„Wir kennen die Schwierigkeiten, vor denen das Handwerk steht“

Digitalisierung, Fachkräftemangel, unbesetzte Ausbildungsplätze: Das Handwerk steht vor vielen Herausforderungen. "Deshalb modernisieren wir das Berufsbildungsgesetz", sagt Staatssekretär Thomas Rachel beim ZDH-Unternehmerforum.

"Wir modernisieren den rechtlichen Rahmen der dualen Berufsbildung und steigern ihre Attraktivität. Wir stärken die Betriebe dabei, Auszubildende für das Berufsleben fit zu machen. Wir unterstützen dabei, auf die neuen Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, gut vorbereitet zu sein", sagt Thomas Rachel. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Rachel (MdB) anlässlich des Unternehmerforums des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks e. V am 27.06.2019 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.
 

Sehr geehrter Herr Wollseifer, sehr geehrter Herr Schwannecke, sehr geehrte Vertreter des Deutschen Bundestages, sehr geehrte Damen und Herren!

„Der schönste Moment ist der, wenn der Kunde nach der ersten Probefahrt wiederkommt und von Ohr zu Ohr grinst.“ Das antwortete ein junger Zweiradmechanikermeister in einem Interview auf die Frage nach den erfreulichen Seiten seines Handwerksberufes. Der junge Meister hatte in der Vergangenheit Maschinenbau studiert, das Studium dann abgebrochen. Es war ihm zu theoretisch. Er wollte nicht nur konstruieren, sondern selber bauen. Heute kann er das. Er hat ein greifbares Ergebnis, wenn er abends nach Hause geht.

Handwerk heißt heute nicht mehr, alles mit der Hand alleine zu machen. Da helfen der technische Fortschritt und die Digitalisierung an einigen Stellen. Aber es heißt immer noch, am Ende des Tages etwas in der Hand zu halten. Mit deutlich sicht- oder spürbarem Nutzen für andere Menschen. Sei es die Bäckerin oder der Metzger, die Lebensmittel für den täglichen Beruf herstellen. Sei es der Dachdecker, der an der Errichtung eines Gebäudes mitarbeitet.

Das bedeutet auch, schnell und immer wieder neu Erfolg zu haben. Außerdem Anerkennung und Wertschätzung für die eigene Arbeit zu erhalten – und das in einem Beruf, der auf die individuellen Fähigkeiten zugeschnitten sein kann. Die Vielfalt der Handwerksberufe ist bekanntlich groß.


Das sind Faktoren, die im Berufsleben glücklich machen können. Und die zudem Perspektiven eröffnen. Denn Aufstieg und Weiterentwicklung sind mit einer Handwerksausbildung als Grundlage jederzeit möglich.

Das alles sind Bedingungen, die sich viele für ihr Berufsleben wünschen. Und trotzdem: wir kennen alle die Schwierigkeiten, vor denen das Handwerk steht: Fachkräftemangel. Mehr freie Plätze als Bewerber. Immer mehr Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Es gibt also immer noch eine Lücke zwischen dem, was das Handwerk zu bieten hat und dem, was davon genutzt wird. Diese Lücke müssen wir schließen. Dringend. Denn wir sind auf das Handwerk angewiesen. Um unsere Wirtschaftskraft zu halten, brauchen wir das Handwerk.

Eine starke Berufsbildung ist der Schlüssel, damit wir auch in Zukunft darauf bauen können. Und wir müssen uns heute noch viel stärker als in der Vergangenheit dafür einsetzen. Denn es warten weitere Herausforderungen, für die wir Lösungen brauchen. Ich nenne hier nur das Stichwort Digitalisierung. Sie verändert Arbeit und Berufsbilder und auch darauf müssen wir eingehen.

Wie also könnten Lösungen aussehen?

Die Bundesregierung arbeitet stark an solchen Lösungen. Wir haben auch schon viel auf den Weg gebracht. Dabei setzen wir an zentralen Hebelstellen an.

Drei dieser Hebelstellen möchte ich nennen:

Wir modernisieren den rechtlichen Rahmen der dualen Berufsbildung und steigern ihre Attraktivität.
Wir stärken die Betriebe dabei, Auszubildende für das Berufsleben fit zu machen.
Wir unterstützen dabei, auf die neuen Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, gut vorbereitet zu sein.

Zum ersten Punkt:

Der Bundesregierung ist es ein wichtiges Anliegen, Auszubildenden gute Rahmenbedingungen zu bieten. Dadurch möchten wir noch mehr junge Menschen motivieren, sich für eine Ausbildung zu entscheiden. Deshalb modernisieren wir das Berufsbildungsgesetz.

Auszubildende packen in den Betrieben engagiert mit an. Dafür verdienen sie unsere Anerkennung. Das muss sich auch an der Vergütung zeigen. Wir führen eine Mindestausbildungsvergütung ein. Um die Betriebe nicht mit einem Mal zu stark zu belasten, soll die Mindestvergütung stufenweise eingeführt werden:

Die Mindestvergütung startet mit 515 Euro für Auszubildende, die 2020 mit der Ausbildung beginnen. Sie alle wissen: Die meisten Betriebe zahlen schon heute mehr. Für das zweite, dritte und vierte Ausbildungsjahr kommt jeweils ein Aufschlag hinzu. Das ist fair, weil die Auszubildenden mit jedem Jahr mehr für ihren Betrieb leisten. Die Mindestvergütung für das erste Ausbildungsjahr steigt dann bis 2023 stufenweise auf 620 Euro an. Ab 2024 wird die Mindestvergütung jährlich an die durchschnittliche Entwicklung aller Ausbildungsvergütungen angepasst.

Damit die Tarifpartner auch in Zukunft für bestimmte Regionen oder Branchen passgerechte Lösungen finden können, haben geltende tarifvertragliche Vergütungsregelungen stets Vorrang vor der Mindestausbildungsvergütung. Das heißt: Wenn ein Betrieb tarifgebunden ist, zahlt er die Ausbildungsvergütung, die tarifvertraglich vereinbart ist. Der Tarifvorrang kann für die Sozialpartner ein Anreiz sein, zu Tarifverträgen zu kommen, und für den einzelnen Betrieb ein Anreiz, einem geltenden Tarifvertrag beizutreten.

Zudem möchten wir Auszubildenden mehr Flexibilität bieten. Ausbildung und Lebenssituation sollen gut miteinander vereinbar sein. Deshalb wollen wir die Berufsausbildung in Teilzeit stärken. Die Teilzeitausbildung wird künftig zur Option für alle in dualer Ausbildung – in Absprache mit dem Betrieb.

Wir wollen zudem, dass mit dem Ende der Ausbildung nicht ein Ende des Lernens erreicht ist. Die Ausbildung kann der Startpunkt sein. Von dort aus kann es weitergehen, bis in die Führungspositionen eines Unternehmens oder zum eigenen Meister-Betrieb.

Dafür steht die höherqualifizierende Berufsbildung. Bei ihren vielen Abschlussbezeichnungen kann man aber schnell den Überblick verlieren. Das wollen wir ändern. Deshalb schaffen wir nun mit drei einheitlichen Fortbildungsstufen und drei griffigen Abschlussbezeichnungen Transparenz:

  • Geprüfter Berufsspezialist,
  • Bachelor Professional
  • und Master Professional.

Diese Bezeichnungen werden auch im Ausland gut verstanden. Besonders für international aufgestellte Unternehmen ist dies wichtig.

Bewährte Berufsbezeichnungen werden wir natürlich erhalten, durch die neuen Bezeichnungen wollen wir sie ergänzen und stärken: Der Meister ist natürlich auch in Zukunft noch Meister.

Zum zweiten Punkt:

Wir unterstützen die Betriebe dabei, ihren Auszubildenden gute Bedingungen zu verschaffen. Eine besondere Aufmerksamkeit richten wir dabei auf kleine Betriebe. Die Bundesregierung stärkt die Ausbildungsleistung und -fähigkeit der kleinen und Kleinst-Betriebe seit vielen Jahrzehnten. Dazu investieren wir unter anderem in die überbetriebliche Bildung im Handwerk. Mit unserem Programm JOBSTARTER plus greifen wir kleinen und kleinsten Unternehmen (KKU) seit 2017 zudem zusätzlich unter die Arme.

Das Programm hilft diesen Betrieben dabei, in die Ausbildung einzusteigen und vom Beginn der Ausbildung bis zur Abschlussprüfung erfolgreich auszubilden. Aktuell werden 17 Handwerkskammern und 6 handwerksnahe Institutionen auf Basis verschiedener Jobstarter-Ausschreibungen gefördert. Dies zeigt, dass unsere Förderung von Ihnen nachgefragt wird.

Ebenso wie für die Auszubildenden gilt aber auch für die Betriebe unser Grundsatz: Unsere Förderung hört nicht mit dem Abschluss der Ausbildung auf. Wir unterstützen auch bei der Weiterbildung. Dazu gehört zum Beispiel auch die Weiterbildung zur nachhaltigen Ausrichtung von Unternehmen. Ein wichtiges Zukunftsthema, für das wir alle Verantwortung übernehmen sollten.

Dazu haben wir gemeinsam mit dem ZDH 2018 das Qualifizierungs-Projekt „Nachhaltigkeit in Handwerksbetrieben stärken“ für Betriebsinhaber und Führungskräfte im Handwerk gestartet. Sei es der Klimaschutz oder seien es Themen wie Teilhabe und Interkulturalität, die hier angegangen werden – es zeigt sich sehr deutlich, dass das Nachhaltigkeits-Engagement des Handwerks sehr vielfältig ist. Dafür möchte ich auch dem ZDH und der Zentralstelle für Weiterbildung im Handwerk herzlich danken.

Zum dritten Punkt:

Die Digitalisierung verändert fast alle Bereiche des Arbeitslebens. Auch das Handwerk. Wir alle müssen uns umfangreich auf den Wandel einstellen, um ihn gestalten zu können. Damit können wir nicht früh genug in den Berufsbiografien anfangen. Deshalb weisen wir dem Komplex Ausbildung und Digitalisierung viel Bedeutung zu. Unter anderem haben wir die Qualifizierungsinitiative Digitaler Wandel „Q 4.0“ gestartet. Damit wollen wir das Berufsbildungspersonal für die Veränderungen fit machen, die mit der Digitalisierung einhergehen.

Hierfür entwickeln und erproben wir innovative Aus- und Weiterbildungsangebote. Sie sollen das Berufsbildungspersonal dabei unterstützen, Medien gewinnbringend in Lern- und Arbeitsaufgaben einzusetzen und den Ausbildungsprozess inhaltlich an die digitalisierten Arbeitsprozesse in den einzelnen Berufen anzupassen. Im Juni dieses Jahres startet hierzu ein Projekt mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung und Partnern aus der Praxis.

Zudem gibt es das Sonderprogramm ÜBS-Digitalisierung. Es nutzt mittelbar auch den Betrieben des Handwerks. Die überbetriebliche Berufsbildungsstätten (ÜBS) übernehmen immer dort, wo die ausbildenden Betriebe wegen ihrer Spezialisierung oder ihrer Arbeitsabläufe nicht alle Ausbildungsinhalte leisten können. Gerade mit Blick auf den digitalen Wandel der Arbeitswelt können die ÜBS als Multiplikatoren agieren und den Auszubildenden digitale Kompetenzen und Fertigkeiten vermitteln. Damit sie diese Rolle erfüllen können, ist es umso wichtiger, dass sie moderne und hochwertige Technologien sowie zielorientierte Ausbildungskonzepte einsetzen. Dazu haben wir das Sonderprogramm ganz aktuell in dieser Woche um vier Jahre ausgeweitet. Wir wollen damit die Modernität und Innovationskraft der Ausbildungskurse in den ÜBS weiter stärken.

Mit all dem wollen wir die Berufsbildung noch stärker und attraktiver machen. Damit junge Menschen gute Startbedingungen in ihr Berufsleben haben. Und damit unsere Wirtschaft und Gesellschaft gute Startbedingungen in die Zukunft hat. Ich freue mich, wenn Sie alle weiterhin daran mitwirken und Ihren Teil beitragen.