"Wir müssen springen – alle gemeinsam"

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek spricht über Digitalisierung – und ihren Plan, das Grundgesetz zu ändern. Ein Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Jan Sternberg: Frau Karliczek, nur ein Prozent der Deutschen kennt sie bereits. Haben die anderen eine Bildungslücke?

Anja Karliczek: Ich möchte mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen. Wir Politiker müssen mehr erklären, warum wir etwas machen. Das habe ich als Abgeordnete getan und das ist mir auch als Ministerin wichtig.

Was ist für Sie das wichtigste Projekt?

Ganz vorne steht der Mensch inmitten der Digitalisierung. Die wirtschaftlichen Entwicklungen haben stets in langen Zyklen stattgefunden. In den Umbruchzeiten hat es bisher immer tiefe Krisen gegeben, mit vielen Arbeitslosen, aber auch mit neuen Arbeitsplätzen gerade in Deutschland. Wir stehen jetzt wieder vor so einer Umbruchzeit. Und um danach als Gewinner dazustehen, müssen wir uns jetzt bewegen, wir müssen springen – alle gemeinsam. Von einer Stufe auf die nächste. Wenn wir das schaffen wollen, müssen wir die Leute überzeugen.

Und wen müssen Sie auf die nächste Stufe schubsen? Eher die deutschen Unternehmen oder die Arbeitnehmer, insbesondere die Älteren?

Die Mischung von jung und alt ist wichtiger denn je. Die jungen „digital natives“ müssen zusammenkommen mit den Erfahrenen, die die Grundstrukturen der Arbeitswelt lange kennen und Leistungsträger sind. Wenn man sein Geschäftsmodell, auch als kleines Unternehmen, nicht immer wieder anpasst, ist man ganz schnell weg. Es gibt keine Nische, in der man die technische Entwicklung ausblenden kann.

Sie betonen gerne den Stellenwert der beruflichen Bildung. Stemmen Sie sich gegen den ständig wachsenden Drang an die Unis?

Nein, es geht nicht um ein Entweder-Oder. Wir müssen jeden Menschen fördern, möglichst weit zu kommen, denn nur so behält er eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Denn die monotonen, immer gleichen Tätigkeiten werden als erstes verschwinden. Dazu müssen wir die berufliche Bildung so attraktiv machen wie die akademische Bildung.

Wie soll das genau gehen?

Es muss mehr Durchlässigkeit und auch Aufstiegschancen geben. Und die Abschlüsse müssen vergleichbar sein.

Also eine Art Bachelor und Master von der Berufsschule?

Darüber müssen wir reden, wie wir insbesondere auch die Weiterbildung vernetzen und verbessern können. Wir sagen seit mehr als zehn Jahren: Lebenslange Weiterbildung ist wichtig. Aber die Weiterbildungen erfolgen ohne klaren Weg. Das muss geordneter an die Bedürfnisse der Unternehmen angepasst – und gleichzeitig aufgewertet werden.

Bildung für die digitale Gesellschaft beginnt viel früher. Wollen Sie in den Schulen den Fächerkanon aufbrechen und projektbasiert unterrichten?

Das klingt so, als wolle ich alles revolutionieren. Das will ich gar nicht. Aber der Unterricht wird sich verändern. Die Schule wird auch die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen. Das wird sich  entwickeln. Und damit verändert sich naturgemäß auch das Zusammenspiel der Fächer. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, wo Schulstrukturen mit der Brechstange zerschlagen wurden. Das will ich jedenfalls nicht.

Ist es denn möglich, als Bundesbildungsministerium neben oder über den ideologischen Grabenkämpfen der Schulpolitik zu stehen?

Das werde ich sehen, ob das möglich ist. Ich will den Ländern nicht die Verantwortung abnehmen. Ich schätze die Arbeit der Länder und für meinen Teil möchte ich zur Vernetzung und Unterstützung der Arbeit der Länder beitragen.

Aber Sie haben 5 Milliarden Euro zu verteilen. Was machen Sie damit?

Wir werden die Schulen dabei unterstützen, ihre Infrastruktur auf den digitalen Standard zu bringen, den heute bereits viele Unternehmen haben, damit sie im Schulalltag lernen, damit umzugehen.

Und dafür wollen Sie das Grundgesetz ändern. Wie weit sind Sie damit?

Wir wollen das bereits in einer der nächsten Kabinettssitzungen beschließen und damit die Grundgesetzänderung auf den Weg bringen. Der Artikel 104c muss geändert werden. Darin steht jetzt, dass der Bund finanzschwachen Gemeinden bei der Bildungsinfrastruktur helfen kann. Wir wollen das „finanzschwach“ streichen, damit wir überall investieren können.

Sie investieren also an den Ländern vorbei?

Der Digital-Pakt funktioniert nur mit den Ländern, denn es kommt ja auch auf die pädagogischen Konzepte zu der Technik an. Wir müssen in allen Schulen ein bisschen schneller werden und sicherstellen, dass das Geld direkt in der Bildungsinfrastruktur ankommt. Mit der Grundgesetzänderung können wir das schaffen. Wir wollen beim Springen auf die nächste technologische Entwicklungsstufe helfen, weil sie hohe Investitionen erfordert. Ich will ein gutes Miteinander mit den Ländern.

Die Fragen stellte Jan Sternberg vom RedaktionsNetzwerk Deutschland.