"Wir brauchen mehr Mobilität von Auszubildenden"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über die Ausbildungslage in Deutschland, regionale Unterschiede am Ausbildungsmarkt und den Lehrlingsmangel. Ein Gespräch mit der "Passauer Neuen Presse" vom 23. Juni 2016.

"Wir müssen stärker für die berufliche Ausbildung werben", sagt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Passauer Neue Presse: Frau Wanka, der Start des Ausbildungsjahres rückt näher. Wie ist die Lage auf dem Lehrstellenmarkt in diesem Jahr?

Wanka: Aus Sicht der jungen Leute ist die Situation so gut wie nie zuvor. Wer einen Ausbildungsplatz sucht, bekommt in der Regel auch einen. Anders als früher haben wir mehr freie Lehrstellen als junge Leute, die einen suchen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es nicht gut, wenn viele Plätze unbesetzt bleiben. Betriebe, die drei Mal hintereinander ohne Erfolg versucht haben, einen Lehrling zu bekommen, ziehen sich zurück und bieten oft keine Stellen mehr an. Die regionalen Unterschiede in Deutschland sind erheblich: In Nordrhein-Westfalen gibt es mehr Jugendliche, die nach einer Lehrstelle suchen, als Betriebe, die welche anbieten. In Ostdeutschland oder in Oberbayern ist es in weiten Teilen umgekehrt.

Wir brauchen mehr Mobilität von Auszubildenden. Sie sollten dahin gehen, wo es freie Stellen gibt. Daran arbeitet mein Ministerium. Bei den Hochschulen hatten wir schon Erfolg damit. Noch vor kurzer Zeit lag der Anteil derer, die zum Studium in den Osten gegangen sind, bei zehn Prozent. Heute sind es bei einigen Hochschulen 30, 40 Prozent. Das müssen wir bei der Ausbildung auch schaffen. Es geht darum, Mobilität zu fördern oder auch Wohnheimplätze zu schaffen und ein Stück mehr Werbung für die betriebliche Ausbildung zu machen...

Wäre es nicht an den Firmen, die Lehre mit höheren Vergütungen attraktiver zu machen?

Wanka: Einige Betriebe zahlen vergleichsweise wenig, andere dagegen viel mehr. Der Durchschnitt liegt bei über 800 Euro im Monat. Bei manchen gibt es nicht mehr als 300 Euro. Branchen mit zunehmendem Lehrlingsbedarf haben die Vergütungen inzwischen deutlich heraufgesetzt. Und es gibt auch darüber hinaus materielle Anreize: Da zahlt der Betrieb den Führerschein, das Smartphone oder die Mitgliedschaft im Fitnessstudio.

Die Zahl der Unternehmen, die noch ausbilden, ist deutlich zurückgegangen. Was erwarten Sie jetzt von der Wirtschaft?

Wanka: Besonders zurückgegangen sind die Ausbildungsangebote bei Firmen mit weniger als 20 Beschäftigten. Manche Betriebe sind einfach zu klein, um allein Verantwortung für einen Lehrling zu übernehmen. Diese Unternehmen müssen wir stärken. Wenn sich mehrere von ihnen zusammenschließen und gemeinsam eine Lehrstelle anbieten, ist das eine gute Entwicklung.

In welchen Branchen droht wegen Lehrlingsmangels akuter Fachkräftemangel?

Wanka: In manchen Branchen ist er bereits Realität. Wir haben jedes Jahr nahezu die gleichen beliebtesten Ausbildungsberufe. Tierpfleger oder etwas mit Medien wollen alle machen, ohne auf die Beschäftigungschancen später zu schauen. In vielen Handwerksberufen, aber auch in der Gastronomie und im Tourismus benötigen wir deutlich mehr Auszubildende. Wir versuchen auch, mehr junge Frauen in typische Männerberufe zu bringen. Nicht alle können Kosmetikerinnen oder Friseurinnen werden. Wir brauchen mehr Kfz-Mechanikerinnen oder Handwerkerinnen.

Mit jedes Jahr rund 20 000 jungen Menschen, die trotz Lehrlingsmangels keine Stelle finden und unversorgt bleiben, kann man sich zufrieden geben, oder?

Wanka: Auf gar keinen Fall! Und wir haben ja noch das Übergangssystem. Da geht es um junge Menschen, die nicht sofort eine Lehrstelle bekommen - sei es, weil ihnen dringend benötigte Qualifikationen fehlen, sie einen Schulabschluss nachholen oder ein Pflichtpraktikum machen. Wir wollen zunehmend auch Studienabbrecher für die betriebliche Ausbildung gewinnen. Bei den Industrie- und Handelskammern freut man sich über jeden mit Abitur, der vielleicht schon drei, vier Semester eines Studiums der Elektrotechnik hinter sich hat.

Die Wirtschaft klagt über Defizite bei der Ausbildungsreife vieler Jugendlicher, über Probleme mit der deutschen Sprache und in Mathematik, über fehlende Leistungsbereitschaft, Disziplin und Pünktlichkeit. Werden die Schulen hier ihrer Verantwortung nicht gerecht?

Wanka: Bereitschaft zu Leistung, Ordnung und Disziplin zu fördern, ist nicht allein Sache der Schulen. Das gilt auch für die Berufsorientierung und Beratung. Was die rein fachlichen Probleme betrifft, lohnt sich ein Blick auf Pisa. Deutschlands Schüler haben aufgeholt. Der Anteil derer, die in Mathe oder Deutsch nicht über die niedrigste Kompetenzstufe hinauskommen, geht zurück.

Immer junge Menschen wollen an die Uni, immer weniger ins Duale System der Ausbildung - ein gefährlicher Trend?

Wanka: Nein. Ich freue mich über jeden, der mit guten Erfolgsaussichten ein Studium beginnt. Wir haben jedes Jahr rund 500 000 Studienanfänger. Ebenfalls rund 500 000 junge Menschen starten mit einer Lehre, 200 000 mit einer vollschulischen Ausbildung. Wir müssen stärker für die berufliche Ausbildung werben. Die Aufstiegschancen haben sich enorm verbessert. Man kann heute mit einer dreijährigen Ausbildung nach drei Jahren im Beruf studieren, ohne das Abitur nachholen zu müssen.

Im vergangenen Jahr, als die vielen Flüchtlinge kamen, waren die Erwartungen mit Blick auf ihre Ausbildungsfähigkeit groß. Ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt?

Wanka: Viele Firmenchefs und Manager haben den Eindruck erweckt, mit den Flüchtlingen könnten wir unser Fachkräfteproblem lösen. Das habe ich von Anfang für überzogen gehalten. Wir haben jetzt erste Einschätzungen zum Bildungsstand der Flüchtlinge. Fast ein Drittel der Asylantragsteller hat keine oder nur maximal vier Jahre eine Schule besucht. Viele derer, die sofort in eine Ausbildung eingestiegen sind, waren überfordert und haben schnell wieder aufgegeben. Klar ist, dass die Integration der Flüchtlinge eine Chance für Deutschland ist. Aber das wird noch ein langer Weg.

Wie lang?

Wanka: Mir ist wichtig: Bei den Anforderungen für die Auszubildenden dürfen wir keine Abstriche machen. Es kann hier kein Zwei-Klassen-System geben. Wir müssen die jungen Flüchtlinge unterstützen, damit sie in der Lage sind, die Anforderungen zu erfüllen. Da geht es nicht nur um Sprache. Viele der jungen Flüchtlinge wollen arbeiten und zwar schnell. Ich freue mich, dass das Handwerk für sie inzwischen fast 10 000 Stellen bereitgestellt hat. Die Wirtschaft engagiert sich also.

Das Interview führte Rasmus Buchsteiner.