"Wir brauchen weiter Disziplin und Geduld"

Bundesforschungsministerin Karliczek appelliert an die Menschen, sich an die Anti-Corona-Maßnahmen zu halten. Die Forschung arbeite aber mit Hochdruck an einem Impfstoff, berichtet sie im Interview mit der "Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft".

Anja Karliczek
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Interview mit Bundesforschungsministerin Anja Karliczek für die "Neue Berliner Redaktionsgesellschaft", Erstveröffentlichung in der "Südwest Presse" am 4. April 2020. Das Gespräch führte Mathias Puddig.

Frau Karliczek, Deutschland steckt seit zwei Wochen in einer Ausnahmesituation. Verstehen Sie, wenn die Leute ungeduldig werden?

Bei den allermeisten Menschen sehe ich diese Ungeduld nicht. Wir müssen die Infektionszahlen weiter drücken. Das hat am Freitag auch noch einmal das Robert-Koch-Institut deutlich gemacht. Daher müssen die Regeln zur Eindämmung der Pandemie nach wie vor strikt eingehalten werden. Sie retten Leben. Wir brauchen weiter Disziplin und Geduld. Das ist das A und O. Je mehr wir die jetzt aufbringen, desto eher werden vermutlich auch die Regeln in absehbarer Zeit etwas gelockert werden können. Und diese Lockerungen für mehr Bewegungsfreiheit werden aber nur dann zu verantworten sein, wenn wir alle die Hygiene-und Abstands-Regelnweiter strikt befolgen –und vielleicht noch zusätzliche Maßnahmen ergreifen.

Welche?

Nach den Empfehlungen der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina kann das unter anderem das Tragen von einem Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit sein. Ich betone: Das wäre eine zusätzliche Maßnahme, die keine Vorsichtsmaßnahme wie das Abstandhalten ersetzen würde! Natürlich muss auch der Staat die Tests weiter hochfahren. Die Krise wird uns noch längere Zeit zu Einschränkungen zwingen. Der Kampf zur Eindämmung der Pandemie hat gerade erst begonnen.

Sind die Beschränkungen nicht auch eine riesige Belastung?

Die strikten Beschränkungen gelten erst seit rund zwei Wochen. Ich weiß natürlich auch, dass die Situation in vielen Familien nicht einfach ist. Kindern fehlen Bewegung und ihre Freunde, Eltern werden auf einmal zu Lernbegleitern, worauf sie nicht vorbereitet sind. Hinzu kommen persönliche Sorgen und vielleicht auch beengte Wohnverhältnisse. Aber, bedenken Sie: Auch wir trauern um viele Verstorbene, ältere und jüngere Menschen. Wir müssen verhindern, dass wir Verhältnisse wie in Norditalien mit dieser schrecklichen Anzahl an Toten bekommen. Würde unsere Gesellschaft in den nächsten Monaten nicht die Kraft zur Solidarität aufbringen, wäre es ein Versagen der Gesellschaft. Dieses Versagen würde uns lange beschäftigen und Schuldvorwürfe auslösen.

Welche Themen bleiben bei Ihnen im Ministerium wegen der Krise liegen?

Es bleibt nichts liegen, aber der Fokus hat sich natürlich vollständig verschoben. Unsere Nationale Wasserstoffstrategie wird vermutlich erst nach Ostern ins Kabinett kommen. Aber die Krise beschleunigt auch vieles. Schauen sie auf die Digitalisierung der Schulen. Aus dem Digitalpakt kann jetzt nicht nur kurzfristig die Infrastruktur ausgebaut, sondern auch befristet die Anschaffung von Bildungsinhalten und Lernsoftware finanziert werden. Außerdem haben wir die von uns geförderte Schul-Cloud des Hasso-Plattner-Instituts für die Schulen geöffnet, die bisher nicht auf ein solches Angebot zurückgreifen konnten.

Wann können die Schulen wieder öffnen?

Man muss die Frage abschichten: Die eine Ebene ist: Wann können wir aus epidemiologischen Gesichtspunkten die Schulen wieder öffnen? Die andere ist: Wir müssen auch beachten, dass diese Öffnung dann möglichst Bestand haben muss. Die Leopoldina erörtert gerade diese Fragen und berücksichtigt dabei alle Gesichtspunkte, also auch wirtschaftliche und soziologische. Auch die Situation an den Schulen dürfte sie im Auge haben, was für die Länder von Bedeutung ist.

Ihr Haus hat viel Geld für die Corona-Forschung bewilligt. Haben Sie darüber noch einen Überblick?

Wir haben die Unterstützung für die internationale Impfstoff-Allianz Cepi noch einmal um 140 Millionen Euro aufgestockt. Cepi hat derzeit weltweit acht Firmen undInstitute mit der Entwicklung eines Impfstoffs beauftragt. Für die bessere Erforschung des Virus und die Entwicklung von Medikamenten liegen aktuell 15 Millionen Euro zusätzlich bereit. Vor gut einer Woche haben wir in Deutschland außerdem ein eimaliges Projekt gestartet, die Universitätskliniken noch stärker zu vernetzen, um die Forschung und Behandlung von Covid-19 zu verbessern. Dafür stellen wir 150 Millionen Euro zur Verfügung.

Was bringt das?

Ein Beispiel: Überall im Land werden jetzt Heilversuche und frühe klinische Studien unternommen, also Medikamente eingesetzt, die für die Covid-19-Behandlung noch nicht zugelassen sind. Die Erkenntnisse müssen schnell in alle Kliniken in Deutschland gelangen. Solange wir keinen Impfstoff haben, sind solche Informationen essentiell.

Wann kommen endlich Impfstoffe und Medikamente?

Normalerweise dauert es von der Entwicklung eines Impfstoffes bis zur Zulassung ungefähr zehn Jahre. Das Gute ist aber: Wir haben in den letzten Jahren schon 50 Millionen Euro dem Cepi-Netzwerk zur Verfügung gestellt und eine exzellente Impfstoffforschung am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung, auch bereits zu anderen Coronaviren. Die Forschung musste also nicht bei null anfangen. Im Gegenteil. Wir haben die Hoffnung, dass ein Impfstoff, mit dem breitere Teile der Bevölkerung geschützt werden können, Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres zur Verfügung steht. In der Medikamentenforschung könnte es etwas schneller gehen, wenn es um den Einsatz schon vorhandener Medikamente geht.

Lässt sich der Prozess noch weiter beschleunigen?

Wir tun jetzt alles, was möglich ist. Wir können es aber nicht verantworten, unabdingbare Standards abzusenken. Bei der Impfstoffentwicklung bleiben Wirksamkeit und Sicherheit die Richtschnur. Risiko und Nutzen müssen immer wieder vor diesem Hintergrund abgewogen werden.So etwas wie die Corona-Krise hat es noch nie gegeben.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie als Politikerin gewaltige Fehler machen können?

Unsicherheit treibt in diesen Tagen alle um. Wir Politiker haben zwar Wissenschaftler an unserer Seite, denen wir gut zuhören. Am Ende tragen wir aber die Verantwortung für die schwierigen Entscheidungen. Diese Entscheidungen können sich auch rasch überholen, weil sich das Lagebild und die Datengrundlagen permanent verändern. Wir müssen dauernd Prognoseentscheidungen abgeben. Am Ende kann uns keiner die Unsicherheit nehmen, die in diesen Entscheidungen wohnt. Für die Übernahme dieser Verantwortung sind wir gewählt worden.