"Forschung hilft, Migration und ihre Folgen besser zu verstehen"

Der Osnabrücker Migrationsforscher Andreas Pott über wachsendes Interesse an seinem Fach, den Wandel unserer Gesellschaft - und darüber, warum Migration, Flüchtlingspolitik und Integration zusammen erforscht werden sollten. Ein Interview mit bmbf.de

Wie hängen Gewalt und Migration zusammen? Migrationsforschung ist längst ein zentrales Forschungsgebiet - und hilft Gesellschaft und Politik, den Blick zu weiten. © thinkstock

"Die Nachfrage nach wissenschaftlicher Expertise ist kontinuierlich gestiegen": Andreas Pott ist Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück © André Wagenzik / DLR PT

bmbf.de: Herr Pott, in den vergangenen Jahren sind zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland gekommen – damit hat das Interesse an Migrationsforschung stark zugenommen. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Andreas Pott: Die gesellschaftliche Nachfrage nach migrationsbezogenem Wissen ist geradezu explodiert. Aber auch durch die Forschungslandschaft ist ein deutlicher Ruck gegangen. Migrationsforschung war einmal etwas für Spezialisten, inzwischen ist sie ein zentrales Forschungsgebiet. Erst in den letzten Jahren ist vielen Beobachtern bewusst geworden, dass es sich bei Migration um einen Themenkomplex handelt, der die Zukunft der Gesellschaft, lokal wie global, ganz wesentlich mitbestimmen wird.

Sie meinen, wir wissen immer noch zu wenig?

Und ob. Wir müssen die Forschung zu Migration, Flüchtlingspolitik und Integration viel enger vernetzen. Noch immer wissen wir zu wenig über das Verhältnis von Mobilität und Immobilität, über die Wechselbeziehungen verschiedener Orte und Bewegungen, über den Zusammenhang von Gewalt und Migration, über die Bedeutung von Kategorien wie „Flucht“, „Islam“ oder „Migrationshintergrund“. Nur wenn wir hier weiterforschen, können wir Migration und ihre Folgen verstehen – und sie und den durch sie bedingten gesellschaftlichen Wandel bei uns möglichst auch gestalten.

Zu einer Migrationsgesellschaft gehört es auch, über Migration zu kommunizieren und zu reflektieren.

Prof. Dr. Andreas Pott

Ist diese Sichtweise neu?  

Ja. Wir verstehen und betreiben Migrationsforschung zunehmend als Gesellschaftsforschung, also als eine Wissenschaft, die nicht nur Debattenimpulse gibt, sondern Politik und Gesellschaft kritisch begleitet. Institutionell und mental wandelt sich Deutschland vom Nichteinwanderungsland zu einer Migrationsgesellschaft. Insofern schafft Migrationsforschung neue Möglichkeiten der Gesellschaftsanalyse. Das ist spannend und freilich ein großer Anspruch.

Gefördert vom BMBF

Andreas Pott ist Koordinator des vom Bundesforschungsministerium (BMBF) geförderten Verbundprojekts „Flucht. Forschung und Transfer. Flüchtlingsforschung in der Bundesrepublik Deutschland“. Mit diesem Projekt soll eine Übersicht über vorhandenes Wissen gewonnen und der Wissenstransfer unterstützt werden. Es ist Teil des Rahmenprogramms für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften des BMBF.

Können Sie ein Beispiel nennen, woran sich diese Entwicklung konkret zeigt?

Politik und Gesellschaft haben sie in der Vergangenheit oft missachtet, die Migrationsforschung aber hat schon lange auf sie hingewiesen: auf die Bedeutung der Fluchtursachen. Ich meine damit auch die enge Verwobenheit von Migration und Regionalentwicklung, also von globalem Norden und globalem Süden, von Hin- und Rückwanderung sowie von Ungleichverteilung und Mobilität von Wissen, Kapital, Waren und Menschen. Früher hat man das nicht so stark beachtet. Stattdessen hatte man vor allem die Zielregion im Blick, das Aufnahmeland – und damit verbunden vor allem die Frage, wie Migratinnen und Migranten in den nationalen Wohlfahrtsstaat integriert werden können. Diese typische Blickverengung der Politik hat die Forschung allzu oft wiederholt und verstärkt. Sich von ihr zu lösen und auch sie in Frage zu stellen, ist eine wichtige Weiterentwicklung. Auch der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft kann davon nur profitieren.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Ihre Erkenntnisse in der Praxis angewandt werden?

Der Transfer von Forschungsergebnissen ist ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Arbeit. Wir verfassen Dossiers und Informationsschriften für die Politik, veranstalten Parlamentarische Abende, führen fokussierte Workshops mit Wissenschaftlern und Praktikern durch und veröffentlichen Informationen und Forschungsergebnisse online für alle, die sich dafür interessieren. Unsere kontinuierlich aktualisierte Forschungslandkarte zur Flucht- und Flüchtlingsforschung in Deutschland findet gegenwärtig besonders großes Interesse.

Wir verstehen und betreiben Migrationsforschung zunehmend als Gesellschaftsforschung, also als eine Wissenschaft, die nicht nur Debattenimpulse gibt, sondern Politik und Gesellschaft kritisch begleitet.

Prof. Dr. Andreas Pott

Auf diesen Wissenstransfer legen Sie großen Wert?

Ja, denn nicht erst seit dem Beginn des Anstiegs der Zahl der Asylsuchenden in Deutschland ist die Nachfrage nach wissenschaftlicher Expertise in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit kontinuierlich gestiegen. Migration ist eines der großen Zukunftsthemen. Sie betrifft einzelne Menschen und Gruppen und beeinflusst lokale, regionale und globale Entwicklungen. Relevant ist der Transfer auch aus einem anderen Grund: Migrationsforschung ist immer auch Teil der Gesellschaft, die sie erforscht. Auch und gerade am Transfergeschehen kann man den Wandel der Gesellschaft hin zu einer Migrationsgesellschaft erforschen. Denn zu einer solchen Migrationsgesellschaft gehört es auch, über Migration zu kommunizieren und zu reflektieren.