"Wir müssen die Digitalisierung selbst gestalten"

Ansprache des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung Thomas Rachel (MdB) anlässlich der Eröffnung der Forschungslabore Mikroelektronik Deutschland am 05.02.2019 in Aachen.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren!

ich freue mich, dass ich heute hier in Aachen die „Forschungslabore Mikroelektronik Deutschland“ eröffnen darf. Mit den Laboren investieren wir in unsere Zukunft. Das ist dem BMBF, der Bundesregierung insgesamt – und auch mir persönlich – ein besonders wichtiges Anliegen. Die Gestaltung der Zukunft ist eine unserer zentralen Aufgaben.

Warum sind wir überzeugt, dass das enorm wichtig ist? Vor welchen Herausforderungen stehen wir aktuell?

Nun, wir stehen an der Schwelle des digitalisierten Zeitalters – und damit vor einer Menge neuer Herausforderungen. Unsere Welt verändert sich rasant. Auf der einen Seite haben wir mächtige Tech-Firmen aus den USA, auf der anderen Seite eine zunehmende staatliche Kontrolle von Wirtschaft und Gesellschaft in China. Die globalen Entwicklungen und Handelskonflikte fordern unsere Soziale Marktwirtschaft heraus. Der Bundesverband der Deutschen Industrie sieht uns in einem Systemwettbewerb mit China. Und wirbt für eine kompetitive Partnerschaft, für ein starkes Europa, für Austausch und Kooperation unter fairen Wettbewerbsbedingungen.

Die Haltung unserer Regierung hat die Bundeskanzlerin beim Weltwirtschaftsforum in Davos eindrücklich auf den Punkt gebracht: Wir in Europa müssen unseren eigenen Weg finden, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Sonst werden wir steuerbar. Nationale Alleingänge helfen uns nicht weiter. Vielmehr brauchen wir gleichgesinnte Verbündete und ein starkes Europa. Wir bekennen uns klar zu offenen Märkten, zum Multilateralismus. Wir stellen uns dem Ringen um Kompromisse zur Weiterentwicklung unseres Wirtschaftssystems.

Es geht darum, wie wir neue Technologien nutzen wollen. Ein zentraler Punkt dabei ist der Umgang mit Daten. Umfassende Überwachung war technisch noch nie so einfach. Ob nun das chinesische Modell mit massivem Zugriff des Staates auf unterschiedlichste Daten und weitgehendem Kontroll- und Steuerungsanspruch von Unternehmen und Privatleben. Oder das US-amerikanische Modell der intensiven privatwirtschaftlichen Datennutzung. Ich glaube, wir in Europa haben einen anderen gesellschaftlichen und sozialen Umgang miteinander; andere Vorstellungen, andere Werte bezüglich Privatsphäre, Datenschutz und -Sicherheit. Ich bin überzeugt, dass wir diese Vorstellungen und Werte bewahren wollen. Dass wir auch in Zukunft selbst entscheiden wollen, wie wir leben. Dass wir weder staatliche Überwachung der Bürgerinnen und Bürger mit einem Sozialpunktesystem], noch einen unregulierten Datenhunger großer Technologiekonzerne wollen.

Das heißt aber: wir müssen die Digitalisierung selbst gestalten. Dazu brauchen wir technologische Souveränität. Wir brauchen nicht nur einen europäischen Ansatz zum Umgang mit Daten, sondern auch eine starke technologische Basis für die Umsetzung. Wir brauchen Elektronik, die Vertrauen in Datenschutz, Privatsphäre und Sicherheit wieder ermöglicht, wieder herstellt und auf Dauer garantieren kann. Das sehen wir gerade an den Diskussionen um 5G und Huawei. Technologisch ist und bleibt Mikroelektronik die kaum zu unterschätzende Basis der Digitalisierung.

Die gute Nachricht: wir haben das in Europa erkannt. In der Mikroelektronik funktioniert die europäische Zusammenarbeit hervorragend. Auf nationaler Ebene haben wir eine verschränkte Forschungs- und Innovationsförderung: Mit dem Rahmenprogramm Mikroelektronik arbeiten Bundesforschungs- und ‑wirtschaftsministerium Hand in Hand. Unsere Aktivitäten sind außerdem mit der europäischen Förderung eng verzahnt. Das ist ein Erfolgsrezept: es entstehen wieder neue Halbleiter-Fabriken in Europa. Bosch baut eine neue Chipfabrik in Dresden, Infineon in Villach; viele weitere investieren in neue Maschinen.

Was müssen wir tun, damit es so weitergeht? Ein richtiger Schritt ist das von Brüssel genehmigte „Important Project of Common European Interest“ in der Mikroelektronik: das Bundeswirtschaftsministerium stellt hierfür etwa 1 Mrd. Euro bereit. Insgesamt unterstützen Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien mit 1,75 Mrd. Euro Investitionen der Wirtschaft von weiteren 6 Mrd. Euro. Das ist gut und wichtig, reicht aber nicht. Wir müssen weiter denken. Wir müssen in Köpfe investieren. Denn: unsere Wirtschaft braucht Spitzen-Forschung. Und Spitzen-Forschung braucht Spitzen-Ausstattung in der Wissenschaft.

Darum investiert das BMBF massiv in die Mikroelektronik-Forschung. Zusätzlich zu den 400 Mio. Euro für Verbundforschungsprojekte stellen wir weitere 400 Mio. Euro für moderne Geräte und Anlagen zur Verfügung. Davon 350 Mio. Euro für die Forschungsfabrik und 50 Mio. Euro für die Forschungslabore, über die wir heute sprechen. Begonnen haben wir 2017 mit der Forschungsfabrik Mikroelektronik: Hier gehen 13 außeruniversitäre Forschungsinstitute neue Wege in der Zusammenarbeit. Sie modernisieren ihren Gerätepark und nutzen ihn gemeinsam: es entsteh eine deutschlandweite, dezentrale Großforschungseinrichtung. Die regional verankerten Institute bleiben als starke Partner vor Ort bestehen – und bieten nun Zugang zur geballten Kompetenz des gesamten Netzwerks. Neu hinzu kommt die gemeinsame Geschäftsstelle als zentraler Ansprechpartner und Koordinator. Und ich freue mich, dass der Leiter dieser Geschäftsstelle, Herr Amelung, Ihnen die Forschungsfabrik später vorstellt.

Für die forschungsintensive Mikroelektronik gilt: auch an Hochschulen sind erhebliche Geräteinvestitionen erforderlich. Aus der Grundfinanzierung der Länder ist das im erforderlichen Maße nicht möglich. Darum ist das BMBF hier aktiv geworden: Deutschlandweit stellen wir genannte 50 Mio. Euro für Investitionen an Hochschulen in den Forschungslaboren Mikroelektronik Deutschland bereit.

Sehr geehrter Herr Professor Rüdiger: Die RWTH ist eine Top-Hochschule mit internationaler Reputation. Bei den Forschungslaboren sind Sie in bester – ich möchte sagen exzellenter – Gesellschaft. Bei Ihnen wissen wir unsere Investitionsmittel in guten Händen. Sie sind erfolgreich und stark genug, daraus dauerhaft etwas zu machen.

Sehr geehrter Herr Professor Mokwa, sehr geehrter Herr Professor Mikolajick – stellvertretend für alle Forschungslabore: Wir stärken mit den neuen Geräten Ihre exzellente Arbeit, denn auch wissenschaftlich müssen wir international konkurrenzfähig bleiben. Mit den Forschungslaboren wollen wir wissenschaftlich-technologisches Neuland erschließen. Es geht darum, der Zukunft einen Schritt voraus zu sein – die Forschungs-Pipeline gefüllt zu halten –immer mit Blick auf neue Anwendungen. Wir wollen die Grundlagen der Elektronik der nächsten Jahrzehnte im Labor entwickeln und reif machen für den Transfer in die Anwendung. Was das konkret heißt, können Sie sich heute auf den Postern anschauen, auf denen sich die Forschungslabore vorstellen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, heute zur Eröffnung sind Vertreter aller zwölf Forschungslabore hier. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und bitte Sie, dies an alle Mitstreiterinnen und Mitstreiter weiter zu tragen: Wir brauchen Sie! Ihre Arbeit, Ihr Wissen, Ihre Ideen. Darum geht es. Probieren Sie Neues aus! Denn unser eigentliches Ziel ist, dass neue Ideen und neues Wissen schnell in unserem Alltag Nutzen stiften.

Und wir sind uns sicher, dass wir dafür auch mehr Zusammenarbeit brauchen. Darum ist das ein zentraler Punkt bei den Forschungslaboren. Sie sind kooperativ angelegt und sollen Forschende zusammenbringen: über Instituts- und Fakultätsgrenzen hinweg, über Hochschulgrenzen hinweg.

Darum mein Appell an Sie: Lassen Sie sich nicht von Grenzen aufhalten! Haben Sie den Mut, sich darüber hinweg zu setzen. Und das meine ich auch in fachlicher und thematischer Hinsicht. An den Schnittstellen unterschiedlicher Disziplinen entstehen oft besonders spannende Dinge. Andere Blickwinkel eröffnen neue Perspektiven. Also: Reden Sie miteinander! Tauschen Sie sich aus! Dass Sie, mit Ihnen, sehr geehrter Herr Professor Mikolajick, schon einen Gesamtkoordinator gefunden haben, ist ein guter Anfang. Wir unterstützen mehr Vernetzung: unter den Forschungslaboren und mit der Wirtschaft.

Die Forschungslabore stärken damit die Innovationskette in Richtung Grundlagenforschung und erschließen neue Themengebiete, die Forschungsfabrik bietet direkte Anschlussfähigkeit für die Industrie. Gerade unser Mittelstand braucht Zugang zu einer modernen Forschungsinfrastruktur und eine Ausbildung der Nachwuchskräfte, die den steigenden Anforderungen gerecht wird.

Insgesamt wollen wir eine neue Qualität und Sichtbarkeit der Mikroelektronik-Forschung in Deutschland schaffen. Das heißt: wir wollen ein lebendiges Ökosystem aus Forschung und Unternehmen, in dem die Mikroelektronik von morgen und übermorgen schnell für neue Anwendungen und Technologien entwickelt und nutzbar gemacht wird. Und in diesem Sinne bitte ich Sie alle: füllen Sie dieses Ökosystem mit Leben! Damit Forschungsergebnisse schneller umgesetzt werden: in Wohlstand und eine europäische Art der Digitalisierung, die die Selbstbestimmtheit jedes einzelnen und freie Gesellschaft erhält.