"Wir setzen auf die Innovationskraft der Forschung"

"Wissenschaft nimmt der Politik die Entscheidungen nicht ab", schreibt Forschungsministerin Anja Karliczek in der WELT. "Aber ohne die Forschung wäre es viel schwieriger, die Folgen von Handeln und von Nichthandeln abzuschätzen."

"Wir sind froh, eine so gut aufgestellte Wissenschaft zu haben. Wir sind froh über jede evidenzbasierte Erkenntnis, die uns hilft, die Pandemie einzudämmen", schreibt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek in der WELT. © BMBF/Laurence Chaperon

Der Gastbeitrag ist am 09. April 2020 in der "WELT" erschienen.

Während ich diese Gedanken zu Papier bringe, ist noch Fastenzeit. Im christlichen Verständnis ist das eine bewusste Zeit der Entbehrung. Viele verzichten aus freien Stücken auf bestimmte Dinge, um wieder zu dem zu finden, was wirklich wichtig für sie ist.

Die Corona-Krise zwingt uns nun alle zum Verzicht. Ein Verzicht, den wir nicht für uns üben, sondern für die ganze Gesellschaft. Wir bleiben zu Hause nicht nur, um uns selbst nicht anzustecken, sondern um die Gesundheit des Nächsten zu schützen. Alte Menschen und Vorerkrankte, für die das Coronavirus direkte Lebensgefahr bedeutet.

Wir spüren wieder, wie verletzlich wir sind

Seit Wochen sehen wir die dramatischen Nachrichten von unseren europäischen Freunden und überall auf der Welt. Wir lesen von Zehntausenden Infizierten, von Tausenden Toten. In Europa müssen Ärzte entscheiden, wen sie beatmen und wen nicht. Wir spüren wieder, wie verletzlich wir sind, wie wertvoll das Leben.

Die Politik tut alles dafür, dass unser Gesundheitssystem zu jeder Zeit alles Erdenkliche tun kann, um Leben zu retten und Gesundheit wiederherzustellen. Dazu sind drastische Einschnitte in persönliche Freiheiten notwendig. Das öffentliche Leben steht still, die Kinder sind zu Hause, die meisten Geschäfte sind geschlossen.

Wer kann, arbeitet von zu Hause. Unsere Volkswirtschaft steht vor einer riesigen Belastungsprobe. Das klingt abstrakt. Aber für viele einzelne Menschen bedeutet das ganz konkret Angst um ihre Existenz: Selbstständige, die keine Aufträge und damit kein Einkommen mehr haben. Arbeitnehmer, die ihren Job verlieren. Eigentümer kleiner Geschäfte oder Restaurants, die nichts mehr verkaufen dürfen.

Eine existenzielle Krise, in der es um Leben und Tod geht, bringt auch unsere Gesellschaft zu Fragen nach dem Sinn, nach dem wirklich Wichtigen im Leben. Was ist wichtig, um Leben zu retten? Um ein Land, um einen Staat am Laufen zu halten? Welche Berufsgruppen sind unerlässlich? Systemrelevanz hat jetzt einen anderen Klang.

Wissenschaft nimmt der Politik die Entscheidungen nicht ab

Das kennen wir alles nicht. Damit haben wir keine Erfahrungen. Das müssen wir lernen. Im Schnelldurchgang. Wir lernen einmal mehr, wie lebensnotwendig die Arbeit von Schwestern, Pflegern, Ärztinnen und Ärzten ist. Wir lernen die Arbeit von Verkäuferinnen und Verkäufern im Supermarkt neu schätzen. Auch die von Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern, wenn die Kinder den ganzen Tag zu Hause sind und uns Löcher in den Bauch fragen.

Und wir erfahren wieder unmittelbar: Wir sind froh, eine so gut aufgestellte Wissenschaft zu haben. Wir sind froh über jede evidenzbasierte Erkenntnis, die uns hilft, die Pandemie einzudämmen. Mit diesen Erkenntnissen als Basis treffen wir die politisch notwendigen Entscheidungen. Wichtig ist mir zu betonen: Wissenschaft nimmt der Politik die Entscheidungen nicht ab. Die Verantwortung bleibt bei den Regierenden in Bund, Ländern und Kommunen. Aber ohne die Wissenschaft wäre es viel schwieriger, die Folgen von Handeln und von Nichthandeln abzuschätzen. Wir setzen auf die Innovationskraft der Forschung.

Dass sie wirksame Medikamente entwickelt, dass sie Erfolg versprechende Therapiemöglichkeiten entdeckt, dass sie einen Impfstoff findet. Deutsche Tüftlerinnen und Tüftler produzieren medizinische Ersatzteile aus dem 3-D-Drucker, um der Knappheit von Beatmungsgeräten zu entgegnen. Wir erleben einen Innovations- und Digitalisierungsschub. Auch im Alltag. Neuerdings arbeiten Menschen im Homeoffice, die bisher dachten, das sei bei ihrem Beruf unmöglich.

Ich zähle mich durchaus dazu. Neun Tage habe ich in häuslicher Quarantäne gearbeitet, und das ging viel besser als erwartet. Digitaler Unterricht wird in Hunderten Schulen einfach ausprobiert. Manch ein älterer Mensch überwindet sich und lernt, mit den Enkeln zu skypen. Wir beweisen uns gerade selbst, wie innovationsfähig jede und jeder Einzelne ist.

Der Wert der kleinen Gesten

Noch etwas erleben wir: den Wert von kleinen Gesten. Das Lächeln, das uns ein Entgegenkommender schenkt, während er einen weiten Bogen um uns schlägt; die Frage der Nachbarin, ob sie Einkäufe mitbringen kann; der Anruf von alten Freunden, die hören möchten, wie es einem geht. Der Mensch ist ein soziales Wesen, und weil soziale Distanz das Gebot der Stunde ist, schaffen wir andere Möglichkeiten für soziale Nähe, für Menschlichkeit.

Wir in der Bundesregierung tun alles, damit wir möglichst gut durch die Corona-Krise kommen. Und was kommt danach? Wird dann alles wieder wie vorher? Oder wird unser Land ein anderes sein? Ich kann mir vorstellen, dass nach der Krise der Alltag schnell einkehrt, wir wieder von einem Termin zum nächsten hetzen und nicht mehr „Happy Birthday“ singen werden beim Händewaschen. Doch ich hoffe auch, dass wir uns Gutes aus dieser Zeit bewahren: das Bewusstsein, dass das Verhalten eines jeden entscheidend ist, dass wir aufeinander angewiesen sind und Verantwortung füreinander tragen.

Ostern ist diesmal stärker ein Fest der Innerlichkeit. Die Osterbotschaft schenkt Hoffnung. Es geht weiter. Das Leben beginnt immer wieder neu.