun und Lehrlinge dort abholen, wo sie sind.

Unter Migranten macht nicht mal jeder Dritte eine Lehre, von den Ur-Deutschen 56 Prozent.

Dass viele Migranten-Familien immer noch große Vorbehalte gegen eine Lehre haben, ist nicht gut. Das muss sich ändern. Wir hoffen, dass Ausbilder mit Migrationshintergrund künftig viel mehr ausbilden.

Liegt es auch an Vorurteilen der Betriebe gegen Migranten?

Die Gesellschaft muss mehr zusammenwachsen. Zudem richtet sich nur jedes dritte Angebot an Bewerber von der Hauptschule – viel zu wenig. Dann darf man sich nicht wundern, wenn Migranten, die oft schlechtere Abschlüsse haben, nicht zum Zug kommen.

Frau Ministerin, vielen Dank für das Interview.

Das Gespräch führte Barbara Gillmann.