"Wir in Europa müssen Innovationstreiber sein"

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek will Deutschland zum führenden Standort für Künstliche Intelligenz machen – und die Forschung weiter ausbauen. „Klar ist: Das kostet Geld. Investieren statt konsumieren ist das Gebot der Stunde“, sagte sie.

Anja Karliczek während ihrer Rede.
Anja Karliczek während ihrer Rede. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich des AI-Summits des Bitkom e. V. am 10. April 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Berg,

„Leben ist mehr als eine Datenwolke.“ Das hat Ranga Yogeshwar kürzlich in einem Interview gesagt. Klingt banal. Aber wenn Ranga Yogeshwar Dinge in einfachen Worten ausdrückt, steckt meist mehr dahinter. Was wollte er also damit sagen? Er wollte sagen, dass Machine Learning so manche Schwäche hat.
Dass es etwa in Situationen versagt, die nicht in den Trainingsdaten vorkommen.

Zum Beispiel bei der automatischen Bilderkennung:

  • Schienenfahrzeuge werden nur erkannt, wenn auch die Schienen deutlich zu sehen sind.
  • Schiffe nur, wenn sie von Wasser umgeben sind.
  • Und viele Systeme liegen daneben, wenn sie zwischen Männern und Frauen unterscheiden sollen, vor allem bei dunkelhäutigen Personen.

Was will ich damit sagen? Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen können uns Menschen helfen. Aber wie jede Technologie nehmen sie uns nicht aus der Verantwortung. Wir sind es, die ihre Entwicklung, ihren Einsatz und ihre Auswirkungen in der Hand haben. Wir müssen verstehen, dass KI auch missbraucht werden kann. Sie verfügt nicht über Moral, sie kann Gut von Böse nicht unterscheiden. Wir Politiker sagen das kurz so: KI muss dem Menschen dienen! Ich denke, wir sollten uns das immer wieder klar machen, wenn wir über die riesigen ökonomischen Potenziale der neuen Technologie sprechen.

Sie alle hier im Saal sind digitale Experten, IT-Spezialisten, Startup-Entrepreneure und können das noch besser erklären. Wir Politiker können die Rahmenbedingungen schaffen und Impulse geben. Damit diese Impulse zielgerichtet sind, ist es wichtig, sich auszutauschen.
Deswegen freue ich mich, heute bei Ihnen zu sein. Unserem Gastgeber, der Bitkom, ein großes Dankeschön dafür, dass sie diesen Austausch ermöglicht.

Meine Damen und Herren,

KI hält unendliche viele Chancen bereit. Es liegt an uns, diese Potenziale aufzugreifen. Für unsere Wirtschaft ist KI längst keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch des Wie. Wir erleben eine Revolution. Auf der Hannover Messe vorige Woche konnte man das deutlich sehen: Immer mehr Unternehmen kombinieren ihr Wissen über ihre Produkte und Fertigungsverfahren mit KI. Längst gehört Künstliche Intelligenz zu jeder Digitalstrategie.

Faszinierend finde ich so anschauliche Beispiele wie etwa die intelligente Aufzugswartung. Dabei werden Daten über Türbewegungen, Fahrten, Innenrufe und so weiter erfasst, an eine Cloud übermittelt, wo Algorithmen sie auswerten und die Lebensdauer der einzelnen Komponenten berechnen. Das System erkennt Strukturen, trifft Entscheidungen, die Daten kommen von Aufzügen weltweit.

Und was einem Unternehmen bei der Wartung nützlich ist, das hilft einem anderen erst recht bei der Fertigung, beim Optimieren von Geschäftsprozessen und Lieferketten, bei der Logistik. Nach Einschätzung der Unternehmensberatung McKinsey hat KI das Potenzial, die globale Wirtschaftsleistung bis 2030 um zusätzlich ein Prozent pro Jahr zu steigern. KI hätte damit einen größeren Wachstumseffekt als seinerzeit die Dampfmaschinen. Nach einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Gartner nutzen KI weltweit inzwischen 37 Prozent der großen Unternehmen, viermal so viele wie 2015.

Aber wie ist das in Deutschland? Nach einer Studie unseres Gastgebers, dem Bitkom, ist zwar jedes zweite Unternehmen hierzulande überzeugt, dass KI eine große Bedeutung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen haben wird – aber gerade einmal jedes neunte Unternehmen nutzt die Technologie auch oder diskutiert zumindest ihren Einsatz. Dabei ist KI entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland und für unseren künftigen Wohlstand.

Es geht uns nicht einfach darum, mit den anderen mitzuhalten. Wir wollen die Entwicklung selbst entscheidend voranbringen und gestalten: Nur wer KI-Innovationstreiber ist, wird in Zukunft seinen Wohlstand, seinen politischen Einfluss und seine eigenen Werte bewahren können. Nur wer ein wichtiger, ein wirtschaftlich starker Akteur ist, hat die Möglichkeit, seine ethischen Maßstäbe durchzusetzen. Wir hier in Deutschland, wir hier in Europa müssen ein solcher Innovationstreiber sein.

Wir brauchen eine „KI made in Europe“. Wir sind nicht in China: Totale Kontrolle durch den Staat werden wir niemals akzeptieren. Wir sind auch nicht in den USA. Wir gehen einen anderen, einen eigenen Weg. Denn die Grundlagen unseres Zusammenlebens sind Menschenwürde, Persönlichkeitsrechte und individuelle Freiheit. Sie gilt es zu verteidigen. Wir müssen zeigen, dass wir nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Prinzipien erfolgreich sind. Datenschutz ist unser Markenzeichen! Europa hat mit der wichtigen Datenschutz-Grundverordnung den Weg vorgegeben.

Ich bin überzeugt: Produkte und Dienste vor dem Zugriff Dritter zu schützen, wird auf lange Sicht kein Nachtteil, sondern ein Wettbewerbsvorteil sein! So entsteht digitaler Wohlstand. Nachhaltiger digitaler Wohlstand! Verbunden mit einer Industrie, die Spitze ist in der Welt. Und einem Sozialstaat, der niemanden zurücklässt und die Menschen in die neue Zeit  begleitet, etwa mit digitaler Bildung. Und genau das ist der Gedanke, der unserer KI-Strategie zugrunde liegt. Sie fußt auf vier Säulen. Eine habe ich Ihnen schon genannt: es sind die ethischen Prinzipien, die wir auch im digitalen Wandel hochhalten wollen.

Eine andere Säule ist der Transfer in industrielle Anwendungen. Uns muss es gelingen, die zahlreichen Ideen zur KI noch besser als bisher zu vermarkten. Deshalb wollen wir unsere Wirtschaft – und insbesondere die mittelständischen Unternehmen  – dabei unterstützen, KI für sich nutzbar zu machen. Hier setzen wir auf eine enge Zusammenarbeit von Forschung, Entwicklung und Praxis.

So wollen wir gemeinsam mit der Wirtschaft und in enger Abstimmung mit meinem Kollegen Altmaier Anwendungshubs aufbauen. Diese Cluster sollen sich auf die großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen konzentrieren:

  • Medizin,
  • Mobilität,
  • Industrie 4.0.

Vor allem aber sollen sie eng an die bestehenden Forschungszentren angeschlossen werden, um die Brücke von der Idee bis zur Innovation auf dem Markt zu schlagen.

Deutschland hat bei der Erforschung der KI einen hervorragenden Ruf – und das zu Recht. Die Forschung ist darum eine weitere, große Säule, auf der unsere KI-Strategie aufbaut. Wir fördern die KI-Forschung seit vielen Jahren. Lange bevor KI in aller Munde war, haben wir damit angefangen. Wir haben exzellentes Know-How im Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz  – und in unseren Zentren in Berlin, München, Dortmund, Dresden und Tübingen.

Sie werden wir weiter ausbauen und vernetzen. Wir wollen eine Exzellenz, die wettbewerbsfähig und eng mit Wirtschaft und Industrie verzahnt ist. Dabei setzen wir auf die Expertise weltweit führender Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher. Einen elfköpfigen Beirat unter Vorsitz von Professor Matthias Kleiner, dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft, habe ich Ende März berufen. Nicht zuletzt werden wir unsere Kompetenzzentren mit europäischen Partnern verbinden, insbesondere mit dem französischen KI-Netzwerk.

Die Entwicklung der KI können wir nur vernetzt denken:

  • national,
  • europäisch,
  • international.

Bei der KI zeigt sich besonders: Nur gemeinsam sind wir stark. Noch vor Ostern werde ich nach Japan reisen – auch dort wollen wir enge Partnerschaften zur KI aufbauen. So haben wir mit Japan verabredet, noch enger als bisher gemeinsam zum autonomen Fahren zu forschen.

Das alles aber ist nichts ohne die Menschen dahinter, die Fachleute, die KI-Entwicklerinnen und Entwickler, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Denn der Wettbewerb, vor dem wir stehen, ist in erster Linie ein Wettbewerb um Talente. Auch in sie investieren wir! Das ist eine weitere Säule unserer Strategie für Künstliche Intelligenz. Wir schaffen Rahmenbedingungen, um für die  Besten der Welt attraktiv zu sein. Wir fördern neue KI-Professuren an den Hochschulen.

Dabei wissen wir natürlich, dass es dafür Vorlauf braucht. Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Expertise langfristig am Standort Deutschland zu sichern. Wir haben dafür drei Ansätze:

  • Um internationale Spitzenwissenschaftler für uns zu gewinnen, entwickeln wir ein Programm mit der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Es soll so schnell wie möglich starten.
  • Zudem wollen wir zweitens die Lehre an unseren Kompetenzzentren ausbauen.
  • Und drittens wollen wir den Nachwuchs verstärkt fördern. Denn auch die nächste Generation von KI-Spezialisten soll in Deutschland zu Hause sein.

So wollen wir Deutschland zum führenden Standort für Künstliche Intelligenz machen.

Meine Damen und Herren,

Investitionen in KI sind Investitionen in die Zukunft. Klar ist: Das kostet Geld. Investieren statt konsumieren ist das Gebot der Stunde. Gerade in Zeiten knapper Kassen ist es entscheidend, in die Zukunft unserer Kinder, unseres Landes und des Standortes zu investieren. In der KI-Strategie hat die Bundesregierung beschlossen bis 2025 insgesamt 3 Milliarden Euro in die Künstliche Intelligenz zu investieren. Ich gehe davon aus, dass sich deshalb auch der Finanzminister an diese Zusage gebunden fühlt. Dann wird die Priorität für Bildung und Forschung deutlich sichtbar.

Meine Damen und Herren,

gerade weil Künstliche Intelligenz unseren gesamten Alltag so grundlegend verändern wird, ist es wichtig, dass wir uns grundsätzlich damit beschäftigen. Dass wir ein gesellschaftliches Klima schaffen, das offen ist für die Potenziale – ohne die Risiken auszublenden. Dazu müssen wir alle einen Beitrag leisten – von der Wissenschaft, über die Politik, die Wirtschaft bis zu jedem Einzelnen. Wichtig ist, dass alle ihre Perspektiven einbringen. Im Dialog und mit Diskussion. Darum haben wir gerade das Wissenschaftsjahr 2019 zum Thema KI gestartet. Es ist ein Erklärjahr, in dem wir darüber sprechen wollen, was KI kann. Und was sie soll.

Ja, KI fordert uns heraus. Wir müssen wieder stärker über unser Zusammenleben und unsere Wertmaßstäbe reden. Wieder stärker darüber, wie wir international wettbewerbsfähig bleiben. Das ist ein Verständigungsprozess, der auch deshalb wichtig ist, weil er unsere Gesellschaft nicht nur voranbringen, sondern auch wieder zusammenführen kann. Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden, heißt es in Wilhelm Tell, 1. Akt, 3. Szene.

Die Basis dafür ist unser Grundgesetz, das in diesem Jahr 70 Jahre alt wird. Es ist die Ordnung, auf der wir in Freiheit und Wohlstand leben, länger als viele Generationen vor uns. Und es ist die Ordnung, auf der wir auch den digitalen Wandel gestalten wollen. Das Grundgesetz nennt gleich am Anfang die Werte, die uns auch bei der Künstlichen Intelligenz leiten: die Menschenwürde, die Persönlichkeitsrechte. Wie sagte Ranga Yogeshwar? „Das Leben ist mehr als eine Datenwolke.“

Recht hat er.