"Wir nehmen die Ängste der Menschen sehr ernst"

Bundesministerin Johanna Wanka über die Hannover Messe, die Chancen der Industrie 4.0 und darüber, wie das Wissenschaftsjahr "Digitale Gesellschaft" zum Dialog mit den Bürgern beiträgt. Ein Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Neue Osnabrücker Zeitung: Frau Wanka, in der Fabrik von morgen reden Maschinen mit Maschinen – automatische Produktionsprozesse sind ab Montag auch Thema bei der Hannover Messe. Was tun Sie, um Firmen wettbewerbsfähig zu machen?

Johanna Wanka: In der sogenannten Industrie 4.0 stecken große Chancen, und wir werden auf der Hannover Messe für Deutschlands Stärken auf diesem Sektor werben. Unsere Top-Position wollen wir noch ausbauen. Deshalb konzentrieren wir uns mithilfe zweier Forschungszentren darauf, vor allem Mittelständlern die Scheu vor Big Data, also der Nutzung riesiger Datenmengen, zu nehmen. Das Forschungsministerium versteht sich hier als Impulsgeber für Unternehmer. Denn Big Data eröffnet völlig neue Geschäftsmodelle und schafft neue Jobs.

Neue Osnabrücker Zeitung: Dieses System ist verwundbar: Wie steht es um die Absicherung gegen Sabotage oder Spionage?

Johanna Wanka: Wir haben in den letzten Jahren drei Forschungszentren für IT-Sicherheit eingerichtet, in Darmstadt, Karlsruhe und Saarbrücken. Die Bundesregierung wird ein großes Programm zur Selbstbestimmung und Sicherheit im digitalen Zeitalter starten. Es muss sein wie bei der eigenen Wohnung: Die möchten wir mit einer festen Tür verschließen und nicht bloß mit einem Vorhang.

Neue Osnabrücker Zeitung: Hat der normale Facharbeiter bei Industrie 4.0 ausgedient?

Johanna Wanka: Nein. Wir brauchen bestens ausgebildete Facharbeiter als Basis, damit das Projekt Industrie 4.0 gelingt. Deutschland ist im Maschinenbau Weltklasse. In den hier tätigen mittelständischen Unternehmen arbeiten erfahrene Ingenieure. Zentrale Aufgabe muss es jetzt sein, deren Kompetenzvorsprung weiter zu fördern und die Verknüpfung mit dem Internet zu schaffen. Der Wille ist da: Jeder zweite Bundesbürger im erwerbsfähigen Alter bildet sich weiter, Tendenz steigend. Dieses Rekordniveau beruht vor allem auf der Zunahme betrieblicher Weiterbildung, der 69 Prozent aller Aktivitäten zuzurechnen sind.

Neue Osnabrücker Zeitung: Wie stark ist die Angst vor der digitalen Gesellschaft?

Johanna Wanka: Die Hinweise auf Ausspähungen haben der Skepsis noch einmal kräftig Schub gegeben. Deshalb stehen in unserem aktuellen Wissenschaftsjahr „Digitale Gesellschaft“ Aufklärung und Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern im Mittelpunkt. Dabei nehmen wir die Sorgen der Menschen sehr ernst. Nach einer aktuellen Allensbach-Umfrage schauen 39 Prozent der Befragten mit Ängsten auf das Internet und digitale Technologien, nur 20 Prozent setzen Hoffnungen darauf. Damit werde ich mich nicht abfinden.

Neue Osnabrücker Zeitung: Was ist zu tun?

Johanna Wanka: Mithilfe von Forschung Antworten auf die berechtigten Fragen anbieten – und dabei Risiken wie Datenklau oder Cybermobbing energisch bekämpfen. Angesichts der riesigen Chancen für Wissenschaft und Wirtschaft ist es fatal, dass 43 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer negative Erwartungen mit Big Data verknüpfen. Die Hälfte der besser Ausgebildeten unter 30 erwartet für sich persönlich mehr Vorteile durch die Digitalisierung. Auch da ist noch Luft nach oben.

Neue Osnabrücker Zeitung: Was unternehmen Sie, um Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas zu mindern?

Johanna Wanka: Seit 2006 hat die Bundesregierung fast vier Milliarden Euro in Energieforschung investiert. In Deutschland gibt es 180 Hochschulen und 120 Institutionen, die Energieforschung betreiben. Um die Arbeit zu koordinieren, haben wir im letzten Jahr eine Plattform geschaffen, die Ende 2014 eine Agenda für die Energieforschung vorlegen wird. Zum Stichwort Gas: Von diesem Herbst an investieren wir zwei Millionen Euro in ein Projekt, bei dem es um Werkstoffe geht. Damit lässt sich beispielsweise der Wirkungsgrad von Gasturbinen steigern und damit der Verbrauch verringern.

Neue Osnabrücker Zeitung: Hat Fracking Zukunft?

Johanna Wanka: Zur Schiefergasgewinnung gibt es derzeit noch viele offene Umwelt- und ungeklärte Rechtsfragen. Diese will die Koalition erst klären, dann sehen wir weiter.

Neue Osnabrücker Zeitung: Themenwechsel: Die Zahl der 2013 abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist um fast vier Prozent auf 530 700 Verträge gesunken. Was kann die Bundesbildungsministerin tun?

Johanna Wanka: Fest steht: Wir haben mehr als 33000 offene Ausbildungsplätze und müssen uns immens anstrengen, sie zu besetzen. Sehr gute Erfahrungen haben wir mit dem Programm „Bildungsketten“ gemacht. Experten reden mit Schülern der siebten und achten Klassen, vor allem auch Kindern von Migranten – über ihre Wünsche, ihre Stärken und auch Schwächen. Gemeinsam werden dann Ideen entwickelt, welcher Beruf passt. Dann gibt es die Möglichkeit hineinzuschnuppern oder Begleiter für den Berufseinstieg zu bekommen. Immer wieder machen wir jungen Menschen klar, wie wichtig Ausbildung ist. Selbst in der derzeitigen Hochkonjunktur liegt die Arbeitslosenquote bei den Menschen ohne Berufsabschluss bei fast 20 Prozent.

Neue Osnabrücker Zeitung: Zum Schluss: Niedersachsen kehrt zum Abitur nach neun Jahren zurück, andere Länder folgen. Der richtige Weg?

Johanna Wanka: Das ist die Entscheidung jedes einzelnen Landes, da habe ich nicht reinzureden. Mir ist wichtig: Es dürfen nicht neue Hürden aufgebaut werden, die Schülern, Eltern und Lehrern den Umzug von einem Land ins andere schwerer machen.