"Wir dürfen hier nichts bröckeln lassen"

Im Interview mit Jan-Martin Wiarda spricht Bundesforschungsministerin Anja Karliczek über die Rolle der Wissenschaft in der Corona-Krise, die Priorität offener Schulen, persönliche Lerneffekte und die Bilanz ihrer Amtszeit.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview ist am 13. November 2020 im "Wiarda Blog" erschienen. Die Fragen stellte Jan-Martin Wiarda.

Frau Karliczek, noch ein Jahr bis zur Bundestagswahl. Lassen Sie uns eine vorläufige Bilanz Ihrer Zeit als Ministerin ziehen. Fangen wir an mit Ihrem holprigen Start.

Wir haben in dieser Legislaturperiode insgesamt sehr viel geschafft, um Bildung, Forschung und Innovation in Deutschland zu stärken. Auch im ersten Jahr meiner Amtszeit habe ich Initiativen gestartet – denken Sie an die Hightech Strategie oder den Start der Nationalen Dekade gegen Krebs. Der DigitalPakt Schule wurde verabschiedet. In viele andere Themen wollte ich aber zunächst noch tiefer durchdringen. Die Öffentlichkeit ist leider ungeduldig. Ich glaube aber, dass mein Weg dennoch grundsätzlich richtig war. Diese Zeit muss sich ein Spitzenpolitiker oder eine Spitzenpolitikerin auch nehmen, wenn er oder sie in ein neues Amt kommt.

Sie sind erstmal gegen eine Mauer gelaufen?

Ich schaue nach vorn, auch wenn ich mir gerade am Anfang dann und wann ein bisschen mehr Offenheit gewünscht hätte. Denn es kann ja durchaus ein Vorteil sein kann, wenn jemand eine Aufgabe übernimmt, mit der er in der Vergangenheit wenig Berührungspunkte hatte. Der Blick von außen kann manchmal neue Perspektiven eröffnen und damit neue Lösungen überhaupt erst ermöglichen. Wir sollten uns grundsätzlich mit weniger Vorbehalten und Vorurteilen begegnen und einander stattdessen gut zuhören.

Denken Sie dabei an etwas Bestimmtes?

Das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft ist enorm. Aber um dieses Vertrauen zu erhalten, sollte die Wissenschaft in einen noch intensiveren Austausch mit den Menschen treten, auf allen Ebenen. Es gehört zu ihren Aufgaben, der breiteren Gesellschaft zu erklären, wie Wissenschaft funktioniert, und sie, wo möglich, ein Stückweit daran teilhaben lassen. Vertrauen in Wissenschaft ist ein hohes Gut, gerade in diesen Zeiten. Wir dürfen hier nichts bröckeln lassen, sondern müssen das Vertrauen erhalten und am besten noch ausbauen.

Haben Sie denn das Gefühl, die Wissenschaftsszene weiß Ihren Blick von außen inzwischen mehr zu schätzen als am Anfang?

Die Skepsis des ersten Jahres hatte ihren Grund darin, dass viele nicht einschätzen konnten, ob jemand, der von außen kommt, für die Wissenschaft so kämpfen kann, wie sie es verdient. Die erfolgreichen Verhandlungen über die Wissenschafts- und Hochschulpakte im Mai 2019 haben der Wissenschaftsszene aber gezeigt, dass sich auch jemand von außen für sie stark machen kann.

Der neue Zukunftsvertrag, die Verlängerung des Pakts für Forschung und Innovation und eine neue Förderorganisation für die Hochschullehre: insgesamt 160 Milliarden Euro für die Wissenschaft bis 2030. War das für Sie der Wendepunkt? 

Das war der Punkt, an dem ich sicher einige Skeptiker überzeugen konnte.

War der Abschluss der Wissenschaftspakte Ihr größter Erfolg?

Wie gesagt, ich glaube, dass ich in den vergangen drei Jahren in vielen Bereichen viel bewegen konnte. Ein paar Beispiele: Der DigitalPakt Schule läuft. Die Digitalisierung in den Schulen ist in Bewegung gekommen. Innerhalb der Bundesregierung konnte ich in der Debatte um die Wasserstoff-Strategie den Vorrang für den Grünen Wasserstoff durchsetzen. Deutschland setzt nun im auf diese Zukunftstechnologie und gleichzeitig auf den Klimaschutz. Wir forcieren die Quantentechnologie und KI und vieles mehr. Auch unser Wissenschaftssystem hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Die Forschungsgemeinschaften sprechen in der Pandemie nun mit einer Stimme. Oder nehmen Sie das Netzwerk, zu dem sich auf meine Initiative alle Universitätsklinika in der Pandemie zusammengeschlossen haben. Das hat es noch nie zuvor gegeben. Das wollen wir auch für die Zeit nach der Krise erhalten. Und ich habe noch Einiges vor.

Von den Erfolgen zu reden ist einfach. Was war Ihr größter Misserfolg bislang?

Die Antwort wird Sie nicht überraschen: der Standortauswahlprozess zur  Forschungsfabrik Batteriezelle. Das ist ein wegweisendes Zukunfts-Projekt. Im Verfahren haben wir uns aber angreifbar gemacht, was ich bedaure. Es wurden Fehler gemacht, die sich nicht wiederholen dürfen. Wir haben hausintern reagiert. Schade, dass lange Zeit die Diskussion um das Verfahren stärker im Fokus stand als das wichtige Projekt als solches.

Diesen Makel werden Sie nicht wieder los, oder?

Der Bundesrechnungshof hat ja, nachdem wir alle Unterlagen vorgelegt haben, die Entscheidung in der Sache selbst nicht in Frage gestellt hat. Aber die Debatte kann ich leider nicht rückgängig machen.

Sie haben gesagt, die anfänglich fünf Bundesmilliarden für den Digitalpakt waren schwer in Bewegung zu bekommen. Ehrlicherweise flutschen auch jetzt nur die Gelder im Zusatzprogramm für die Schüler-Endgeräte so richtig. Weil der ursprüngliche Pakt einen grundsätzlichen Konstruktionsfehler hat? 

Den sehe ich überhaupt nicht. Der Gedanke, dass die Schulträger in Absprache mit den Schulen ein pädagogisches Konzept im Hinblick auf die Digitalisierung vorlegen, ist absolut richtig. Es geht nicht nur darum, WLAN und Laptops in die Schulen zu bringen. Die Digitalisierung soll vor allem einen pädagogischen Mehrwert bringen. Dafür braucht man schon Konzepte. Wichtig ist mir, dass die Schule vor Ort Überlegungen anstellt, wie der Mehrwert digitaler Möglichkeiten im Schulalltag genutzt werden kann.

Trotzdem haben Sie in der Corona-Krise die Abläufe geändert. Jetzt können die Schulträger die Konzepte nachreichen. Warum nicht gleich so?

Die Pandemie hat uns alle kurzfristig vor ganz neue Herausforderungen gestellt, denken Sie etwa an die flächendeckenden Schulschließungen im Frühjahr. Darauf haben wir reagiert und eine Ausnahme gemacht, um die Länder darin zu unterstützen, schnell die technischen Voraussetzungen für einen Distanzunterricht zu schaffen. Ende 2021 kehren wir zum alten Verfahren zurück. Es ist ja auch nicht so, dass pädagogische Konzepte bis zu diesem Zeitpunkt nicht entstehen. Wir verzichten auch nicht auf die Konzepte. Wir lassen aber zu, dass sie später vorgelegt werden können. Denn für guten digitalen Unterricht brauchen die Schulen natürlich diese Konzepte.

Also zurück auf ganz langsam? Vor der Krise zählte Deutschlands Schulsystem zu den Digitalisierungs-Schlusslichtern.

Natürlich soll das Tempo jetzt beibehalten, am besten gesteigert werden. Zumal sich inzwischen auch die administrativen Abläufe in den Ländern eingespielt haben. Für mich liegt in jeder Krise auch eine Chance. In der Digitalisierung der Schulen heißt das Prinzip gerade: Learning by Doing. Davon sollte auch möglichst viel bleiben. Wir brauchen Spontanität und Kreativität, die aber auch in Konzepten münden sollte. Hätte es die Corona-Pandemie nicht gegeben, wären wir in Sachen digitale Bildung vermutlich erst in drei, vier Jahren da, wo wir jetzt sind – auch wenn wir längst noch nicht da sind, wo wir gerne wären.

Und so gewaltig ist das Tempo ja jetzt auch nicht. Zwar ist das Geld da, aber viele Schüler-Endgeräte können nicht bestellt werden, weil die Lager der Hersteller leer sind. Und die Lehrer bekommen dann ihre Laptops, wenn die Pandemie vorüber ist?

Die Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern zur Ausstattung der Lehrkräfte ist auf der Zielgeraden. Wir arbeiten hier eng und gut mit den Ländern zusammen. In den Ländern werden dann sicher rasch die entsprechenden Zustimmungsverfahren erfolgen, damit auch dieses Programm starten kann. Schauen Sie: Das ist inzwischen die dritte Zusatzvereinbarung zum DigitalPakt innerhalb kurzer Zeit. Wir entwickeln also durchaus eine gewisse Routine. Aber noch einmal: Die Digitalisierung der Schulen ist eine Aufgabe, die weit über die Pandemie herausreicht. Es geht nicht in erster Linie darum, den perfekten Distanzunterricht zu ermöglichen. Natürlich ist es gut, wenn Schülerinnen und Schüler im Notfall auch aus der Ferne zu Hause unterrichtet werden können. Aber das war und ist nicht die erste Idee digitaler Bildung in der Schule. Wie die Zukunft der Bildung aussieht, darüber möchte ich gern im nächsten Jahr mit allen vertieft diskutieren, denen die Bildungsentwicklung unserer Kinder und Jugendlichen am Herzen liegt.

Als der Digitalpakt um die ersten 500 Millionen Euro für Schüler-Endgeräte erweitert wurde, ging es aber schon vor allem darum, die pandemiebedingte Schulschließungen abzufedern. Inzwischen wollen die Regierungschefs von Bund und Ländern die Schulen trotz der zweiten Welle möglichst bundesweit offenhalten. Wie lange kann der Regelbetrieb weiterlaufen?

Das Ziel ist in der Tat, die Schulen möglichst offenzuhalten. Wir haben momentan im Großen und Ganzen einen Präsenzbetrieb unter Pandemiebedingungen – also mit Mund- und Nasenschutz, mit Stoßlüften und anderen Maßnahmen. Das ist natürlich mit einem normalen Schulbetrieb nicht zu vergleichen. Auch, weil immer wieder einzelne Schulen, Klassen oder ganze Schulen in Quarantäne müssen, wie aktuelle Umfragen zeigen. Eventuell müssen einige Maßnahmen auch noch nachgeschärft werden, sollten sich die Infektionszahlen weiter erhöhen. Die allgemeine Pandemielage hat natürlich Auswirkungen auch auf die Situation an den Schulen. Schulen existieren ja nicht in einer Glaskugel. Die Länder sind gut vorbereitet auf die unterschiedlichen Szenarien, sie haben ein Stufensystem entwickelt, so dass sie, wenn nötig, auch aus dem Präsenz- in den Wechselbetrieb schalten können.

Die Lehrerverbände kritisieren, die Kultusminister würden ihre eigenen Stufenpläne ad absurdum führen, indem sie sogar bei 7-Tages-Inzidenzen von 100 und mehr Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern am täglichen Präsenzunterricht festhalten.

Ich möchte hier mit einem Missverständnis aufräumen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt anders als vielfach behauptet nicht, automatisch ab einer Inzidenz von 50 in den Wechselbetrieb zu gehen. Die Situation ist regional – teilweise sogar von Schule zu Schule – sehr unterschiedlich. Wir müssen das Recht der Kinder auf Bildung immer in unsere Entscheidungen zu den unterschiedlichen Maßnahmen einfließen lassen. Die Gesellschaft braucht den Schulbetrieb auch, damit vieles andere funktioniert: Kinder gehen in die Schule. Eltern sind bei der Arbeit. Wir haben gesehen, welche einschneidenden Folgen geschlossene Schulen für die Familien, aber auch die Wirtschaft und das öffentlichen Leben hatten. Gegenwärtig sollte man immer erst einmal bei den bekannten Regeln – Abstand, Händewaschen, Mundnasenschutz und regelmäßiges Lüften - ansetzen und die Umsetzung dieser Regeln gegebenenfalls nachschärfen. Der Stufenplan sieht auch ein Wechselmodell vor und erst als absolut letzte aller Maßnahmen kommt eine Schulschließung in Frage. Und auch dieses Mittel sollte zunächst einmal regional genutzt werden, immer mit Blick das jeweilige regionale  Infektionsgeschehen.

Schließen Sie aus, dass es doch noch zu bundesweiten Schließungen kommt?

Wir beobachten die Lage weiter sorgfältig. Wenn der gegenwärtige Teil-Lockdown dazu führt, dass die Infektionszahlen sinken oder zumindest nicht noch immer weiter steigen, können wir weiterhin die Schulen offenhalten. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Quarantäne wächst. Aber Quarantäne ist ja auch ein Mittel, um die Infektionsketten zu durchbrechen. Eine Klasse, die in Quarantäne ist, kehrt ja auch wieder in die Schule zurück. Der Präsenzbetrieb unter Pandemiebedingungen funktioniert größtenteils. Ich bin in einem ständigen Austausch mit den Kultusministerinnen und Kultusministern, und wir alle erkennen die enorme Herausforderung, vor der Schulen, Lehrkräfte, Eltern und Kinder stehen. Alle versuchen nach bestem Wissen und Gewissen, mit der Situation richtig umzugehen. Davor habe ich große Hochachtung.

Sind offene Schulen und Kitas auch dann verantwortbar, wenn dadurch länger mehr Menschen – potenziell schwer – an Covid19 erkranken?

Alle Maßnahmen in dieser Pandemie werden in einem stetigen Abwägen zwischen Gesundheitsschutz und Gesundheitsvorsorge auf der einen und der Bewahrung von Freiheitsrechten sowie der Gewährleistung von Bildung auf der anderen Seite getroffen. Dabei gibt es aber eine Grenze: Wir müssen vermeiden, dass die Intensivstationen in Deutschland so stark belegt sind, dass nicht jeder schwer Erkrankte so versorgt werden kann, wie sie oder er es benötigt. Das ist die Grenze, die nicht überschritten werden darf.

Ist es nicht dafür schon zu spät? Selbst wenn die zweite Welle in den nächsten Tagen ihren Höhepunkt erreicht haben sollte – die Zahl der Intensivpatienten wird noch zwei, drei Wochen länger exponentiell steigen. 

Es kommt jetzt auf jeden Einzelnen von uns an. Das fängt damit an, dass ich meine Kontakte soweit wie möglich einschränke, eine Maske trage, wenn ich den Mindestabstand nicht einhalten kann und die AHA-Regeln beachte. Jeder muss jetzt für sich selbst und für seine Familie, Freunde und Kollegen Verantwortung übernehmen.

Die Hochschulen befinden sich im Gegensatz zu den Schulen erneut fast ausschließlich im Digitalbetrieb – trotzdem verweigern Sie ihnen einen eigenen Digitalpakt. 

Die Digitalisierung an den Hochschulen an schon weit vor der Pandemie an Fahrt aufgenommen. Wir bereiten gerade ein Unterstützungspaket vor. Insgesamt werden durch neue Maßnahmen bis zu einer halben Milliarde Euro an BMBF-Haushaltsmitteln in den nächsten vier Jahren in das Hochschulsystem fließen, um Universitäten und Fachhochschulen in der Breite bei der Transformation im digitalen Zeitalter zu unterstützen. Insofern dürfte die Diskussion bald obsolet sein.

Selbst Ihren eigenen Parteikollegen in den Ländern reicht das nicht. Weshalb alle Landeswissenschaftsminister Ende Mai einen Digitalpakt Hochschule gefordert haben. Doch stattdessen wollen Sie den Ländern gerade mal 100 Millionen für KI in der Hochschullehre gönnen.

Ich verstehe ja das Anliegen, mehr Mittel an Land zu ziehen. Zur Erinnerung: Im "Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken" steckt viel Geld für die Digitalisierung an den Hochschulen. Ab 2021 bis 2023 fließen zunächst einmal 1,88 Milliarden an Bundesmittel in Hochschulen, für die die Länder zuständig sind. Die Länder haben sich in dem Pakt verpflichtet, durch die Digitalisierung Qualitätsverbesserungen in Studium und Lehre zu erreichen.

Lassen Sie mich auch eine Rechnung aufmachen. Sie investieren 100 Millionen Euro für KI in der Hochschullehre und mindestens das Doppelte für die KI-Forschung, um die bestehenden fünf Kompetenzzentren in Dauereinrichtungen umzuwandeln – was gleich zu einem zweiten Ungleichgewicht führt, weil die meisten Bundesländer leer ausgehen. Der SPD-Bildungspolitiker Oliver Kaczmarek hat Ihnen deshalb einen Brandbrief geschrieben, und auch Ihr CDU-Fraktionskollege Tankred Schipanski mahnt, dass hier das Verhältnis von Spitzen- und Breitenförderung gefährdet sei.

Die Kompetenzzentren sind Leuchttürme der Spitzenforschung, die über einen Wettbewerb ausgewählt wurden und sich in den vergangenen Jahren hervorragend entwickelt haben. Sie strahlen auch auf die gesamte Hochschullandschaft aus und es gibt viele Kooperationen mit Universitäten und Fachhochschulen.

Verärgert waren Ministerkollegen in den Ländern auch über die nur zögerlich zustande gekommene Corona-Nothilfe für Studierende – die Sie dann auch ausgerechnet zu einem Zeitpunkt ausgesetzt haben, als die Pandemie wieder Fahrt aufnehmen zu drohte. Jetzt haben Sie die Rückkehr der Hilfen versprochen – fürs ganze Wintersemester?

Es war einzig der Bund, der den Studierenden in pandemiebedingter Notlage wirklich nachhaltig im letzten halben Jahr geholfen hat. Die Nothilfen haben wir ausgesetzt, weil im Sommer nur noch sehr wenige Anträge eingegangen waren, in denen eine pandemiebedingte Notlage nachgewiesen werden konnte. Durch den Teil-Lockdown werden nun vermutlich wieder Jobs für Studierende wegfallen. Darauf reagieren wir. Ich möchte, dass wir die Unterstützung über den November hinaus auf das Wintersemester ausgedehnt wiedereinsetzen – gemeinsam mit den Studierenden- und Studentenwerken. Ich denke, dass wir da bald eine positive Nachricht verkünden werden. Wer aber generell die Bedingungen für das BAföG erfüllt, sollte jetzt noch schnell einen BAföG-Antrag stellen.

Aber selbst für den November können noch keine Anträge gestellt werden, weil Ihr Ministerium sich noch nicht mit den Studentenwerken geeinigt hat, die wieder für die Bearbeitung der Anträge zuständig sein sollen. Schon im Frühjahr zogen sich die Verhandlungen über Monate. Wie lange müssen die Studierenden diesmal warten? 

Wir arbeiten mit dem Deutschen Studentenwerk und den Studierendenwerken daran, dass noch im November Anträge gestellt werden können. Es muss unter anderem noch an eine Lösung für Erstsemester gedacht werden, die möglicherweise nicht nachweisen können, dass sie einen Studentenjob verloren haben. Zudem prüfen wir Erleichterungen, damit die Anträge schneller geprüft werden können. Im Sommer musste ein ganz neues digitales Tool entwickelt werden. Das kostet immer etwas Zeit, wobei wir auch da in Rekordzeit eine ganz neue bundesweite Plattform aufgesetzt haben. Jetzt sind wir noch schneller und es wird sehr zeitnah losgehen.

Sie wollen nichts Grundlegendes ändern. Die Studentenwerke aber schon. Sie fordern einen dauerhaften Nothilfemechanismus im BAföG für alle Studierenden, die in unvorhergesehene Notlagen geraten – auch ohne Pandemie. Vielen von denen konnte bislang nämlich nicht geholfen werden. 

Das ist eine Frage, die momentan nicht zur Entscheidung steht. Wie gesagt: Die Überbrückungshilfe soll Studierenden helfen, die sich in akuter pandemiebedingter Notlage befinden, beispielsweise, weil sie Studierendenjobs verloren haben, keine neuen finden oder familiäre Unterstützungsmöglichkeiten weggebrochen sind. Zur Überbrückung dieser Notlage kann, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, auch Nothilfe zusätzlich zum BAföG gewährt werden. Aber die Überbrückungshilfe ist kein Dauer-Instrument, wie der Name bereits deutlich macht. Ich bin aber optimistisch, dass auch wieder neue Jobmöglichkeiten entstehen, etwa bei den Lieferdiensten.

Und was ist mit den auf andere Weise in Not geratene Studierenden?

Das BAföG ist so modern wie zu seiner Einführung vor 50 Jahren und wir haben es auch gerade in dieser Wahlperiode reformiert. Wichtig ist mir aber ein Punkt: Es wird mir zu viel gegenwärtig das BAföG schlechtgeredet. Das schreckt vielleicht den einen oder anderen Antragsberechtigten ab, auch wirklich einen Antrag zu stellen. Das BAföG ist eine Sozialleistung, die jungen Menschen unter anderem ein Studium ermöglichen soll, deren Eltern nicht über die entsprechenden Mittel zur Finanzierung verfügen. An diesem Kerngedanken werde ich auch in Zukunft festhalten. Natürlich muss man immer überlegen, ob ein Gesetz weiterentwickelt werden muss.

Dann machen Sie das doch.

In dieser Legislaturperiode wird es für Änderungen ganz sicher keine Mehrheit mehr geben. Wir setzen gerade eine dreistufige BAföG-Reform um.

Es geht hier aber nicht um die Erhöhung irgendwelcher Sätze, sondern um die Frage, ob das BAföG einer grundsätzlichen Weiterentwicklung bedarf – etwa hin zu einer Förderung unabhängig von den Elterneinkommen, wie zum Beispiel Grüne und FDP fordern. 

Solange Eltern in der Lage sind, die Ausbildung ihrer Kinder zu finanzieren, sollten sie es tun. Es wäre widersinnig, wenn wir Gutverdienern ermöglichen würden, hier einen großen Batzen zu sparen – während Menschen mit weniger Einkommen das über ihre Steuern finanzieren müssten. Wenn das BAföG elternunabhängig sein sollte, dann würde für mich daraus folgen, dass die Studierenden die Förderung selbst zurückzahlen müssten, sobald sie genug verdienen. Aber ich vermute, für eine solche Diskussion wird auch die SPD schwer zu begeistern sein. Eines ist mir noch wichtig: In wenigen Ländern ist eine gute Hochschulbildung mit so geringen Kosten für Studierende verbunden wie bei uns. Denken Sie an die immensen Studiengebühren in anderen Ländern.

Apropos Ausbildung: Wie sehr leidet der Lehrstellenmarkt unter der Krise? 

Die Zahlen zeigen, dass nach wie vor mehr Lehrstellen angeboten als nachgefragt werden. Doch wir haben es – ebenfalls wie in den Vorjahren – mit einem Problem zu tun: viele freie Stellen und zugleich Bewerber ohne Ausbildungsplatz. Und diese sogenannten Passungsprobleme wirken sich umso dramatischer aus, wenn der Ausbildungsmarkt insgesamt kleiner wird. Offenbar wirkt aber unser Förderprogramm für Unternehmen, die in der Krise ihre Ausbildungskapazitäten aufrechterhalten, aufstocken oder sogar neu auflegen. Wichtig ist, dass wir jetzt eine zweite Förderlinie gestartet haben für Auszubildende, deren Betrieb in die Insolvenz gegangen ist.

Die von Ihnen so gelobte Ausbildungsprämie wurde aber nach ersten Zahlen bislang nur zögerlich abgerufen. Was passiert da gerade?

Wir erleben einen Strukturwandel. Im digitalen Bereich entstehen neue Ausbildungsplätze, während traditionelle Branchen weniger Ausbildungsplätze anbieten. Ohne Pandemie hätte sich das über zehn Jahre gezogen, jetzt verläuft das wie im Zeitraffer. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen auch am Ausbildungsmarkt Schritt halten zu können, wird auch eine politische Herausforderung in den nächsten Jahren sein. Denn die klassischen Auszubildendenmessen fallen gerade aus. Online-Formate, um das aufzufangen, sind erst im Entstehen. Dennoch bin unter dem Strich aber eigentlich ganz optimistisch.

Wieso?

Weil wir gerade starke Nachholeffekte beobachten. Stellenangebote kommen sechs, acht Wochen später als sonst rein. Das wird sich auch auf die Zahlen zur Ausbildungsprämie auswirken. Die Unternehmen fangen an, über die Pandemie hinauszuschauen, und stellen fest, dass uns der Fachkräftemangel dann noch genauso beschäftigen wird wie vor Corona.

Die EU-Haushaltsverhandlungen gibt es nun einen Kompromiss. Das Forschungsrahmenprogramm "Horizon Europe“ und die Mittel für Erasmus+ werden noch voraussichtlich aufgestockt. Monatelang gab es Streit. Viele in der Wissenschaft hätten sich Ihre Unterstützung für mehr Mittel gewünscht. Warum haben Sie erst Anfang der Woche mehr Geld gefordert, als die Aufstockung im Grunde schon feststand? 

Ich freue mich über den Kompromiss. Wenn nun auch der Europäische Rat und Europaparlament zustimmen, hätten wir Planungssicherheit. Die Programme könnten dann 2021 starten, wie ich es immer wollte. Und es wurde auch eine erhebliche Mittelaufstockung für Bildung und Forschung vereinbart. Dieser Kompromiss ist ein Signal, dass Europa in der Zukunft auf Bildung und Forschung setzt. Bildung und Forschung sind ja auch meine Themen in der EU-Ratspräsidentschaft – und wir haben in den vergangenen Wochen den Haushalts-Verhandlungsprozess natürlich auch verfolgt.

Meinen Sie damit, dass Sie im Hintergrund gewirkt haben?

Viele haben da zusammengewirkt. Zunächst waren wir alle froh, dass sich die Staats- und Regierungschefs im Juli nach tagelangen Tauziehen auf eine Linie einigen konnten. Natürlich war der Mittelansatz für Bildung und Forschung für viele nicht zufriedenstellend. Das EU-Parlament hat von Anfang an seine Unzufriedenheit mit dem Plan der Regierungschefs zum Ausdruck gebracht. Die Parlamentarier hatten durchaus meine Unterstützung, dass in weiteren Verhandlungen ein Kompromiss gefunden wird – auch im Sinne von Bildung und Forschung.

Die Wissenschaftskommunikation ist eines der zentralen Themen Ihrer Amtszeit. Zurzeit läuft die Factory Wisskomm, mehrere Treffen, bei denen sie die Chefs von Forschungseinrichtungen und Wissenschaftsorganisationen auf einen gemeinsamen Kurs einschwören wollen. Auf welchen eigentlich?

Mein Ziel ist, dass Kommunikation mit der breiten Öffentlichkeit selbstverständlicher Teil wissenschaftlichen Arbeitens wird. Wie das geschieht, wollen und können wir der Wissenschaft nicht vorschreiben. Und deshalb haben wir diesen Diskussionsprozess in Gang gesetzt. Es geht um ein gemeinsames Verständnis von Wissenschaftskommunikation und ihrer Förderung.

Was heißt das konkret?

Am Ende des Prozesses wollen wir im April 2021 einen Aktionsplan mit Selbstverpflichtungen aller Beteiligten verabschieden. Dazu gehört: Wissenschaftskommunikation muss aus meiner Sicht Karrieren fördern und nicht behindern, wie in der Vergangenheit. Wissenschaftskommunikation wird auch zunehmend Bestandteil unserer Forschungsförderung. Wir wollen Anreize setzen. Kommunikation soll von Anfang an mitgedacht werden. Begrüßenswert wäre es auch, wenn die Wissenschaft entsprechende Strukturen aufbaut, in der Wissenschaftler Rat und Unterstützung finden.

Von wieviel Prozent Fördersumme pro Forschungsprojekt sprechen Sie?

Das kommt auf das jeweilige Projekt und das entsprechende Kommunikationskonzept an. Von Pauschalen halte ich nichts. Sie würden der Vielfalt unserer Forschung und den vielen kommunikationsmöglichkeiten nicht gerecht.

Nächstes Jahr ist Bundestagswahl – und dann? Wollen Sie Ministerin bleiben?

Das würde mir große Freude bereiten. Wo wir hinschauen, sehen wir tiefgreifende Veränderungen. Die Digitalisierung ändert das Lernen an den Schulen und Hochschulen und verstärkt die Notwendigkeit lebensbegleitenden Lernens. In der Gesundheitsforschung erleben wir immer neue Durchbrüche wie gerade jetzt in der Impfstoffforschung, in der mit mRNA- und Vektorimpfstoffen teilweise ganz neue Technologien gute Aussichten haben, uns allen einen Impfstoff zu bringen. Quantencomputer, KI, neue Antriebsformen und Energiespeicher verändern die Art, wie wir leben und arbeiten, und damit unsere Gesellschaft als Ganzes. Früher vergingen Jahrzehnte, bis Erkenntnisse aus der Wissenschaft in der Gesellschaft und Wirtschaft ankamen, heute sind es manchmal nur ein paar Monate. Die Geschwindigkeit des Fortschritts hat sich vervielfacht und er kommt damit schneller bei den Menschen an – ganz überwiegend zu deren Wohl. Das ist faszinierend. Ich würde gern Bildung, Forschung und Innovation weiter vorantreiben.