"Wir kennen viele Erfolgsgeschichten"

Bundesbildungsministerin Karliczek betont die Erfolge bei der Integration von Geflüchteten in die Gesellschaft und das Bildungssystem. „Bildung ist der Schlüssel für Integration und Zusammenhalt in unserem Land“, so die Ministerin bei einem Forum.

Bundesministerin Anja Karliczek eröffnet die Konferenz zum Nationalen Aktionsplan Integration. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der Auftaktveranstaltung zu den Foren „Berufsanerkennung“ und „Bildung/Ausbildung“ im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Integration am 17. Mai 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Staatsministerin,

sehr geehrter Herr Professor Rass,

sehr geehrte Frau Dr. Schu,

in der nächsten Woche feiern wir den 70. Geburtstag unseres Grundgesetzes. Es garantiert allen Bürgerinnen und Bürgern die gleichen Rechte – unabhängig ihres Geschlechtes, ihrer Abstammung, ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer politischen Anschauungen oder einer Behinderung. Es ermöglicht uns allen ein Leben in unserer Individualität. Es ermöglicht uns ein Leben in Frieden und Freiheit.

Und das in einer Gesellschaft, die immer heterogener wird. In Deutschland hat inzwischen knapp jeder Vierte einen Migrationshintergrund. Integration bleibt mithin eine wichtige Aufgabe. Eine der wichtigsten, sagen Bürgerinnen und Bürger in Umfragen immer wieder.

Alle sind dabei gefordert. Integration erfordert Aufgeschlossenheit und den respektvollen Umgang miteinander. Respekt vor unterschiedlichen Lebensentwürfen und Lebenserfahrungen. Damit Integration noch besser gelingt, wollen wir den Nationalen Aktionsplan Integration an die aktuellen Herausforderungen anpassen.
Koordiniert durch meine Kollegin, Frau Widmann-Mauz. Danke dafür!

Mein Haus konzentriert sich dabei auf die Themen Bildung und Ausbildung sowie auf die Berufsanerkennung. Darüber wollen wir heute sprechen. Und dazu heiße ich Sie herzlich willkommen! Wir haben schon viel erreicht. Allen Unkenrufen zum Trotz auch bei der Integration der Geflüchteten. Wir kennen viele Erfolgsgeschichten:

Gut ein Drittel der Geflüchteten, die in den Jahren 2015 und 2016 gekommen sind, hat bereits Arbeit. Genauso viele sprechen schon gut oder sehr gut Deutsch. Rund 95 Prozent der Kinder von Geflüchteten gehen bei uns zur Schule. Wir haben in den letzten Jahren eine Reihe Angebote geschaffen, damit Geflüchtete sich für eine Ausbildung und den Arbeitsmarkt qualifizieren können.

Wir kennen beeindruckende Beispiele: Hier im Publikum sitzt Faisal Hamdo. Er ist aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Inzwischen arbeitet er mit einem unbefristeten Vertrag als Physiotherapeut am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Das ist eine beeindruckende Leistung.

Aber natürlich gibt es nicht nur Erfolgsgeschichten. Integration ist ein mühsamer Prozess. Das sehen wir auch bei denjenigen, die schon seit vielen Jahren in Deutschland leben: Kinder mit Migrationshintergrund schneiden in der Schule immer noch schlechter ab. Das hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration erst vor kurzem wieder hervorgehoben.

Sie verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Und sie beginnen seltener und zu einem späteren Zeitpunkt eine Berufsausbildung. Dieser Befund ist Herausforderung und Ansporn zugleich. Um der jungen Menschen willen. Um der ganzen Gesellschaft willen.

Der Populismus ist in den letzten Jahren stärker geworden. Die Herausforderungen der Flüchtlingskrise haben ihm weiteren Vorschub geleistet. Stimmung zu machen gegen Minderheiten, wird wieder salonfähig. Das gefährdet den Zusammenhalt in unserem Land, unser demokratisches System und das Ansehen Deutschlands in der Welt.

Deutschland ist ein weltoffenes Land. Unsere Wirtschaft lebt vom Export. Unsere Wissenschaft lebt vom internationalen Austausch. Unsere Kultur lebt von Einflüssen aus anderen Kulturen. Wir wollen, dass unser Land attraktiv ist für Menschen aus aller Welt. Weil wir auf Menschen aus aller Welt angewiesen sind.

Schon jetzt droht der Fachkräftemangel zur Wachstumsbremse zu werden. Dem müssen wir mit aller Kraft entgegen wirken. Indem wir zuallererst die Menschen, die schon hier bei uns sind, für unseren Arbeitsmarkt qualifizieren.  Es geht um Chancengerechtigkeit und Teilhabe - die unterschiedlichen Bildungswege sollen allen gleichermaßen offen stehen. Genau daran arbeiten wir mit unserem Aktionsplan Integration.

In seinem Zentrum steht: Bildung. Bildung ist der Schlüssel, um seine Talente zu entfalten. Bildung ist der Schlüssel, um selbstbestimmt leben zu können. Bildung ist aber auch der Schlüssel für Integration und Zusammenhalt in unserem Land. Wir nutzen alle Bildungsorte. Wie stellen wir sicher, dass Kinder bei der Einschulung gut genug Deutsch können? Wie führen wir sie systematisch an unsere Kultur heran? Ich hoffe, dass der offene Austausch im Nationalen Aktionsplan hier neue Ideen einbringt.

Die Schulen haben unterschiedliche Konzepte entwickelt, um bestmöglich auf die Kinder einzugehen. Auf ihre individuellen Talente. Aber viele Schulen stehen vor großen Herausforderungen, was ihr Personal und ihre Ausstattung betrifft. Ich hoffe, dass der DigitalPakt dabei eine Hilfe sein wird. Denn gerade digitale Lernangebote ermöglichen es, auf individuelle Fähigkeiten einzugehen.

Wichtig ist dann aber auch, dass die schulischen Angebote angenommen werden – unabhängig von Herkunft und Geschlecht. Wie können wir zum Beispiel Frauen erreichen, die aufgrund ihrer Tradition außerfamiliäre Angebote kaum wahrnehmen? Wie können wir eine offene Berufsorientierung auch in vermeintlichen Männerberufen stärken?

Sie wissen, die berufliche Bildung liegt mir besonders am Herzen. Aber nicht nur deswegen will ich hier heute einen Schwerpunkt setzen, sondern weil gerade die berufliche Bildung viele Erfolgsgeschichten schreibt. Erfolgsgeschichten wie die von Herrn Hamdo. Dass er erfolgreich ist, ist kein Zufall. Es ist Ergebnis seiner Anstrengungen. Und es ist Ergebnis unserer Maßnahmen: der Berufsanerkennung.

„Anerkennung“, sagt Herr Hamdo, „bedeutet für mich Teil der Gesellschaft zu sein, um das Land mitgestalten zu können.“ Das gilt für viele andere ausländische Fachkräfte genauso, die im Gesundheitswesen oder im Handwerk durchstarten können. Berufsanerkennung ist auch eine Wertschätzung von Lebensleistung.

Seit Inkrafttreten des Anerkennungsgesetzes vor neun Jahren wurden rund 150.000 Anträge gestellt. Die meisten davon wurden positiv beschieden. Die Folgen: ein besserer Arbeitsplatz und ein höherer Verdienst. Und auch höhere Beiträge zu unserem Sozialwesen.

Und denjenigen, die noch zusätzliche Qualifizierungen benötigen, bieten wir Weiterbildungsmöglichkeiten an. Jeder wird dort abgeholt und gefördert, wo sein Bedarf nach Bildung beginnt, um in Deutschland erfolgreich zu sein. Davon profitieren Menschen, die in unser Land kommen. Und wir brauchen auch in den nächsten Jahren weiterhin qualifizierte und hochqualifizierte Menschen aus aller Welt.

Denn um unseren Wohlstand und unsere Sozialsysteme langfristig zu sichern, ist es notwendig, gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Wohl gemerkt: gut ausgebildet. Wer in Deutschland einen Elektriker bestellt, der will sich darauf verlassen können, dass er sein Handwerk beherrscht.

Deswegen ist es gut und richtig, dass wir in Deutschland ein Anerkennungsgesetz haben und ausländische Fachkräfte die Gleichwertigkeit mit deutschen Abschlüssen nachweisen können. Dennoch bleiben Herausforderungen im Anerkennungsverfahren. Zum Beispiel sollten für Antragstellende überall in Deutschland die gleichen Anforderungen gelten.

Wir haben im Kabinett das Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen. Es wird dann seine volle Kraft entfalten, wenn wir unsere guten Rahmenbedingungen weiterentwickeln:

  • bei der Anerkennung,
  • bei Bildung,
  • bei Weiterbildung.

Hochschulen sind traditionell international aufgestellt. Geflüchtete finden hier viele Menschen, die auch aus fremden Ländern kommen und sich in einem fremden Land, einer fremden Kultur zurechtfinden müssen. Das hilft bei der Integration. Trotzdem ist es für viele nicht leicht, sich im deutschen Hochschulalltag zurechtzufinden.

Wir unterstützen den DAAD deswegen, Geflüchtete zu beraten, ihnen fachliche Hilfestellungen zu leisten und gute Angebote für Deutschkurse zu machen. Mittlerweile haben mehr als 10.000 Geflüchtete ein reguläres Studium aufgenommen. Tausende weitere schließen schon bald ihre Studienvorbereitung ab.
Das ist Ergebnis unseres umfassenden Politikansatzes. Eine aktuelle Studie der Europäischen Kommission bestätigt: Er ist ein großer Erfolg und ein Vorbild für Initiativen in anderen Staaten.

Bildung findet nicht nur formal an Schulen und Hochschulen statt. Vereine, Musikschulen, Volkshochschulen, private Initiativen – all das sind ebenso wichtige Orte, an denen Menschen Neues lernen und sich bilden. Es sind wunderbare Orte der Integration. Wir unterstützen sie mit unsere Programm “Kultur macht stark”. Es ist das größte Programm für kulturelle Bildung in Deutschland, ja sogar in Europa.

Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie erfordert gegenseitiges Verständnis und wechselseitige Toleranz. Wir wollen die Weichen dafür stellen, dass sie überall gut gelingen kann. Deswegen treffen wir uns heute hier.

Wir möchten mit Ihnen, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter

  • der Länder
  • der Verbände,
  • und ganz besonders der Migrantenorganisationen,

darüber diskutieren, wie wir gemeinsam besser werden können. Welche Strukturen und welche Akteure brauchen wir, um Bildungsetappen erfolgreich zu begleiten? Damit Bildungsbiographien Erfolgsgeschichten schreiben.

Lassen Sie uns gemeinsam durch Bildung, Ausbildung und Anerkennung helfen, viele Erfolgsgeschichten zu schreiben. Persönliche Erfolgsgeschichten. Erfolgsgeschichten, die Menschen in unserem Land einander näher bringen. Erfolgsgeschichten, die Zusammenhalt stärken.