"Wir fordern neue Ideen heraus"

Staat und Wirtschaft geben heute so viel Geld für Forschung und Entwicklung aus wie nie zuvor. Im Gespräch mit Journalist Peter Hahne erklärt Bundesforschungsministerin Johanna Wanka die Hightech-Strategie der Bundesregierung.

Bundesministerin Johanna Wanka
Bundesministerin Johanna Wanka © BMBF / Daniel Hofer

Frau Wanka, vor zehn Jahren hat die Bundesregierung die Hightech-Strategie auf den Weg gebracht, mit der neue Ideen in der Hochtechnologie gefördert werden. Warum fördert der Staat überhaupt Innovationen?

Deutschland ist ein kleines Land. Wir machen nur rund ein Prozent der Weltbevölkerung aus. Aber Deutschland ist zugleich die viertstärkste Industrienation der Erde. Ohne Forschung, Entwicklung und Bildung wäre das absolut unmöglich. Wenn wir so weiterleben wollen wie bisher, wenn wir unseren Wohlstand sichern und ausbauen wollen, müssen wir viel in Forschung und Entwicklung investieren. Innovationen sind existenziell wichtig für die Zukunft unseres Landes. Albert Einstein hat es einmal so formuliert: Jede neue Idee kommt nicht von selbst, sie wird herausgefordert. Vielleicht kann man es ja mit Einstein so sagen: Die Bundesregierung fordert mit der Hightech-Strategie neue Ideen heraus.

Sind die  Steuergelder für die Hightech-Strategie gut angelegt?

Sie sind sehr gut angelegt. Wir geben heute so viel Geld für Forschung und Entwicklung aus wie nie zuvor. Mit Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Höhe von knapp drei Prozent der Wirtschaftsleistung ist Deutschland heute fast schon da, wo Europa bis 2020 erst noch hin will. Ganz wichtig dabei: Rund zwei Drittel der Gesamtausgaben von rund 84 Milliarden Euro leistet die Wirtschaft. Der Staat regt mit seinem Beitrag nicht nur Forschungsaktivitäten direkt an, sondern löst auch mehr Zukunftsinvestitionen von Unternehmen aus. Die Reaktionen aus dem Ausland zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die innovationsfreudigen Koreaner erkundigen sich nach unserer Hightech-Strategie, Frankreich plant eine Förderung nach deutschem Vorbild.

Was ist denn so besonders am deutschen Ansatz?

Wir denken nicht mehr so kleinteilig wie früher. Traditionell standen bei der Innovationsförderung immer einzelne Technologien wie etwa die Nanotechnologie im Vordergrund. Heute orientieren wir uns daran, was für die Menschen in Zukunft wichtig wird. Wir verfolgen damit einen viel breiteren Ansatz. Wir betrachten den gesamten Innovationsprozess - von der kreativen Idee bis zur Umsetzung in neue Produkte. Das bedeutet, dass wir die beteiligten Akteure zusammenbringen. Neue Ideen profitieren von einem lebendigen Austausch zwischen Forschern, Wirtschaft und Gesellschaft. Zugleich bündeln wir die Kräfte innerhalb der Bundesregierung. Heute fördert nicht mehr der Wirtschaftsminister eine Idee und die Forschungsministerin eine andere. Alle Ressorts arbeiten jetzt zusammen. Wir entwickeln gemeinsame Ziele und Schritte zur Umsetzung. Das klappt sehr gut.

Sie sind mit den Ergebnissen zufrieden?

Zufrieden ja, aber nicht selbstzufrieden. Wir haben mit der Hightech-Strategie in den letzten zehn Jahren eine Menge erreicht, aber es bleibt auch noch viel zu tun. Innovationsförderung ist ein sehr dynamischer Prozess. Manche Förderinstrumente funktionieren gut, andere weniger.

Ein Beispiel?

Begeistert bin ich vom Projekt Forschungscampus. Damit erproben wir neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Wissenschaft. Im Leichtbau Campus in Wolfsburg etwa werden großserientaugliche Fertigungstechnologien für hybride Leichtbaukomponenten im Fahrzeugbau entwickelt. Das fördern wir. Sehr früh. Denn eines ist klar: Ob Autos künftig mit Elektrizität, Wasserstoff oder womit auch immer angetrieben werden, eine ressourcenschonende Leichtbauweise brauchen wir ganz unabhängig vom Antrieb.

Haben auch die Bürger etwas von der Hightech-Strategie?

Und ob. Die Bürger profitieren ganz konkret. Zum Beispiel von der Krebsforschung. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ)  koordiniert heute das Deutsche Konsortium für translationale Krebsforschung ein landesweites Netzwerk von exzellenten Forschungseinrichtungen. Bisher arbeiteten alle unabhängig voneinander. Jetzt kooperieren sie und tauschen Forschungsergebnisse aus, ohne den Wettbewerb untereinander auszuheben. Das bringt die Krebsforschung spürbar voran. Solche Gesundheitsforschungszentren fördern wir für sechs Volkskrankheiten. Oder unser Projekt Zukunftsstadt: Hier diskutieren Bürger in 51 Städten mit Politik und Wissenschaft, wie sie sich ihre Stadt der Zukunft vorstellen. Ab 2018 werden die besten Ideen in der Praxis getestet.

Bürger wollen heute stärker einbezogen werden. Leistet das denn die Hightech-Strategie?

Unbedingt. Forschung und Innovationsfreude gedeihen ja nicht allein in der Wissenschaft. Jeder kann Forscher sein. Wir fördern deshalb so genannte Citizen Science-Projekte. Durch die Digitalisierung können sich Bürger heute ganz anders einbringen. Über eine Online-Plattform sammeln Menschen zum Beispiel Bewegungsmuster von Fledermäusen. Sie stellen die Daten dann der Wissenschaft zur Verfügung - und leisten so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität.

Mit Fledermäusen kann man aber nicht die Weltmärkte erobern...

Natürlich nicht. Ein zentraler Schwerpunkt ist deshalb ja auch die Wirtschaftsförderung. Der Begriff ´Industrie 4.0´ als Synonym für die vierte industrielle Revolution ist im Rahmen der Hightech-Strategie entstanden. Inzwischen benutzen selbst Chinesen und Amerikaner das deutsche Schlagwort für die digital vernetzte Produktion. Damit haben wir weltweit einen Zukunftstrend gesetzt. Jetzt müssen wir die Industrie 4.0 in die Fläche bringen, der Mittelstand hat hier noch Nachholbedarf.

Wie fördern Sie den Mittelstand?

Unsere Initiative ´Industrie 4.0 - Forschung auf den betrieblichen Hallenboden´ soll kleineren und mittleren Unternehmen in anwendungsbezogenen Forschungsprojekten zeigen, wie Industrie 4.0-Lösungen in der Praxis funktionieren. Denn oft gibt es noch Vorbehalte, Maschinenparks und Produkte mit Sensoren zu vernetzen. Daran führt jedoch in Zukunft kein Weg vorbei. Unternehmen produzieren zwar auch künftig, sagen wir: Kurbelwellen. Aber diese Kurbelwellen müssen digital veredelt werden, also mit Mikroelektronik und Sensoren ausgestattet sein, die zum Beispiel Störungen in Echtzeit melden können.

Die Mikroelektronik ist eine Schlüsseltechnologie für die Digitalisierung. Die großen Chiphersteller sitzen inzwischen aber in Asien. Hat Deutschland dieses Rennen schon verloren?

Nein. In drei von vier Smartphones finden Sie Sensorik, die etwas mit Deutschland zu tun hat. Deutschland ist der Weltmeister der Sensorik. Das nimmt nur kaum einer richtig wahr. Der größte Chip-Standort Europas ist Dresden. Wir müssen mehr daraus machen. Deswegen fördern wir die Mikroelektronik künftig massiv im Rahmen der Hightech-Strategie. Wir müssen jetzt die richtigen Voraussetzungen schaffen, damit wir weiterhin zu den führenden  Wissensstandorten  gehören.

Das Interview führte Peter Hahne. Es erschien in "Zukunftsorte. Wo aus Forschung Fortschritt wird", einer Zeitungsbeilage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.