"Wir müssen technologisch unabhängig handlungsfähig sein"

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Michael Meister (MdB), anlässlich des 9. VDE/ZVEI-Symposiums Mikroelektronik am 06.11.2019 in Berlin.

Parlamentarischer Staatssekretär Michael Meister bei seiner Rede.
Parlamentarischer Staatssekretär Michael Meister bei seiner Rede. © BMBF/Rickel

Sehr geehrte Frau Professorin Koehler,

sehr Herr Dr. Kegel,
sehr geehrter Herr Ziesemer,
sehr geehrter Herr Professor Weber,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Mikroelektronik – das Gehirn der Künstlichen Intelligenz“: Der Titel dieses Symposiums ist ein treffendes Bild für ein Thema, das auch uns im Bundesforschungsministerium derzeit intensiv beschäftigt.

Wir wollen, dass KI-Algorithmen in der wirklichen Welt – in der Produktion, im Büro, in der Mobilität, im Alltag – zur Anwendung kommen. Zum Nutzen von uns allen. Das ist der Kern der KI-Strategie der Bundesregierung.

Für KI-Anwendungen brauchen wir nicht nur den Algorithmus als Denkanweisung, sondern eben auch das Gehirn, das ihn tatsächlich denkt.

Dieses elektronische Gehirn meine ich mit den „Chips für die KI der Zukunft“ – das ist der erste Teil des Titels meines Beitrags heute.

Der zweite Teil lautet: „Vertrauen made in Europe“. Dass wir Vertrauen in die KI, in KI-Chips und in deren Hersteller brauchen, ist ebenfalls einleuchtend. Wir wollen leistungsfähige, manipulationssichere, erklärbare KI- und Elektronik-Systeme, denen wir vertrauen können. Warum aber „Vertrauen made in Europe“? Dafür möchte ich etwas ausholen.

Die aktuellen Handelskonflikte werfen ein Schlaglicht auf die global verflochtenen Wertschöpfungsketten. Werden diese abrupt unterbrochen, kann das erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen haben.

Sie kennen sicher die aktuellen Beispiele im globalen Handelsstreit: Ein blockierter Marktzugang hat natürlich für das betroffene Unternehmen unmittelbare Folgen, aber auch für dessen Zulieferer und dessen Kunden.

Deswegen ist es nicht so, dass eine Seite dabei automatisch der Gewinner wäre. Nein: Unternehmen auf beiden Seiten leiden. Und damit alle, die dort arbeiten, die investiert haben oder die Produkte nutzen wollen.

Auch Deutschland ist intensiv in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. Deutschland ist dadurch vielen Abhängigkeiten ausgesetzt.

Das gilt gerade in der Elektronik. Und in besonderem Maße für höchstintegrierte Logik- und Speicherschaltkreise, wo wir – je nach Sichtweise – nur noch oder immerhin Spezialmaschinenbauer für die Produktion sind.

In anderen Gebieten der Elektronik sind wir in Deutschland und Europa trotzdem noch führend, auch wenn das der breiten Öffentlichkeit wenig bewusst ist. Nicht umsonst haben wir 200 bis 300 Hidden Champions in der Elektronik.

Für mich stechen auch Gebiete hervor wie die Leistungselektronik, die Sensorik, Sicherheits-Chips, Automobilelektronik. Aber auch in diesen Gebieten sind die Wertschöpfungsketten längst schon global, selbst wenn ein großer Teil der Wertschöpfung im Land und innerhalb der EU entsteht.

Wenn wir solchen Abhängigkeiten nicht ausgeliefert sein wollen, benötigen wir Technologie-Souveränität. Deswegen brauchen wir „Vertrauen made in Europe“.

Damit ist ausdrücklich nicht gemeint: Technologie-Autarkie oder gar Technologie-Nationalismus.

Wir wollen vielmehr technologische Weltoffenheit auf Grundlage unserer technologischen Stärken, unserer Attraktivität als High-Tech-Standort, unserer Attraktivität als Markt.

Dafür benötigen wir zum einen ausreichendes Know-How im Land, um anschlussfähig zu bleiben. Um verstehen zu können, was sich an der Weltspitze tut – selbst dann, wenn wir aus ökonomischen Gründen dort nicht mithalten können.

Know-How bedeutet: die richtige Ausstattung – die wir insbesondere in der Forschungsfabrik Mikroelektronik und den Forschungslaboren Mikroelektronik derzeit mit 400 Millionen Euro fördern.

Know-How bedeutet außerdem: die richtigen, gut ausgebildeten Köpfe, die in der Forschung arbeiten – ob in der Industrie oder der Wissenschaft. Diese Forschung fördern wir natürlich auch in vielen Vorhaben.

Um Ihnen eine Größenordnung zu geben: Das Rahmenprogramm Mikroelektronik läuft seit 2016, bisher haben wir mehr als 300 Millionen Euro für rund 700 Projekte bewilligt, an denen Sie vielfältig beteiligt sind.

Zum anderen benötigen wir eine vertrauenswürdige Produktionskette.

Das heißt: Prozesse und Standards, um vom Entwurf bis zur Herstellung von Elektronik-Komponenten und Elektronik-Systemen eine nachvollziehbare Vertrauenskette zu etablieren. Diese vertrauenswürdige Produktionskette sorgt für Weltoffenheit.

„Weltoffen“ und „Wir“ heißt, dass jede und jeder von Ihnen hier eingeschlossen ist, meine Damen und Herren; ganz gleich, wo die Konzernzentrale steht. Weltoffenheit braucht Vertrauen. Wenn das Vertrauen fehlt, ob aus berechtigten oder unberechtigten Bedenken, entstehen Handelskonflikte wie der eben genannte. Vertrauen ist unsere Lösung!

Damit schließt sich der Bogen: Für die KI-Chips der Zukunft brauchen wir „Vertrauen made in Europe“.

Wie gesagt: Auch bei der Künstlichen Intelligenz brauchen wir Vertrauen, sowohl in die Algorithmen als auch in die Hardware. Das Digitale ist schon allgegenwärtig, und die Künstliche Intelligenz wird es immer mehr.

Diesen Umbruch wollen wir über die KI-Strategie der Bundesregierung mitgestalten. Die Herausforderung dabei ist:

Digitaltechnologien und KI werden von Akteuren in Fernost bisweilen anders genutzt, als uns das nach unseren europäischen Werten und unserer Ethik vorschwebt.

Es geht uns um einen europäischen Weg, eine europäische Art der Digitalisierung. Die Bundeskanzlerin hat es kürzlich so ausgedrückt: „Die Digitalisierung im Geiste der sozialen Marktwirtschaft gestalten.“

Ich bin überzeugt davon, dass wir in Europa unsere Zukunft und unsere Art zu leben selbst gestalten wollen. Auch dafür benötigen wir Technologie-Souveränität, müssen also technologisch unabhängig handlungsfähig sein.

Unsere Technologische Souveränität treiben wir in Schlüsseltechnologien wie der Mikroelektronik gezielt voran: Grundlage sind exzellente Forschung und eine exzellente Forschungsinfrastruktur.

Dafür müssen wir außerdem – ich zitiere wieder die Bundeskanzlerin – „unsere europäischen Anstrengungen bündeln“. Denn es ist klar: Deutschland für sich alleine könnte nicht alles leisten. Europa ist nur als Ganzes wettbewerbsfähig.

Wir erleben gerade eine Renaissance der Elektronik in Europa – oder zeitgemäßer: Wir verpassen der Elektronik-Produktion in Europa ein Upgrade und booten neu. Durch kohärentes Handeln von Industrie, Mitgliedstaaten und Kommission entstehen neue Elektronik-Fabriken, auch hier in Deutschland!

Wesentlich dafür ist natürlich die Innovations- und Investitionsbereitschaft von Ihnen, der Industrie. Die Bundesregierung unterstützt Sie nach Kräften, konkret mit dem Mikroelektronik-Rahmenprogramm von 2016. Darin haben wir gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium erstmals die Forschungs- und Investitionsförderung kombiniert.

Wir stärken die Elektronik in den Jahren 2016 bis 2020 mit insgesamt 1,8 Milliarden Euro. Das BMBF stellt 800 Millionen Euro für Verbundforschung, für modernste Geräte und für neue Strukturen bereit. Aus dieser Forschung heraus kann neue Produktion entstehen.

Und das Bundeswirtschaftsministerium fördert Investitionen in neue Mikroelektronikproduktion mit bis zu einer Milliarde Euro, im sogenannten „wichtigen Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse“, dem Mikrolektronik-IPCEI [sprich: ipp-say].

Auch hier gilt: Das ist kein rein deutscher Erfolg. Das IPCEI wurde möglich, weil wir in Europa an einem Strang ziehen. Wir investieren gemeinsam mit Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich.

Die EU-Kommission war als Hüterin des Wettbewerbs im Binnenmarkt und in der WTO zu überzeugen, dass dieser Wettbewerb nicht verzerrt wird. Die Kommission hat außerdem mit ihrer Elektronik-Strategie von 2013 einen wichtigen Impuls dafür gegeben, dass die Idee für ein IPCEI ernsthaft verfolgt wurde.

Sie stand dabei auf den Schultern von Riesen: Eine beachtliche Reihe an europäischen Forschungsverbünden in der Mikroelektronik hatte über mehrere Jahrzehnte dafür gesorgt, dass sich Forscher aus Wirtschaft und Wissenschaft eng vernetzt haben. Nur dadurch konnten wir zu diesem kohärenten Handeln im IPCEI finden.

Wenn ich „Wirtschaft und Wissenschaft“ sage, dann meine ich konkret Ihre Unternehmen und Einrichtungen. Deswegen ist dies ist vor allem Ihr Erfolg, meine sehr verehrten Damen und Herren! Sie sind wortwörtlich ein gutes Vorbild, denn auch andere strategische Wertschöpfungsketten sollen jetzt über IPCEIs gefördert werden.

Die neuen Chipfabriken wollten und wollen wir nicht nur für wirtschaftliche Kennzahlen, für größere Weltmarktanteile oder ein größeres Bruttoinlandsprodukt. Nein, eigene Produktionskapazität ist ein Beitrag zur Technologie-Souveränität! Wir halten das Know-How im Land und lassen es wachsen. Und wir werden und bleiben damit attraktiv für hochqualifizierte Fachkräfte und Forschende. Das erweitert unsere Handlungsmöglichkeiten in der Digitalisierung. Das ermöglicht es uns, den „European way“ beizubehalten.

Trotz aller Erfolge bleiben wir aber nicht stehen – ich denke, auch Sie haben das nicht vor. Die Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch, und sie bietet große Chancen.

Damit meine ich nicht nur neue Anwendungen der KI, sondern auch neue Chancen im globalen Wettbewerb: Neue Technologien eröffnen immer auch die Gelegenheit, mit anderen Mitteln an den derzeitigen Marktführern vorbeizuziehen.

Im Moment sieht es so aus, dass die beiden großen Kontrahenten immer tiefer in den Handelskrieg schlittern; „Abschottung!“ lautet die Losung. Abschottung ist aber, wie gesagt, keine Lösung für Deutschland und Europa.

Wir wollen, wir müssen offen und vernetzt in und mit der Welt bleiben, wir sind auf Kooperation angewiesen – in der Forschung wie in der Produktion. Dafür brauchen wir Lieferketten und Produktionsprozesse, denen wir vertrauen können und denen der Rest der Welt ebenso vertrauen kann. Diese Vertrauenswürdigkeit ist die Voraussetzung für Offenheit – und Vertrauenswürdigkeit ermöglicht Offenheit nach Ost und West!

Wir fördern deshalb die Vertrauenswürdige Elektronik in der gleichnamigen Leitinitiative der BMBF-Digitalstrategie. Wir brauchen vertrauenswürdige Chips für mobile Geräte, für das Edge-Computing, für vernetzte Datenzentren – insbesondere für KI-Anwendungen. Sie, die Community, waren bereits aufgerufen, sich in die Ausgestaltung dieser Initiative einzubringen.

Wir haben jetzt die ersten Vorhaben ausgewählt, darunter ein sehr strategisch angelegtes zum vertrauenswürdigen Edge-Computing. Projektleiter ist Herr Professor Ecker, der heute Abend hier auf dem Podium sitzen wird.

Vertrauenswürdigkeit werden wir aber nicht nur als Schwerpunkt von einzelnen Förderbekanntmachungen fördern, sondern als Querschnittsthema.

Und auch über diese Initiative hinaus gehen wir im BMBF den eingeschlagenen Weg konsequent weiter, die Elektronik zu unterstützen. Wir arbeiten jetzt an einem neuen Rahmenprogramm Mikroelektronik ab 2021. Wieder gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium. Vertrauenswürdige Elektronik wird auch dort ein Schwerpunkt sein.

Darüber hinaus müssen wir auch sicherstellen, dass wir die Digitalisierung nachhaltig gestalten, zum Beispiel mit besonders energieeffizienter Elektronik. Das wird ein zweiter Schwerpunkt im neuen Programm sein. Denn die Elektronik trägt zum Gelingen der Mobilitäts- und Energiewende bei. Mit Recht hat die Bekanntgabe der neuen Siliziumcarbid-Produktion bei Bosch im Oktober eine große Medienresonanz erfahren – durchaus mit Forschungsunterstützung durch das BMBF. Entsprechend ist Elektronik für Energie-Effizienz auch Teil des Klimaschutzprogrammes 2030.

Im neuen EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizont Europa“ setzen wir uns für eine neue Mikroelektronik-Initiative ein: „Key Digital Technologies“. Ebenso für eine Europäische Prozessorinitiative, die die Synergien zum Höchstleistungsrechnen nutzt.

Meine Damen und Herren, Deutschland und Europa brauchen anhaltende Investitionen in Forschung und Produktion gerade für eine vertrauenswürdige Elektronik im KI-Zeitalter. Für unseren „European way of life“, für unseren „European way of Artificial Intelligence“.

Diese neuen Technologien bieten eine Chance. Hierfür braucht es vor allem eines: Mut zur Tat! Helfen Sie der Gesellschaft, diese Chance zu ergreifen! Die Bundesregierung steht hierbei auch künftig fest an Ihrer Seite.