"Wir können bei autonomen Systemen eine führende Rolle spielen"

Tagung „Forschung und Technologien für automatisiertes und vernetztes Fahren“ in Berlin: "Wir können den Wandel der Industrie und der Arbeitswelt so gestalten, dass wir Gewinner der Digitalisierung sind", sagt Staatssekretär Christian Luft.

Statement des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung Christian Luft anlässlich der Tagung „Forschung und Technologien für automatisiertes und vernetztes Fahren“ am 7. Dezember 2018 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Dr. Ploss,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Vor einigen Wochen habe ich in Karlsruhe an einem Bürgerdialog zum autonomen Fahren teilgenommen. Dort hat sich gezeigt – viele Bürger stehen dem autonomen Fahren kritisch gegenüber. Viele Menschen erleben das Steuern ihres Autos als eine Form der Freiheit und Selbstbestimmtheit.

Anders ist es, wenn man von fahrerlosen Zubringern z.B. auf Flughäfen oder im Güterverkehr spricht. Auch die Hoffnung, dass neue Mobilitätskonzepte wie Robotersammeltaxis Mobilität in solche ländliche Räume bringen, wo sich heute kein ÖPNV rechnet, ist für viele attraktiv. Und natürlich: Wenn Freiheit und Freude am Fahren in der Rushhour ohnehin nur Theorie und Traum sind, dann wächst die Einsicht, dass der digitalisierte Verkehr helfen kann, die stetig wachsenden Verkehrslasten im Griff zu behalten; mindestens aber Unfälle deutlich zu reduzieren. Mir geht es darum, die Menschen auch mitzunehmen und ein Klima für Veränderungen zu schaffen.

Meine Damen und Herren,

natürlich sind auch Sie Bürger und dennoch werden wohl viele von Ihnen das autonome Fahren aus einer anderen Perspektive betrachten: Die Automobilindustrie hat in Europa einen herausragenden Stellenwert. Über 13 Mio. Menschen sind dort direkt beschäftigt. Und genau diese Industrie befindet sich in einem dramatischen Wandel. Noch vor kurzer Zeit waren Maschinenbauer Stars und Hoffnungsträger, die die Meisterwerke der Mechanik, Getriebe, Motoren entwickelt haben. Nun geht es um Elektronik, Software, Maschinelles Lernen, den elektrischen Antriebsstrang und die Batterie. Manch einer fragt sich, wie lange wird mein Know-How noch gebraucht? Manch einer mag sich auch fragen, ob der Wandel gut genug vorbereitet wird. Neue Wettbewerber kommen aus der IT-Welt. Der regulatorische Rahmen, sei es Emissionsschutz, Datenschutz, seien es Herausforderungen im Freihandel, bewirkt massiven Veränderungsdruck.

Das BMBF möchte Sie darin unterstützen, diesen Veränderungsdruck in einen Innovationsschub zu verwandeln.

Ein solcher Innovationsschub, der dem Bürger und der Wirtschaft gleichermaßen zu Gute kommt, ist möglich. Wir haben in Deutschland beste Chancen, bestehende Stärken im Fahrzeugbau mit einem Ausbau der Kompetenzen bei neuen, digitalen Technologien zu kombinieren und die technische Souveränität auch künftig zu erhalten. Wir können bei autonomen Systemen eine führende Rolle spielen. Wir können den Wandel der Industrie und der Arbeitswelt so gestalten, dass wir Gewinner der Digitalisierung sind.

Was sind unsere Stärken? Worin ist der Optimismus begründet?

Deutsche Akteure im Bereich Automotive sind – gemessen an Patentlage, Technologieniveau und Markterfolg – auch im Elektronikbereich an der Spitze. Die deutsche Automobilindustrie und ihre Zulieferer haben wesentlich zur Einführung immer besserer Sicherheitssysteme-, aber auch Kommunikations- und Komfortsysteme im Fahrzeug beigetragen. Dafür, dass sich die Elektronikkosten am Fahrzeug in den letzten Jahrzehnten von Null auf heute 35% gesteigert haben, stehen auch ganz wesentlich Sie, die hier versammelten Akteure, mit ihrem Knowhow und ihren Produkten. Zeichen dafür ist auch, dass die europäische Mikroelektronikindustrie im Geschäftsfeld ‚Automotive‘, anders als in der Konsumelektronik, in der ersten Liga spielt, mit etwa 35% weltweitem Marktanteil. Wir haben also eine gute Grundlagenforschung. Wir haben eine starke, breit aufgestellte Wirtschaft. Darauf sind wir zu Recht stolz. Was wir noch brauchen, ist ein guter Transfer von der Forschung in Produkte, Dienstleistungen und Serviceleistungen. Und wir müssen uns stärker engagieren in den Bereichen Quantencomputer und Fachkräfte.

Was kann das BMBF dazu beitragen?

 Allein das BMBF hat die Forschung zum autonomen Fahren seit 2015 mit über 150 Millionen Euro gefördert. Die Mittel für die Elektromobilität aus dem BMBF summieren sich seit 2009 auf etwa 1 Mrd. Euro. Fast das gleiche gilt für die Förderung der Mikroelektronik. Wir ziehen hier zusammen mit dem Wirtschafts- und dem Verkehrsministerium an einem Strang. Wir haben uns inzwischen auf Eckpunkte für einen Aktionsplan „Autonomes Fahren“ geeinigt. Der Aktionsplan „Autonomes Fahren“ stellt einen übergreifenden Forschungsrahmen für die Förderung von Forschungsvorhaben im Bereich des autonomen Fahrens dar. Er soll Schwerpunkte definieren und gewährleisten, dass sich die einzelnen Ressortaktivitäten sinnvoll ergänzen. Nicht jedes Ressort für sich – sondern gemeinsam in einer konzertierten Aktion – wollen wir vorangehen.

Dieser Plan ist Teil der Hightech-Strategie 2025 der Bundesregierung. Ich gehe davon aus, dass wir den Aktionsplan in Kürze beschließen können. Die Ergebnisse unserer Tagung heute und gestern werden wir auswerten und einfließen lassen.

Dass sich frühzeitige Grundlagenforschung im Bereich der Schlüsseltechnologien auszahlt, zeigen beispielhaft die Erfolge bei der Radartechnologie. Diese Technologie, die heute hinter vielen Fahrerassistenzsystemen steckt, wurde seit den 90er Jahren durch das BMBF gefördert. Ihre Serieneinführung im Auto trägt seither dazu bei, die Zahl tödlicher Unfälle im Straßenverkehr zu senken – und das trotz steigenden Verkehrsaufkommens. Heute ist Deutschland auf diesem Gebiet Weltmarktführer. Auch Forscher aus Ihrem Unternehmen, Herr Dr. Ploss, sind daran wesentlich beteiligt und waren mit dieser Technologie vor kurzem in der Endauswahl des Deutschen Zukunftspreises, dem Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation.

Jedoch ist dies nur eine Komponente in dem sehr komplexen System Fahrzeug. Wir unterstützen auch die Grundlagenforschung zu disruptiven Fahrzeugkonzepten. Diese Konzepte versprechen große Innovationssprünge beim autonomen Fahren in urbanen Umgebungen und auf der „letzten Meile“. Das Leuchtturmprojekt UNICARagil erprobt vier Anwendungsfälle. Es unterstützt die interdisziplinäre Forschung, Entwicklung und Lehre an mehreren Wissenschaftsstandorten. Das Projekt leistet zudem einen Beitrag für die Sicherung von Fachkräften – ein wichtiger Schwerpunkt der Aktivitäten des BMBF generell. Herr Professor Eckstein wird uns dazu später berichten.

Diese Beispiele weisen auf eine Stärke Deutschlands hin: wir haben ein starkes und sehr ausdifferenziertes Ökosystem aus Forschung, Wissenschaft und Unternehmen, vom KMU bis hin zu Global Playern. Dieses Ökosystem sichert Flexibilität, Agilität und Fachkräftenachwuchs. Es ist vielleicht unser stärkstes Asset in Deutschland, etwas dass auch mit massivem Einsatz von Subventionen – wie zum Beispiel in China - nicht so einfach kopiert werden kann.

Das BMBF wird weiter die Forschung und eben dieses Ökosystem fördern - für das autonome Fahren ‚Made in Germany‘. Schwerpunkte sind:

zuverlässige Elektronik und Sensorik, die als „Augen und Ohren“ des Autos die Umgebung erfassen,
die IT-Sicherheit zum Schutz vor Cyberattacken und
schließlich wird der Bereich KI neu ausgebaut und verstärkt.

Die künstliche Intelligenz ermöglicht erst den Übergang vom automatisierten zum fahrerlosen – autonomen – Fahren.

Der Transfer zwischen Wissenschaft und Industrie steht folgerichtig im Mittelpunkt des BMBF-geförderten Projekts „KI-Plattform“. Hier geht es um eine gemeinsame Datenbasis zum Training und zum Testen von KI im Auto. Das Projekt bringt zentrale deutsche Akteure zusammen und wird von der BMBF-Plattform „Lernende Systeme für Künstliche Intelligenz“ und der VDA-Leitinitiative unterstützt. Heute Vormittag wird Herr Dr. Scholz von der Volkswagen AG dieses Projekt vorstellen.

Meine Damen und Herren, die Bundesregierung hat Mitte November die KI-Strategie verabschiedet. Mit der Strategie wollen wir die Erforschung, Entwicklung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz in Deutschland auf ein weltweit führendes Niveau bringen. Dafür stellt die Regierung bis 2025 drei Milliarden Euro bereit. Inhaltlich geht es dabei um KI in ihrer gesamten Breite – von der Forschung über den Transfer in Wirtschaft und Gründungen, die Arbeitswelt bis hin zu den Anwendungsfeldern wie Industrie 4.0, Gesundheit und eben auch Mobilität.

Die Mikroelektronik wird in einem Programm der Bundesregierung gefördert, welches 2016 beschlossen wurde. Es geht um Technologiesouveränität in der Mikroelektronik, auch um unsere Wettbewerbsfähigkeit im autonomen Fahren zu sichern.

Beispiel hierfür ist das Forschungsprojekt „GENIAL!“. Es geht dabei um eine signifikante Verkürzung der Entwicklungszeiten. Das Projekt vereint Universitäten, Autobauer und Chiphersteller an entgegengesetzten Enden der Wertschöpfungskette. Gemeinsam soll eine Roadmap entstehen, die Chipherstellern zeigt, welche Leistungsanforderungen künftige Fahrzeuge an ihre Chips stellen werden. So soll die neueste Elektronik schneller für den Einsatz im Auto bereitstehen.

Eine weiterer Meilenstein ist die „Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland“. Dort vernetzen sich 13 Forschungsinstitute untereinander und mit externen Partnern. Hier geht es um einen besseren wissenschaftlichen Austausch und stärkere Kooperationen. Im April 2017 gestartet, fließen 350 Mio. Euro in neueste Laboranlagen. Seit diesem Jahr werden relevante Hochschulen in das Investitionsprogramm einbezogen mit rd. 50 Mio. Euro. Gemeinsam mit der Forschungsfabrik soll damit eine neue Qualität und Sichtbarkeit der Mikroelektronikforschung am Standort Deutschland geschaffen werden. 

Was wir also brauchen ist

1. ein gesellschaftlich aufgeschlossenes Klima für Wandel, das die Menschen mitnimmt.

2. den Transfer von Forschung zu Wirtschaft.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe zu Beginn die Bürgerperspektive und die Perspektive der Fachleute angesprochen. Lassen Sie mich zum Schluss noch eine weitere Perspektive ansprechen: die geostrategische. Das Stichwort China ist schon gefallen. Dort zählen Informationstechnologien zu den Schwerpunkten der China 2025-Strategie, mit der die chinesische Regierung Technologieführerschaft anstrebt.

Geht es nur darum? Sie kennen die Berichte zum Social Scoring, einem System in China, das wir aus westlicher Perspektive als den Versuch ansehen, durch umfassende Datenerhebungen eine Form der gesellschaftlichen Kontrolle zu errichten. Autonomes Fahren wird in China ebenfalls mit einem Fokus auf massive Datenerhebungen entwickelt. Die Intelligenz und IT wird viel stärker in der Verkehrsinfrastruktur implementiert als im Fahrzeug. Beobachtung und Steuerung des Verkehrsgeschehens sind integraler Bestandteil. Hier zeigt sich deutlich das Wechselverhältnis von Gesellschaftsform und Technologie.

Wenn wir in Deutschland und in Europa von Technologiesouveränität reden, dann meinen wir etwas anderes: Wir wollen zuverlässige und sichere Technologien. Technologien, die die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Freiheit und Selbstbestimmtheit unterstützen. Dazu zählen faire Geschäftsmodelle. Dazu zählt ein industrieller Wandel ohne Verlierer. Dazu zählt ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum.

Dafür brauchen wir eine europäische Technologiesouveränität! Dafür brauchen wir das autonome Fahren ‚Made in Germany‘, dafür brauchen wir Cybersicherheit und Datenschutz. Dafür brauchen wir Sie, meine Damen und Herren, die Sie mit Ihrer Kreativität und Ihrer Expertise eine gute Zukunft vorbereiten.

Ich bin stolz auf Menschen wie Sie! Sie arbeiten an einer sicheren und besseren Lebenswelt. Dafür vielen Dank.