„Wir sind das Land“

Im Nordosten Deutschlands gestalten Menschen Gesellschaft. Sie führen grüne digitale Unternehmen, Jugendparlamente oder steuern E-Busse fürs Verkehrsnetz, ermöglicht vom Bundesforschungsministerium. Drei Beispiele, zum 30. Jubiläum des Mauerfalls.

Landleben, selbstbewusst: Impression aus Mecklenburg-Vorpommern, wo engagierte Menschenwie andernorts im Nordosten zukunftsfähige Dörfer und Städte schaffen.
Landleben, selbstbewusst: Impression aus Mecklenburg-Vorpommern, wo engagierte Menschen wie andernorts im Nordosten zukunftsfähige Dörfer und Städte schaffen. © Katharina Fial

Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, Mecklenburg-Vorpommern. Die mobilen Eingesessenen.

Bernd Kleist fährt als „Meck-Schweizer“ übers Mecklenburger Land. Zweimal täglich liefert er Obst, Gemüse, Eier, auch Kerzen oder Seife an Läden und Restaurants. Mit dem Elektrobus, gespeist aus den Solaranlagen seiner Genossenschaft. Für die Akkus hat er ein eigenes Ladesystem ausgetüftelt. 30 Minuten Mittagspause genügen zum Auftanken. „Ich halte es wie die Cowboys im Wilden Westen“, sagt er, steckt den Stecker des Busses in die Elektrosäule und geht dann zum Essen in den Hofladen in Gessin, „erst wird das Pferd versorgt, dann der Mensch.“

Gründete die grüne Genossenschaft der 'Meck-Schweizer', die regionale Produkte im Nordenvermarktet: Bernd Kleist.
Gründete die grüne Genossenschaft der "Meck-Schweizer", die regionale Produkte im Norden vermarktet: Bernd Kleist. © Katharina Fial

Die „Meck-Schweizer“ vermarkten und liefern aus der Region in die Region, online bestellbar. Der Verbund der Unternehmen wächst, auch Privatpersonen können bald digital ordern. Möglicherweise ist die Genossenschaft damit eines der Modelle, die Nachhaltigkeitsforscher Peter Adolphi „sozialstrukturgebend“ nennt. Sie schafft Jobs, Identität, klimaneutrale Zukunft im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Auf dem flachen Land, wo gerade einmal 47 Menschen pro Quadratkilometer leben, Alteingesessene gemeinsam mit großstadtmüden Zugezogenen. Viel naturgeschützte Landschaft, weite Wege zu den Nachbarn.

„Hört auf uns zu vermessen“, hat einer von ihnen zu Peter Adolphi von der Akademie für Nachhaltige Entwicklung gesagt, „helft uns mit Eurem Know-how“. So wandelten sich die Rollen: Aus Forschungsobjekten wurden Subjekte; aus Wissensträgern Wissensvermittler. Eine kleine, stille Revolution, gebündelt in einem Forschungsprojekt, das in Kürze zu Ende geht und die Frage stellte: „Wäre es nicht gut, es gäbe in Mecklenburg-Vorpommern flächendeckend selbstbewusste Dörfer?“

Ja, wäre es. Und so schufen sie weitere grüne Unternehmen, elektromobile Routen entlang der Gewässer oder ehrenamtliche E-Bus-Linien vom Land in die Städte. Viele kleine Schritte, die sich zu einem Prozess fügen, auch nach Ende des Projektes. In Landwerkstätten vernetzen sich die Initiativen. Die Idee dieser mobilen Wissensräume: Was den „Meck-Schweizern“ und Co. gelingt, kann auch andernorts in Mecklenburg-Vorpommern gelingen.

Sandersdorf-Brehna, Sachsen-Anhalt. Die stimmgewaltigen Jungen.

„Wo sollen Hotspots in der Gemeinde entstehen?“ So mobilisiert der Jugendbeirat von Sandersdorf-Brehna auf facebook und instagram. Nach dem digitalen Voting wird der erwachsene Stadtrat dafür sorgen, dass es die kostenfreien WLAN-Zugänge gibt. Auch das ist eines der Ergebnisse eines Forschungsprojektes: Ein Jugendbeirat hat Mitspracherecht in allen kommunalen Belangen.

Hat Mitspracherecht in der Stadtpolitik: Der Jugendbeirat von Sandersdorf-Brehna inSachsen-Anhalt.
Hat Mitspracherecht in der Stadtpolitik: Der Jugendbeirat von Sandersdorf-Brehna in Sachsen-Anhalt. © LAZIKN2030

Sandersdorf-Brehna in Sachsen-Anhalt, fünf Kilometer südwestlich von Bitterfeld, der Stadt, die vor 30 Jahren Chemiestadt war und heute touristischer Erholungsort ist. 15.000 Menschen, viele junge Familien. Sie schätzen die gute Luft und die Infrastruktur, die Kita-Plätze und den Wohnraum. Eine Pappfabrik schafft bis 2020 zusätzlich 140 neue Arbeitsplätze.

Wie lässt sich Sandersdorf-Brehna nachhaltig gestalten? Dafür suchte sich die Stadt wissenschaftliches Know-how u.a. von Sozialgeografinnen und -geografen der Universität Greifswald. „Uns interessiert vor allem der soziale Aspekt. Dass niemand zurückgelassen wird“, sagt Projektmanagerin Doreen Scheffler. Und fragte dann zuerst die, um deren Zukunft es geht. In Schulen setzte sich Bürgermeister Andy Grabner auf den Heißen Stuhl und hörte zu, was sich die Mädchen und Jungen für ihren Heimatort wünschen. Daraus erwuchs der siebenköpfige agile Jugendbeirat. Der sorgt beim Stadtrat zum Beispiel auch dafür, dass ein Radweg Beleuchtung bekommt oder dafür, dass Kommunalpolitik landesweiter Bestandteil der Lehrpläne wird.

Treuenbrietzen, Brandenburg. Die gestaltenden Generationen.

 „Ich fühlte mich von der Kommunalpolitik nicht richtig mitgenommen“, sagt Franziska Brocksch. Vor fünf Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Treuenbrietzen. 80 Zugminuten südwestlich Berlins, gerade noch Speckgürtel. 7.800 Menschen, drei Kitas, zwei Schulen. Häuserzeilen mit saniertem Fachwerk, viel Landschaft, viel Grün und Wasser.

Seit drei Jahren ist Franziska Brocksch diejenige, die mitnehmen will – und zwar alle. Sie ist „Koordinatorin für Bürgerbeteiligung“. Solche Stellen gibt es in Deutschland bisher selten.

Managt das Bürgerengagement in Treuenbrietzen: Franziska Brocksch.
Managt das Bürgerengagement in Treuenbrietzen: Franziska Brocksch. © Katharina Fial

Franziska Brocksch sitzt in einem Büro im historischen Rathaus, gemeinsam mit dem Klimaschutzbeauftragten. Doch eigentlich sitzt sie gar nicht so oft, vielmehr ist sie unterwegs. Auf den Fluren des Rathauses, bei den Mitarbeitenden: Was gibt es für neue Projekte? In den Ortsteilen, bei den Vereinen: Was bewegt die Menschen?

Treuenbrietzen hat deren Engagement fest in der Kommunalpolitik verankert, weit über Gesetze für Bürgerbeteiligung hinaus. Mitgestalten können alle, auch Kinder und Jugendliche – sei es politikberatend, mit eigenen Projekten oder als unabhängiges Gremium in Streitfällen. Brocksch: „Wer sonst – wenn nicht ich und du und wir sind Treuenbrietzen?“ Gemeinsam Richtlinien für dieses Wir zu erstellen, das haben die Kommunikationsforschenden der „DIALOGIK“ empfohlen: „Damit das Gestalten eine verbindliche Basis hat“, so Projektleiter Frank Ulmer.

Derzeit gestaltet Treuenbrietzen auf diese Weise ein neues Einzelhandelskonzept. Was will die Stadt an Geschäften und wo? Das berät ein Gremium aus zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam mit Fachleuten aus Wirtschafts- und Stadtplanung. Zusätzlich arbeiten ältere Menschen an einem städtischen Seniorenleitbild. „Sie haben recht, wir wissen am besten, was wir brauchen“, hat eine der Frauen zu Franziska Brocksch gesagt. Und plädierte – neben gutem Nahverkehr und medizinischer Versorgung - auch für zeitgemäße Senioren-WGs.

Kommunen innovativ

Drei Forschungsprojekte von 30: Mit der Fördermaßnahme „Kommunen innovativ“ stieß das Bundesforschungsministerium vor drei Jahren Partnerschaften von Städten, Gemeinden und Forschenden vor allem im ländlichen Raum an. Erste Ergebnisse sind Bausteine und Strategien für mehr Lebensqualität und gleiche Lebensverhältnisse in Stadt und Land.