"Wir haben drei Bausteine beschlossen"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka verspricht den Hochschulen weitreichende Unterstützung in der Flüchtlingsfrage. Ein Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 17.09.2015.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

DIE ZEIT: Frau Wanka, was bedeutet die Ankunft von vermutlich über 800 000 Flüchtlingen innerhalb eines Jahres für die deutschen Hochschulen?

Johanna Wanka: Die Hochschulen haben durch die vielen ausländischen Studenten  jahrelang wertvolle Erfahrungen gesammelt, das wird ihnen in der neuen Situation mit den Flüchtlingen helfen. Wir wollen, dass die Hochschulen zur Integration beitragen. Daher sollen Menschen, die Interesse an einem Studium haben und die entsprechenden Qualifikationen mitbringen, einen guten Zugang zu den Hochschulen bekommen. Das will der Bund unterstützen.

ZEIT: Wie soll diese Unterstützung aussehen?

Wanka: Wir haben drei Bausteine beschlossen. Erstens müssen die Sprachkenntnisse und die Studierfähigkeit früh festgestellt und gefördert werden. Der Test für ausländische Studierende, der momentan für Studieninteressierte aus dem Ausland eingesetzt wird, muss in Sprachen übersetzt werden, die die Flüchtlinge sprechen: Arabisch, Dari und andere. Dafür wird der Bund die Kosten tragen. Flüchtlinge sollen den Test flexibel an zentralen Hochschulstandorten ablegen können. Wir werden zudem die Gebühren, die für den Test anfallen, zu einem großen Teil übernehmen.

ZEIT: Bei vielen Flüchtlingen wird der Sprachtest ergeben: Das Deutsch reicht für ein Studium nicht aus. Was passiert dann?

Wanka: Um Sprachkenntnisse zu fördern, wollen wir verstärkt digitale Medien einsetzen. Zum Beispiel eine App, die Flüchtlinge schon in der Erstaufnahmeeinrichtung nutzen können. Sie soll Informationen und Orientierung liefern und Sprachlektionen enthalten.

ZEIT: Wann wird es die App geben?

Wanka: So schnell wie möglich. Zudem wollen wir  Hochschulen unterstützen, schon vorhandene digitale Lehr- und Lernplattformen für Flüchtlinge auszubauen. Wir eruieren noch, welche Hochschulen hierfür besonders in Frage kommen.

ZEIT: Nur weil man eine Hochschulzugangsberechtigung hat und die Sprache spricht, ist man noch nicht studierfähig.

Wanka: Doch, aber natürlich ist die akademische Kultur in Deutschland eine andere als beispielsweise im arabischen Raum. Eine wichtige Brücke bilden Studienkollegs. Dort lernen ausländische Studienanwärter Fachsprachen, fachspezifische Grundkenntnisse und auch Sozialkompetenzen. Es hat sich gezeigt, dass Absolventen von Studienkollegs besser und schneller studieren als Ausländer ohne diese Erfahrung. Deshalb planen wir, an den 30 Studienkollegs in Deutschland 2400 zusätzliche Plätze für Flüchtlinge zu finanzieren und weitere Kurse einzurichten. Die Kosten dafür wird der Bund übernehmen.

ZEIT: 2400 Plätze – das klingt angesichts der hohen Gesamtzahlen der Flüchtlinge nach nicht viel.

Wanka: Es ist schwer zu sagen, wie viele der Flüchtlinge tatsächlich studieren werden. 2400 zusätzliche Plätze sind kein schlechter Anfang, neben den anderen Maßnahmen.

ZEIT: Was sind die anderen Bausteine neben den Tests, der Sprachförderung und den Studienkollegs?

Wanka: Nachdem die Sprach- und Studierfähigkeit festgestellt wurde, wollen wir die Zulassung zum Studium unkompliziert ermöglichen. Es gibt eine Beratungsstelle, UniAssist, die internationale Studieninteressierte über Angebote informiert und bei Bewerbungsfragen unterstützt. Die Beratung kostet Gebühren. Der Bund wird diese Gebühr in Zukunft für alle anerkannten Flüchtlinge übernehmen.

ZEIT: Können überhaupt alle Flüchtlinge – allein sprachlich –vernünftig beraten werden?

Wanka: Das ist schwierig. Wir schaffen bei Uni Assist daher weitere Kapazitäten, um möglichst allen gerecht zu werden.

ZEIT: Viele Flüchtlinge sind traumatisiert und bräuchten – nicht nur vor Studienbeginn – psychologische Betreuung. Können die Hochschulen das leisten?

Wanka: Für jeden Studenten – nicht nur für Flüchtlinge – stehen die psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke offen. Allein wegen der Sprachbarriere könnten diese aber Flüchtlinge mit Traumata aus Kriegsgebieten nur bedingt helfen. Die Betreuung dieser Menschen sollte von Experten erfolgen und möglichst frühzeitig beginnen.

ZEIT: Der dritte Baustein ist vermutlich das Bafög.

Wanka: Richtig. Es geht uns darum, das Studium auch finanziell zu ermöglichen, wenn alle Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Nach der Bafög-Reform können nicht nur Asylberechtigte ohne jede Wartezeit Bafög bekommen, sondern auch Geduldete haben schon nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland Anrecht auf Bafög. Das tritt zum 1. Januar 2016 in Kraft.

ZEIT: All Ihre Maßnahmen kosten Geld. Wie viel investiert der Bund insgesamt in das Paket?

Wanka: Die Zahl der Flüchtlinge ändert sich jeden Tag. Genauere Zahlen, wie viel Geld nötig sein wird, könnten übermorgen schon wieder obsolet sein. Wichtig ist, dass wir glauben, das stemmen zu können.

ZEIT: Nicht jeder junge Flüchtling kann studieren, aber alle geflüchteten Kinder und Jugendlichen sollten zur Schule gehen. Überlegt der Bund auch hier – trotz Kooperationsverbots – unterstützend tätig zu werden?

Wanka: Es ist nicht der Zeitpunkt, um über Kompetenzverschiebungen, um über Grundgesetzänderungen zu diskutieren. Denn wir sind in einer Situation, sofort handeln zu müssen. Jeder sollte sich jetzt erstmal darum kümmern, was er gut kann und wo er verantwortlich ist. Und bei uns ist das unter anderem die Unterstützung der Hochschulen.