"Wir müssen erneut handeln und gegensteuern"

In Bezug auf die neuesten Empfehlungen der Leopoldina im Hinblick auf die Corona-Maßnahmen spricht Ministerin Karliczek im RNZ-Interview über die Pandemiemüdigkeit und erinnert an die Rolle der Gesellschaft und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview ist am 9. Dezember 2020 in der RNZ erschienen. Die Fragen stellte Andreas Herholz.

Frau Karliczek, die Zahl der Corona-Neuninfektionen geht nicht zurück. Es gibt immer mehr Todesfälle in Deutschland. Brauchen wir einen harten Lockdown?

Die Infektionszahlen sind auf einem nicht akzeptablen Niveau. Die hohe Zahl an Corona-Toten kann eine Gesellschaft wie unsere, die sich Werten wie dem Schutz des Lebens verschrieben hat, einfach nicht weiter hinnehmen. Wir müssen erneut handeln und gegensteuern. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat dazu Empfehlungen vorgelegt, deren Richtung ich grundsätzlich teile. Die Zeit um den Jahreswechsel muss genutzt werden, um mit effektiven Maßnahmen die Zahl der Infektionen zurückzuführen. Ich habe vor allem die Befürchtung, dass wenn wir dies nicht tun, das Infektionsgeschehen Anfang des Jahres weiter eskalieren wird und wir dann unser Gesundheitssystem endgültig überfordern. Diesmal werden Weihnachtszeit und Jahreswechsel ganz anders sein als in normalen Zeiten. Und trotzdem gibt es Möglichkeiten, diese Zeit genießen zu können. In den weiterführenden Schulen sollte jetzt verstärkt von den Möglichkeiten von Wechsel- und Distanzunterricht Gebrauch gemacht werden und eine generelle Maskenpflicht angeordnet werden. Dies ist Bundesländern vereinzelt schon angekündigt worden. Distanzunterricht ist eine Option, Kontakte zu reduzieren und trotzdem Lernen sicherzustellen.

Warum wirkt der Lockdown light nicht?

Die Zahl der Kontakte ist einfach immer noch zu hoch. Das Virus kann dadurch auf zu viele neue Personen überspringen. Wir müssen mit den Kontakten runter. Dahinter steckt auch eine allgemeine Pandemiemüdigkeit. Jeder sollte sich aber fragen: Was kann ich tun, damit die Lage nicht noch schlimmer wird? Der Staat kann Regeln schaffen. Am Ende liegt es aber an jedem Einzelnen, ob wir als Gesellschaft insgesamt vernünftig durch diese schwere Zeit kommen. Ja, es geht um Eigenverantwortung – und um Durchhaltevermögen für einen überschaubaren Zeitraum. Denn wir haben die Aussicht, dass wir in nächster Zukunft die Pandemie in den Griff bekommen. Wir haben sehr erfolgversprechende Impfstoffprojekte, die bekanntlich zum Teil schon kurz vor der Zulassung stehen. Das Licht am Ende des Tunnels ist da. Aber jetzt müssen wir uns noch einmal anstrengen, so schwer es uns allen fällt.

War es ein Fehler, nicht von vornherein strengere Beschränkungen einzuführen?

Jede Lockdown-Maßnahme bedeutet eine massive Beschränkung von Freiheitsrechten. Es ist in einem Rechtsstaat richtig, dass zunächst immer versucht wird, mit möglichst milderen Mitteln als zum Beispiel einem harten Lockdown zum Erfolg zu kommen. Für diese Pandemie gibt es kein Drehbuch. Die Lage ändert sich immer wieder, allein schon, weil sich auch Verhaltensweisen ändern. Eine Lehre aus den vergangenen Wochen ist aber, dass der Staat insgesamt – also der Bund und alle Länder gemeinsam – geschlossener auftreten sollten.