"Wir haben heute die Chance, so alt zu werden wie noch nie zuvor"

Tilman Grune, wissenschaftlicher Vorstand  des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam, über gesunde Ernährung im Alter und darüber, wie man Lebensmittel verbessern kann.

Besonders reich an lebenswichtigen Nährstoffen: Brote, die mit Pak Choi oder Lupine angereichert werden, haben einen besonders hohen Gehalt an sekundären Pflanzeninhaltsstoffen wie Carotinoiden, Flavonoiden und Glucosinolaten. Ihnen werden gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. © IGZ/ILU
Tilman Grune, wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Institus für Ernährungsforschung. © Antje Lenz von Kolkow / Faceland Berlin

Herr Grune, über gesunde Ernährung wird viel gesprochen und geschrieben. Was ist aus Ihrer Sicht wirklich gesund?

Tilman Grune: Grundsätzlich gilt: Gesunde Ernährung ist abwechslungsreich und vielfältig. Sobald man bestimmte Nahrungsmittel bewusst weglässt oder ihren Konsum einschränkt, besteht das Risiko einer Mangelernährung. Das kann eintreten, muss aber nicht. Wenn wir auf eine ausgewogene Ernährung achten, dann haben wir heute die Chance, so alt zu werden wie noch nie zuvor.

Kann Ernährung dazu beitragen, das Risiko bestimmter Krankheiten wie Diabetes zu senken?

Ja, das stimmt tatsächlich und ist kein Ernährungsmythos. Die Forschung im Kompetenzcluster „NutriAct“ beschäftigt sich genau mit der Frage, welche Ernährungsmuster das Risiko erhöhen, an Krankheiten wie Krebs oder Diabetes zu erkranken. Ein Wissenschaftlerteam an unserem Insitut hat herausgefunden, dass es Zuckerarten gibt, die ein geringes Diabetesrisiko bergen – Isomaltulose zum Beispiel. Dies ist ein Zucker, der auch natürlicherweise in geringen Mengen im Honig vorkommt. Er wird jedoch anders verstoffwechselt als Saccharose. Er macht länger satt und der Insulinspiegel steigt nicht so stark an wie bei der Saccharose.

Reden wir über gesunde Ernährung im Alter: Kann man mit 70 noch dasselbe essen wie mit 30?

Wenn man gesund ist, dann ist das natürlich kein Problem. Aber wir wissen, dass sich der Körper mit zunehmendem Alter verändert. Er verliert an Kraft, Knochenmasse und Muskelmasse. Daher muss sich auch die Nährstoffkombination im Alter verändern. Viele Studien konnten bisher belegen, dass ältere Menschen sehr viel öfter an einem Proteinmangel leiden als gedacht. Warum es dazu kommt, ist bislang unklar. Es könnte sein, dass weniger Fleisch gegessen wird, weil älteren Menschen die Zubereitung zu aufwendig ist. Es könnte aber auch sein, dass ein älterer Körper Eiweiße schlechter aufnimmt oder verwertet. Die genauen Gründe für eine Unterversorgung mit Proteinen müssen wir noch erforschen. Ähnlich verhält es sich auch mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren und Spurenelementen. Ältere Menschen haben ein wesentlich höheres Risiko einer Unterversorgung mit diesen Stoffen.

Müsli, das mit Proteinflakes auf Erbsenbasis angereichert wurde. © NutriAct/Ode

Kann Forschung dazu beitragen, gesünder alt zu werden?

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Deutschen Institut für Ernährungsforschung arbeiten im Kompetenzcluster "NutriAct" unter anderem daran, eine wissenschaftliche Basis zu erstellen, nach der andere Partner des Verbundprojektes Lebensmittel so komponieren, dass ihre Nährstoffzusammensetzung zu den Bedürfnissen älterer Menschen passt. Oftmals werden diese Lebensmittel als Functional Food bezeichnet. Das bedeutet aber nicht, dass im Labor völlig neuartige Lebensmittel kreiert werden. Wir reichern herkömmliche Lebensmittel wie Brot, Joghurt oder Müsliriegel mit Proteinen, Fettsäuren und Spurenelementen bevorzugt aus pflanzlichen Quellen an, um einer Unterversorgung mit diesen Nährstoffen im Alter vorzubeugen. Anschließend testen wir in einer Ernährungsstudie an etwa 500 Erwachsenen, wie diese Kombinationen dem menschlichen Körper zugutekommen.

Wo können Verbraucher diese Lebensmittel dann kaufen?

Wir arbeiten eng mit kleinen und mittleren Unternehmen in Brandenburg zusammen. Auf Grundlage unserer Forschungsergebnisse erzeugen sie dann Lebensmittel mit einem komplexen Nährstoffprofil. Bei unserer Forschung achten wir besonders darauf, dass die Nährstoffe pflanzlichen Ursprungs sind und aus der Region kommen. Statt auf Soja und Olivenöl zu setzen, nutzen wir beispielsweise heimische Erbsen und Rapsöl.

Warum ist die Förderung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung durch das Bundesforschungsministerium so wichtig?

Die Förderung unterstützt uns bei der Vernetzung mit der Wirtschaft. Auf diese Weise können Forschungsergebnisse viel schneller und effektiver von heimischen Unternehmen in die Praxis umgesetzt werden und damit dem Menschen zugutekommen. Unsere Forschung entspricht damit dem Leitsatz des universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz: theoria cum praxi – Wissenschaft zum Wohl und Nutzen des Menschen zu betreiben.

Am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke entwickeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Kompetenzcluster "NutriAct" gemeinsam mit Universitäten, weiteren Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen in der Region Berlin-Potsdam gesundheitsfördernde Lebensmittel, die auf die speziellen Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt sind. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Deutsche Institut für Ernährungsforschung im Rahmen der institutionellen Förderung. Bundesministerin Johanna Wanka besucht die Einrichtung während ihrer Sommerreise 2016 zur Zukunft des Lebens im Alter.