"Wir sind gemeinsam stark"

"Die deutsch-französische Hochschule leistet seit 20 Jahren ihren Beitrag für eine engere Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg", sagt Ministerin Karliczek anlässlich der Jubiläumsfeier in Hamburg.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Armin,

sehr geehrte Frau Botschafterin,

sehr geehrte Staatsminister,

lieber Kollege Lorz,

liebe Festgäste!

"Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Heute ist sie eine Notwendigkeit für uns alle." Das sagte Konrad Adenauer im Jahr 1954. Das Zitat ist heute genauso aktuell wie vor 65 Jahren. Wir stehen mitten in gewaltigen Veränderungen – weltweit.

Die Frage danach, was gute Bildung im 21. Jahrhundert leisten muss, ist nur eine von vielen. Viele Fragen, die uns alle gerade umtreiben, sind mittlerweile existenzielle. Sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Denn die Fliehkräfte, denen die Europäische Union gerade ausgesetzt ist, sind enorm. Der Brexit ist dabei nur eine Ausprägung. Und wenn unsere Gedanken so dahinschweifen, wissen wir doch alle, dass vieles am Anfang und am Ende natürlich eine Frage der Bildung ist.

Die deutsch-französische Hochschule leistet seit 20 Jahren ihren Beitrag für eine engere Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg. Das stärkt das Bewusstsein für die Unterschiede verschiedener Völker und Kulturen. Es stärkt aber ebenso das Bewusstsein für die Gemeinsamkeiten, die uns prägen.

Wir sind Deutsche, Franzosen und Europäer. Wir sind gemeinsam stark oder jeder für sich alleine zu vernachlässigende Größen im weltweiten Koordinatensystem der Länder. Und deshalb muss von uns die Kraft ausgehen, zusammen zu arbeiten, zusammen zu leben, zusammen für ein einiges Europa zu kämpfen.

Ich bin geboren in der Gewissheit, dass Frieden und Freiheit auf dem europäischen Kontinent selbstverständlich sind. Ich bin geboren in der Gewissheit, dass wir hier in Europa immer mehr und immer enger zum Wohl der Menschen zusammenarbeiten. Ich bin geboren in der Gewissheit, dass das nicht meine Kultur und meine Tradition in Frage stellt.

Und gerade jetzt bin ich froh, dass Europa und unser gemeinsames Wertgerüst ein echtes Gegengewicht zu den USA und China darstellen. Die vernetzte globalisierte Welt fordert uns alle – jedes Land, jeden einzelnen Menschen. Aber lösen können wir unsere vielen Herausforderungen nur, wenn wir gemeinsam voranschreiten. Die Frage nach ethischen Leitplanken ist nicht nur eine Frage in der Künstlichen Intelligenz.

Auch die Frage, ob wir im internationalen ökonomischen Wettbewerb bestehen können, ist eine Frage guter Zusammenarbeit. Wir brauchen gemeinsame Standards. Wir brauchen intensivere gemeinsame Forschung. Sind wir in der Lage, die Menschen im digitalen und globalen Wandel mitzunehmen und Lösungen anzubieten für die großen Fragen unserer Zeit?

Ich will nur ein Thema ansprechen, dass in diesen Tagen jeden in unserem Land umtreibt: der Klimawandel. Das Pariser Klimaschutzabkommen im Jahr 2015 war ein echter Durchbruch. Es ist und darf nicht umsonst so frenetisch gefeiert worden sein. Denn es ist ja wahr, dass die nächsten 10 Jahre entscheidend sind. Das schmelzende Eis in der Arktis zeigt uns gerade wie unter einem Brennglas, wie rasant die Entwicklung fortschreitet. Langfristig bedroht die Entwicklung unser aller Lebensgrundlagen auf der Erde.

Genau aus diesem Grund muss es uns gelingen, diese Entwicklung abzumildern. Wir tragen dafür eine große Verantwortung. Wir sind diejenigen, die in der Lage sind, technologische Innovationen zum Schutz unseres Klimas voranzutreiben. Wir sind diejenigen, die in einem gereiften demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaftssystem leben. Wir haben damit die besten Voraussetzungen, viele Probleme systemisch und technologisch beispielhaft bei uns anzugehen.

Wir können damit Beispiel geben und leben. Die Inder haben sich verpflichtet, nie mehr als den durchschnittlichen CO2-Ausstoß der Industrieländer zu haben. Das muss uns doch motivieren.

Unsere Hoffnung muss doch sein, dass wir Schwellen- und Entwicklungsländern durch hochmoderne und effiziente Technologien die umwelttechnische Wirtschaftsgeschichte der Industrieländer ersparen können, dass wir möglichst bald in der Lage sind, wirtschaftliche Entwicklung und Energieverbrauch voneinander zu entkoppeln oder zumindest das Verhältnis zueinander zu verändern.

Wir sind nicht naiv. Wir haben es in Deutschland geschafft, bei einer 47-prozentigen Steigerung unseres Bruttoinlandsproduktes seit 1990 unseren Primärenergieverbrauch um fast 10 Prozent zu senken.

Diesen Weg müssen und werden wir weitergehen. Ebenso werden wir alles dafür tun, unsere Art zu wirtschaften zu verändern. Achtsamer Umgang mit unserer Schöpfung, ist immer schon Teil des Eides gewesen, den jedes Mitglied einer Bundesregierung zu Beginn seiner Amtszeit ablegt. Schon seit vielen Jahren liegt ein Forschungsschwerpunkt in meinem Haus in Fragen der systemischen Energiewende oder der Mobilität.

Wir fördern nicht nur Forschung für die Batteriezellen der nächsten Generation. Wir fördern auch Forschung zur Herstellung, Speicherung und Nutzung grünen Wasserstoffs oder auch synthetischer Kraftstoffe. Wir wissen, dass wir alle Energiespeicher brauchen, um unsere Mobilität weiterhin sicherzustellen. Denn Mobilität ist nicht nur ein wesentlicher Teil unserer Freiheit sondern auch ein wesentlicher Faktor für unsere wirtschaftliche Stärke.

Alles hängt mit allem zusammen. Das gilt heute mehr denn je. Ein europäischer Wirtschaftsraum, aber auch ein europäischer Forschungsraum bringen „good old Europe“ voran.

Miteinander wirtschaften und miteinander leben braucht auch das miteinander lernen. Wir haben bei der Erneuerung des Elyséevertrages in Aachen vereinbart, auch in der Bildung unsere Beziehungen zu vertiefen. Dass wir nun eine Vertiefung bei der dualen Hochschulbildung anstreben und auch die digitale Bildung in den Vordergrund rücken, ist ein gutes Zeichen in alle europäischen Länder hinein.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit muss weiterhin Treiber in Europa sein. Die deutsch-französische Hochschule kann mit ihren 194 Hochschulen in vielen Städten und Regionen der Bundesrepublik und Frankreich einen wesentlichen Beitrag dazu leisten. Außerdem ist sie die Blaupause für unsere Europäischen Hochschulnetze. Gemeinsame Curricula, stetige Weiterentwicklung – ein lebendiges Netzwerk, dass seit 20 Jahren gut funktioniert.

So stelle ich mir das Europa der Zukunft vor. So wünsche ich mir leben, lernen und arbeiten in Europa. Seite an Seite – Hand in Hand – für die Freiheit – für den Fortschritt – für unsere gemeinsame Verantwortung.

Für die Menschen in Deutschland und Frankreich, für die Menschen in Europa, für die Menschen in der Welt.

Herzlichen Glückwunsch zum 20. Geburtstag und alles Gute und viel Erfolg für die weitere Zusammenarbeit.