"Wir brauchen mehr unbefristete Stellen"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über den Wissenschaftsstandort Deutschland, die Förderung von jungen Forschern durch neue Programme und die Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Ein Interview mit der "Berliner Zeitung" vom 13.Mai 2016

Bundesministerin Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Berliner Zeitung: Frau Ministerin, verstehen Sie junge Akademiker, die sagen: „Ich gehe lieber ins Ausland, da komme ich schneller voran“? Oder auch: „Eine Karriere in der Wirtschaft bringt nicht nur mehr Geld, sondern ist auch besser planbar“?

Johanna Wanka: Ich freue mich, dass viele junge Wissenschaftler in der Wirtschaft erfolgreich sind. Gleichzeitig kommen Forscher, die früher ins Ausland gegangen sind, inzwischen oft nach Deutschland zurück. Deutsche Hochschulen sind für sie wieder attraktiv, auch dank der Exzellenzinitiative. Wahr ist aber auch: Wir brauchen mehr unbefristete Stellen. Und: Viele erfahren zu spät, oft erst mit 40, ob sie dauerhaft an der Universität bleiben können. Das will ich ändern.

Was haben Sie konkret vor?

Ich bin bereit, über zehn Jahre insgesamt eine Milliarde Euro auszugeben, um einen Wandel herbeizuführen. Den wollen wir mit Hilfe eines Tenure-Track-Programms schaffen. Dabei geht es darum, dass junge Wissenschaftler frühzeitig eine Professur auf Probe erhalten, bei der klar ist, dass diese nach sechs Jahren in eine dauerhafte Stelle umgewandelt wird – wenn die Leistung stimmt. Wer eine solche Stelle antritt, weiß: „Wenn ich das gut mache, kann ich auf jeden Fall bleiben.“

Stimmt es, dass auf diese Weise 1000 Stellen entstehen sollen?

Die genaue Zahl wird am Ende der Verhandlungen mit den Ländern stehen, am 20. Mai wollen wir in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz zu einem Ergebnis kommen. Für mich ist entscheidend, dass ich nicht nur eine Finanzspritze für zehn Jahre geben will – und danach ist wieder alles wie vorher. Die Länder sollen die Stellen hinterher dauerhaft finanzieren.

Warum immer das Prinzip Professur oder nichts? Oder gibt es auch Pläne für zusätzliche Stellen im akademischen Mittelbau?

Der Bund zahlt seit 2015 das Bafög allein. Dadurch haben die Länder jedes Jahr 1,2 Milliarden Euro zur Verfügung. Damit lassen sich 10000 Stellen im Mittelbau schaffen. Ich verteile keine Schulnoten. Aber es gibt Länder wie Bayern oder Hessen, in denen dieses Geld in den Hochschulbereich geflossen ist. Und es gibt Länder, in denen das nicht so ist. Bei den Bafög-Mitteln hatte der Bund nicht die Möglichkeit, eine Zweckbindung vorzuschreiben. Bei den Mitteln für die Tenure-Track-Stellen werden wir festlegen, dass diese zielgenau eingesetzt werden.

Gerade junge Frauen, aber auch immer mehr junge Männer beklagen, dass die unsicheren Perspektiven für eine schlechte Vereinbarkeit von Unikarriere und Familie sorgen. Wann ist für jemanden, der eine solche Karriere anstrebt, der richtige Zeitpunkt für ein Kind?

Eindeutig schon während des Studiums oder der Promotionszeit – und das sagt Ihnen eine Frau, die es wissen kann. Im Studium haben Sie eine hohe Flexibilität, und die Studentenwerke bieten viel Unterstützung, was die Wohnung oder auch die Kinderbetreuung angeht. Wichtig ist natürlich, den richtigen Partner dafür zu haben.

Gerade an der Uni müssen junge Mitarbeiter oft viel länger arbeiten, als es in ihren Verträgen steht.

Wissenschaftliche Arbeit lässt sich nicht in einen Acht-Stunden-Tag pressen. Schon gar nicht Spitzenforschung. Altruismus gehört dazu. Andererseits bietet die Hochschule auch die Chance, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten – besser als die meisten Betriebe das können.

Sie waren die Erste in Ihrer Familie, die studiert hat, und werben in der Initiative „Arbeiterkind.de“ dafür, dass andere es Ihnen gleichtun.

Ja, ich möchte Mut machen. Es ist eben schon etwas anderes, ob man ein Elternhaus hat, wo alle wissen, wie ein Studium funktioniert – oder eben nicht. Und natürlich sind die Kinder im Vorteil, bei denen zu Hause alle Wände voller Bücher stehen.

Laut Studentenwerk studieren 77 von 100 Kindern, wenn mindestens ein Elternteil Akademiker ist. Bei den anderen sind es nur 23 Prozent. Schmerzt es Sie persönlich, dass die soziale Schieflage fortbesteht?

Schmerz ist mir zu defensiv, ich will und kann etwas tun. In einer reichen Kulturnation wie Deutschland soll es für alle maximale Chancen geben. In Elternhäusern, in denen weder Vater noch Mutter studiert haben, ist die Neigung größer zu sagen: „Mach erst mal eine Lehre.“ Deshalb haben wir die Hochschulen auch für die mit einer beruflichen Qualifikation geöffnet.

Liegt das Problem nicht vielmehr darin, dass wir die Kinder schon nach der vierten Klasse auf unterschiedliche Schulformen verteilen?

Auch hier geht es um Durchlässigkeit, um die Chance zum Beispiel, auch in der achten Klasse aufs Gymnasium zu wechseln. Gerade Jungs sind ja nicht selten Spätzünder. Alle immer nur auf die gleiche Schule zu schicken ist ungerecht, da die Menschen ganz unterschiedlich sind.

Das Gespräch führte Tobias Peter.