"Wir müssen Theorie und Praxis neu verzahnen"

Die Fachhochschulen in Deutschland werden in diesem Jahr 50 Jahre alt. „Eine gute Bildung ist das Beste, was die Gesellschaft dem Einzelnen anbieten kann“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek bei einer Tagung in Lübeck.

Bundesministerin Anja Karliczek spricht auf der Festveranstaltung zu 50 Jahre Hochschulen für angewandte Wissenschaften. © Olaf Malzahn

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek (MdB), anlässlich der Bad Wiesseer Tagung "50 Jahre Fachhochschulen" am 13. Juni 2019 in Lübeck.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

sehr geehrter Herr Professor Khakzar,

sehr geehrte Frau Ministerin,

sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete des Deutschen Bundestages und der Landtage,

sehr geehrte Damen und Herren!

Wir leben in bewegten Zeiten. Nichts ist mehr selbstverständlich. Ein Blick auf die Welt, auf Europa, aber auch auf Deutschland lässt uns erahnen, dass wir gerade an einem Punkt ankommen, der bestimmt im Geschichtsunterricht unserer Ur-Enkel ein besonderes Augenmerk erfährt.

Denn objektiv gesehen ging es uns noch nie so gut wie heute. Weltweit haben Hunger und Armut sich halbiert, in Europa haben wir nach der Finanzkrise und der Euro-Schulden-Krise gerade eine Phase erlebt, in der wirtschaftlich vieles gut gelaufen ist.

Allein mit Blick auf Deutschland können wir feststellen: Wir haben noch nie so viele Menschen in Arbeit gehabt. Die durchschnittlichen Einkommen steigen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist gering. Immer mehr junge Menschen erreichen immer bessere Bildungsabschlüsse.

Allein durch den Hochschulpakt haben wir in den letzten Jahren 900.000 neue Studienplätze zur Verfügung gestellt. Eigentlich müssten wir alle sehr zuversichtlich in die Zukunft schauen. Das ist aber nicht der Fall. Denn die Menschen fühlen, dass nichts so bleibt wie es ist.

Dabei erfährt es jeder Einzelne auf seine eigene Art und Weise. Und das macht es so schwierig, die eine Lösung zu finden, den einen Weg zu beschreiten, der den Menschen ihre Sicherheit zurückgibt. Gerade auch unsere Arbeitswelt ist mittlerweile sehr ausdifferenziert.

Es gibt eine unendliche Vielzahl von Berufen. Häufig genug kann selbst ein Ehepartner nicht mehr genau erklären, was der andere Partner macht. Das ist eine Herausforderung auch für unser Bildungssystem. Denn wie bilden wir unsere jungen Menschen richtig aus, damit sie Fuß fassen können in der Arbeitswelt?

Wie geben wir Ihnen genügend theoretisches aber auch praktisches Know-How mit auf den Weg? Je schneller sich Anforderungen ändern, umso schneller müssen wir auch darauf im Bildungssystem reagieren können. Die Zeiten, dass wir den jungen Menschen eine Standardausbildung mitgeben, die sie dann 40 Jahre auf Kurs hält, sind ein für alle Mal vorbei.

Die nächsten Jahre werden davon geprägt sein, dass Aus- und Weiterbildung zu unserem Alltag selbstverständlich dazugehört. Wir müssen junge (aber auch ältere) Menschen in die Lage versetzen, sich immer wieder neu orientieren zu können.

Die Kompetenz, altes Wissen immer wieder in einem neuen Umfeld mit neuem Wissen und Können zu vereinen, ist von unschlagbarem Wert. Kurz gesagt: Wir müssen Theorie und Praxis neu verzahnen - gerade auch dort, wo Menschen sehr gut ausgebildet sind.

In diesen Zeiten ist es gut, dass es die Fachhochschulen gibt. Sonst müssten wir sie jetzt erfinden. Denn eins ist klar: Wir brauchen regionale Strukturen, branchenspezifische Angebote, Professorinnen und Professoren, die praktische und theoretische Erfahrungen in sich vereinen und so unsere jungen Menschen mitnehmen.

Mitnehmen auf eine Reise in eine Zukunft, die geprägt ist von ständiger Veränderung durch technologische aber auch globale Entwicklungen. Die Digitalisierung beherrscht gerade viele Diskussionen. Dabei ist die Frage nicht mehr, ob sie kommt oder ob wir sie brauchen.

Die aktuelle Frage ist einfach nur, wie gehen wir mit den daraus resultierenden Veränderungen um. Und dann sind wir immer ganz schnell beim Thema Bildung. Denn nur über eine passgenaue Bildung sind wir in der Lage, die Menschen für die neue Welt vorzubereiten.

Und für passgenaue Bildung haben wir in Deutschland unter anderem die Fachhochschulen. Gerade in einer Zeit, die so stark vom Wandel geprägt ist, wie die unserige, ist ein stark aufgestelltes vielfältiges Bildungssystem eine Basisinfrastruktur.

Deshalb ist es wichtig, unsere Bildungswege zukunftsfest zu machen. Heute vor einer Woche haben unsere Bundeskanzlerin und alle Ministerpräsidenten die drei Wissenschaftspakte signiert. Vorausgegangen ist eine intensive Diskussion - um Notwendigkeiten, um Zuständigkeiten, um Geld.

Am Ende haben wir drei Pakte geschnürt, die sich nicht nur sehen lassen können, sondern die eine historische Dimension haben. Wir stecken in den nächsten zehn Jahren 160 Milliarden Euro in unsere Hochschulen und unsere außeruniversitäre Forschung. Das ist ungefähr ein halber Bundeshaushalt.

Nie zuvor haben Bund und Länder der Wissenschafts- und Forschungslandschaft in Deutschland eine so langfristige und finanziell so verlässliche Perspektive geboten. Wir schaffen Möglichkeiten für gute Arbeitsbedingungen wie nie zuvor. Wir fördern und fordern Qualität und Innovation in der Lehre.

Wir geben langfristige Planungssicherheit. Denn gute Lehre und exzellente Forschung sind uns wichtig. Wir stehen im globalen Wettbewerb. Wirtschaftlich müssen wir uns zwischen China und den USA behaupten.

Unser Wohlstand hängt an unserer Innovationskraft, an unserer Kraft, auch zukünftig im weltweiten Wettbewerb die Nase vorn zu haben. Deshalb war es mir wichtig, frühzeitig die Weichen für die Fortsetzung des Hochschulpaktes zu stellen, von dem ja auch die Fachhochschulen profitieren.

Gerade die Fachhochschulen können entscheidend dazu beitragen, dass wir auch zukünftig gut aufgestellt sind. Es sind drei Faktoren, die Fachhochschulen besonders machen:

  • Fachhochschulen bilden sehr gut qualifizierte Fachkräfte aus. Denn die Fachhochschulen orientieren sich praxisnah am unternehmerischen Bedarf.
  • Fachhochschulen bringen praktische Fragen aus Wirtschaft und Gesellschaft mit der Wissenschaft zusammen.
  • Fachhochschulen sind Innovationsmotor für ganze Regionen.

Dieser praxisnahe, individuelle und hochwertige Bildungsweg macht den kleinen, aber feinen Unterschied. China zeigt übrigens reges Interesse an dieser Form der Ausbildung junger Menschen. Nicht ohne Grund, wenn Sie mich fragen.

Deswegen bin ich auch sehr froh, dass wir uns schon im letzten Herbst entschieden haben, die Programme zur Forschung an Fachhochschulen und zur Gewinnung weiterer Professorinnen und Professoren zu verlängern bzw. auf den Weg zu bringen.

Denn gute Professoren garantieren gute Lehre. Sie vereinen Praxisbezug und Wissenschaftlichkeit an den Fachhochschulen. Wir möchten Fachhochschulen dabei unterstützen, Professoren zu gewinnen. Dazu haben Bund und Länder eine Bund-Länder-Vereinbarung beschlossen.

Wir stellen über 430 Millionen Euro zur Verfügung. Gute Bildung ist immer auch soziale Interaktion. Deswegen ist es wichtig, dass genügend personelle Kapazitäten vorhanden sind. Damit wir unseren jungen Menschen wirklich gute Voraussetzungen beim Start in den Beruf bieten können.

Auch eine eigene Forschung gehört für viele Fachhochschulprofessoren längst zu ihrem beruflichen Selbstverständnis. Damit legen sie die Grundlage dafür, dass aus neuen Ideen innovative Produkte und Dienstleistungen werden.

Ich weiß, dass Sie mit der Verlängerung unseres Programms zur Forschung an Fachhochschulen nicht ganz zufrieden waren. Sie hätten sich mehr vorstellen können. Ich auch. Aber ich denke auch, dass es wichtig ist, jetzt das, was wir auf den Weg gebracht haben, gut zu nutzen. Und damit schließt sich der Kreis.

Denn innovative Ideen und Unterstützung für unsere mittelständisch geprägte Wirtschaft sind in den nächsten Jahren von existenzieller Bedeutung für unsere Gesellschaft.

Was macht unsere Gesellschaft aus?

1. gemeinsame Regeln.

Seit 70 Jahren ist die Basis unseres Zusammenlebens unser Grundgesetz. Auch unser Grundgesetz feiert in diesem Jahr Jubiläum. Seit 70 Jahren sind die Würde jedes Einzelnen, die Freiheit jedes Einzelnen, die Freiheit der Wissenschaft, die Freiheit der Presse, eine unabhängige Rechtssprechung und unser demokratisches Miteinander unumstößlich.

2. unser Wirtschaftssystem

Die Stärke unseres Wirtschaftens sind unsere vielfältige Unternehmenslandschaft, von kleinen und mittelständischen Unternehmen in familiärer Verantwortung bis hin zu Konzernen, die von Aktionären getragen werden.

3. unser Bildungssystem

Auch die Stärke unseres Bildungssystems ist Vielfältigkeit. Wir bieten jedem jungen Menschen mehrere Möglichkeiten, seinen Weg zu gehen. Vielfalt und individuelle Möglichkeiten - wohin wir auch schauen.

Das ist Deutschland. Das ist unsere Kraft und Stärke. Das ist aber auch gerade alles auf dem Prüfstand. Wir stehen aktuell davor, beweisen zu müssen, dass unser Gesellschaftssystem, unsere Vielfalt im Wettbewerb mithalten kann.

Aktuell stehen wir an der Schwelle, beweisen zu müssen, dass Freiheit, Individualität und eine wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft keine Gegensätze sind. Wir brauchen jetzt die Kraft jedes Einzelnen. Wir brauchen das Engagement jedes Einzelnen. Dort wo er, respektive sie arbeitet, lebt und liebt.

Wir müssen kämpfen. Wir müssen bereit sein, uns zu verändern. Wir müssen bereit sein, den Wandel anzunehmen und zu gestalten. Ob wir es schaffen und ob wir es gut schaffen, dass ist zu einem großen Teil auch eine Frage der Bildung. Jeder muss immer wieder die Chance haben, sich theoretische und praktische Kenntnisse neu anzueignen.

Wir haben gestern die Nationale Weiterbildungsstrategie auf den Weg gebracht. Wir wollen über eine Weiterbildungsplattform überschaubar das vielfältig vorhandene und sich neu entwickelnde Angebot für Weiterbildung sichtbar machen.

Auch hier gilt, dass eine kluge Verzahnung von Theorie und Praxis das Gebot der Stunde ist. Eine gute Bildung ist das beste, was die Gesellschaft dem Einzelnen anbieten kann. Für ein selbstbestimmtes Leben in einer sich wandelnden Welt.

Lassen Sie uns heute feiern. Schon vor 50 Jahren war unseren Vorfahren bewusst, dass wir Fachhochschulen brauchen. Das versetzt uns heute in die komfortable Lage, dass wir mit Ihnen nur noch daran arbeiten müssen, dass etwas Gutes immer wieder etwas besser gemacht wird.

Lassen Sie uns immer wieder darüber reden, wie wir miteinander die Zukunft gestalten können. Lassen Sie uns immer wieder im engen Austausch bleiben. Denn nur miteinander sind wir stark. Miteinander können wir den vor uns liegenden Weg gut bewältigen.

Wenn ich Sie an meiner Seite weiß, ist mir nicht bang. Sie sind ein Schatz in unserem Bildungssystem. Sie sind ein Schatz für unsere jungen Menschen. Sie sind ein wichtiger Teil der Bildungsrepublik Deutschland.

Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag!

Bleiben Sie offen für die Herausforderungen der Gesellschaft und der Region, in der Sie verwurzelt sind. Und schauen Sie auch über den Tellerrand hinaus – nach Europa oder in das außereuropäische Ausland. Wir werden Sie, wie bisher, tatkräftig unterstützen! Ich bin überzeugt: Das Beste wird noch kommen - die letzten 50 Jahre waren erst der Anfang!