"Wir brauchen neue Antibiotika"

Resistente Erreger bedrohen bis 2050 weltweit 10 Millionen Menschenleben. "Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen", mahnt Thomas Rachel. "Es gilt jetzt, mit neuen Wirkstoffen den Wettlauf um Menschenleben gegen die resistenten Erreger zu gewinnen."

"Sie arbeiten an vielen, zum Teil auch kleinen Innovationen, die für den einzelnen Menschen jedoch großes bewirken! Dabei wollen wir Sie unterstützen", sagt Staatssekretär Rachel bei der Eröffnung des Vernetzungstreffens der Nationalen Wirkstoffinitiative in Berlin.

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© BMBF/Hans-Joachim Rickel

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, anlässlich der Eröffnung des Vernetzungstreffens der Nationalen Wirkstoffinitiative am Dienstag, 8. Oktober 2019, in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Lieber Kollege Albani und MdBs,

das neue Rahmenprogramm Gesundheitsforschung, das wir gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit im vergangenen Jahr vorgestellt haben, definiert die strategische Ausrichtung der Gesundheitsforschung der Bundesregierung – insbesondere zur Forschungs-, Innovations- und Strukturförderung. Damit schaffen wir den Raum, in dem alle Beteiligten eng zusammenarbeiten und vorhandene Ressourcen gemeinsam effektiv nutzen können.

Mit dem neuen Rahmenprogramm Gesundheitsforschung stärken wir auch die Teilhabe der Menschen am medizinischen Fortschritt unter anderem durch partizipative Ansätze in der Forschung.

Als Bundesforschungsministerium möchten wir mit unserer Forschungsförderung dazu beitragen, dass die Medizin der Zukunft die Menschen schneller erreicht und ihren tatsächlichen Bedürfnissen entspricht.

Sie werden mir zustimmen, dass klare, langfristige Strategien notwendig sind, damit in Zukunft noch mehr gute Ideen aus der Grundlagenforschung schnell bei den Patientinnen und Patienten ankommen. Und medizinischer Fortschritt beruht nicht zuletzt auf neuen, besseren und sicheren Wirkstoffen. Wir haben deshalb die vom Parlament beschlossene „Nationale Wirkstoffinitiative“ gerne aufgenommen und mit konkreten Förderinitiativen umgesetzt.

Inzwischen haben wir drei Förderrichtlinien mit einem Fördervolumen von rund 40 Millionen Euro gestartet. Damit sollen aktuell sowie in den kommenden Jahren beispielsweise Diagnostika und neuartige Therapien zur Behandlung bakterieller Infektionen erforscht werden.

Denn eine der weltweiten gesundheitlichen Bedrohungen, denen wir mit innovativen Lösungen entgegentreten müssen, sind Infektionskrankheiten. Zusammen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören sie zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Abgesehen von Hygieneanstrengungen im Behandlungsumfeld sind es vor allem Antibiotika, die den Menschen helfen. Wie Sie wissen, werden die Keime allerdings immer widerstandsfähiger. Antimikrobielle Resistenzen erschweren die Behandlung vieler Infektionen. Sie bedrohen den Erfolg alltäglicher medizinischer Eingriffe und verursachen schon heute zahlreiche Todesfälle – allein in Deutschland sind es jährlich rund 2.400. Hier gibt es akuten Handlungsbedarf! Wir brauchen neue und wirksame Antibiotika. Viele von Ihnen kennen die Konsequenzen, die beispielsweise der O’Neill-Report vor drei Jahren prognostiziert hat: weltweit 10 Millionen Tote im Zusammenhang mit antimikrobiellen Resistenzen im Jahr 2050. Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen! Es gilt jetzt, mit neuen Wirkstoffen den Wettlauf um Menschenleben gegen die resistenten Erreger zu gewinnen.

Meine Damen und Herren,

Sie alle sind an der Entwicklung neuer Wirkstoffe und Diagnostika beteiligt, die das Leben der Menschen verbessern sollen. Sie arbeiten an vielen, zum Teil auch kleinen Innovationen, die für den einzelnen Menschen jedoch großes bewirken! Dabei wollen wir Sie unterstützen.

Sie alle wissen, dass eine der größten Herausforderungen im Prozess der Arzneimittelentwicklung der Übergang aus der Grundlagenforschung in die Anwendung ist. Damit diese Translation erfolgreich gelingen kann und das neue Medikament tatsächlich bald in der Apotheke oder beim Arzt erhältlich ist, sind zahlreiche Hindernisse zu überwinden. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen universitären Einrichtungen und privatwirtschaftlichen Unternehmen ist dabei die Grundlage für einen erfolgreichen und effizienten Übergang.

Und hier besteht, da werden Sie mir zustimmen, noch Handlungsbedarf – sowohl bei der Übergabe aktueller Forschungsergebnisse in die industrielle Produktentwicklung als auch bei der Vernetzung der daran beteiligten Akteurinnen und Akteure.

Dazu gehört auch, dass die Validität und Qualität der akademischen Forschung verbessert wird und für die industrielle Entwicklung nutzbar ist. Genau hier setzt eine weitere Fördermaßnahme im Rahmen der Wirkstoffinitiative an. Wegen des großen Zuspruchs haben wir inzwischen eine zweite Bekanntmachung zur sogenannten Validierung für die pharmazeutische Wirkstoffentwicklung veröffentlicht.

Aber unsere Planungen gehen noch weiter: wir wollen die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Industrie noch gezielter adressieren. Zukunftsweisende Formen der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Zulassungsbehörden und Industrie sollen durch ein neues eines Translationsprogramms möglich werden. Dieses Programm soll explizit auf die höhere Anschlussfähigkeit akademischer Projekte für die nachfolgende industrielle Entwicklung ausgerichtet sein.

Forschung erfordert rationale und oftmals risikofreudige Entscheidungen in Momenten, in denen der weitere Projektverlauf oft noch ungewiss ist. Ein neues, wirksames und sicheres Arzneimittel ist das Ergebnis von langjähriger, zielstrebiger, harter Arbeit, großer Beharrlichkeit und sehr viel Idealismus. Und genau dort wird das Translationsprogramm ansetzen. Dazu sollen vielversprechende akademische Entdeckungen aus Deutschland identifiziert werden. Anschließend sollen sie nach industriellen Standards gezielt weiterentwickelt und in validierte, werthaltige Wirkstoffkandidaten überführt werden. Diese Wirkstoffkandidaten – so der Gedanke hinter dem Programm – weisen im Ergebnis einen höheren Reifegrad auf und sind für potenzielle Investoren und Lizenznehmer attraktiv. Das Translationsprogramm will damit eine bestehende Entwicklungslücke in der translationalen Forschung schließen, damit die viele guten Ideen aus der akademischen Wirkstoffforschung auch bei den Patientinnen und Patienten ankommen.

Meine Damen und Herren,

Um aus den Anstrengungen Einzelner aber eine wirkliche landesweite Initiative zu machen, müssen wir die Kompetenzen bündeln und das Wissen teilen. Es gilt, Netzwerke zu bilden und Ideen auszutauschen. Nutzen Sie die Chance, die dieser Tag Ihnen bietet. Stellen Sie Verknüpfungen her, an die Sie vielleicht noch nicht gedacht haben.

Zum Abschluss wünsche Ihnen ein spannendes und kontaktfreudiges Vernetzungstreffen und übergebe das Wort an meinen Parlamentskollegen Stephan Albani. Er ist ganz besonders einer derjenigen im Deutschen Bundestag, die den Weg für die Nationale Wirkstoffinitiative geebnet haben.

Vielen Dank!