"Wir werden auch in Zukunft in Technologiefeldern Weltklasse sein"

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek spricht im Interview mit dem „dbb magazin“ über den Fachkräftemangel, den Digitalpakt Schule und die Hightech-Strategie 2025.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Frage: In Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Gleichzeitig haben etwa 1,5 Millionen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren keinerlei berufliche Ausbildung. Wie passt das zusammen? Und was muss sich ändern?

Anja Karliczek: Wir müssen die Zahl der Geringqualifizierten deutlich verringern. Das müssen wir tun, um diesen Menschen eine bessere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Das ist auch ein Beitrag gegen den Fachkräftemangel. Das ist nur über Aus- und Weiterbildung zu schaffen. In der Nationalen Weiterbildungsstrategie haben wir mit unseren Partnern hier eine Reihe von Maßnahmen vereinbart. Zum Beispiel den nachträglichen Erwerb des Berufsabschlusses zu erleichtern, aber auch die Möglichkeit, Schritt für Schritt über den Erwerb von Ausbildungsbausteinen eine Ausbildung zu absolvieren. Außerdem wollen wir, dass beruflich gewonnene Erfahrung besser anerkannt wird. Wir versuchen im Jahr der Berufsbildung an vielen Stellschrauben zu drehen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, aber auch die Chancen der Menschen zu steigern, die bisher keine oder nur eine geringe Qualifizierung besitzen.

Sie kritisieren, dass die berufliche Bildung viel zulange im Schatten der akademischen Ausbildung an den Hochschulen stand. Was unternimmt die Bundesregierung dagegen?

Die berufliche Bildung bietet ein breites Angebot von attraktiven und anspruchsvollen Berufen. Entwicklungen wie die Digitalisierung und die weitere Internationalisierung der Wirtschaft spielen auch dort eine immer größere Rolle. Dabei entstehen neue Berufe und Zusatzqualifikationen. So arbeiten wir zum Beispiel am Fachwirt für E-Commerce und beraten mit Sozialpartnern über eine Zusatzqualifikation für eine internationale Handlungskompetenz. Mit der Modernisierung des Berufsbildungsgesetzes machen wir die geregelte Fortbildung ab 2020 durch einheitliche Abschlussbezeichnungen verständlicher und transparenter. Über diesen Weg werden sich künftig berufliche Abschlüsse gegenüber akademischen Bildungswegen im internationalen Vergleich besser einordnen lassen. Dadurch unterstreichen wir die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.

Die große Koalition hat angekündigt, einen Nationalen Bildungsrat zu gründen. Doch seit Monaten gibt es Streit um die Ausgestaltung, besonders zwischen Bund und Ländern. Wann kommt der Bildungsrat? Und ist er der Anfang vom Ende der Länderhoheit bei der Bildung?

Beim Nationalen Bildungsrat sind wir auf einem guten Weg. Die gemeinsamen Eckpunkte mit den Ländern sind weit fortgeschritten. Wir haben durchaus ein gemeinsames Verständnis über Aufgaben, Strukturen und Arbeitsweisen entwickelt: Der Bildungsrat soll kein „Schul-Rat“ werden, sondern Empfehlungen für alle Bildungsbereiche bzw. -etappen erarbeiten. Auch die kommunale Seite soll eingebunden werden. Nur bei den Stimm- und Sitzverhältnissen müssen wir uns noch verständigen. Wir werden uns aber auch hier einigen. Wir müssen jetzt zu einer Verständigung kommen.

Der Digitalpakt für die Schulen geht in die praktische Umsetzung. Haben Sie schon einen Überblick über anstehende Projekte? Wo liegen die Schwerpunkte?

Einige Länder haben die ersten Förderbekanntmachungen für den Digitalpakt Schule veröffentlicht. Die anderen wollen im Sommer damit fertig werden. Der Fokus der Länder liegt aktuell auf der Vernetzung der Klassenräume und dem WLAN-Ausbau in einzelnen Schulen. Wir wollen mit dem Digitalpakt aber auch langfristige Strukturveränderungen erreichen. Landesweite Projekte werden vorbereitet. Da geht es um die die Entwicklung oder Weiterentwicklung von Lernplattformen und von zentralen Lösungen für Wartung und Support. Außerdem laufen Vorbereitungen für länderübergreifende Projekte zum datenschutzkonformen Zugang bei digitalen Anwendungen.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz Ralph Alexander Lorz hat bereits einen „Digitalpakt II“ gefordert. Auch der dbb hat mehrfach kritisiert, dass fünf Milliarden Euro verteilt auf fünf Jahre nicht ausreichen. Wäre eine Verstetigung der Investitionen nicht sinnvoll?

Der DigitalPakt will einen Innovationsimpuls setzen und nachhaltige Strukturveränderungen erreichen. Eine Verstetigung der Mittel wird vor allem bei Support und Wartung gefordert, aber gerade hier löst eine Verstetigung gar nicht das Problem. Wir brauchen Konzepte für die professionelle Betreuung der IT-Infrastruktur, zum Erhalt des Betriebs und zum Schutz gegen Eingriffe. Dafür braucht es gute IT-Netzwerke in Schulen. Der DigitalPakt sieht deswegen ausdrücklich eine regionale oder landesweite Förderung der Entwicklung professioneller Supportlösungen vor. Ich denke auch, dass alle Beteiligten jetzt erst einmal die nächsten Schritte wirklich machen und nicht schon wieder über die übernächsten Schritte sprechen sollten.

Der Lehrermangel entwickelt sich zu einem der zentralen Probleme des Bildungsstandorts. Quereinsteiger können sicher nur vorübergehend Abhilfe schaffen. Wie wollen Sie hier nachhaltige Verbesserungen erreichen?

Quereinsteiger können mit ihrer Erfahrung und dem Wissen aus anderen Arbeitsbereichen Schule und Unterricht bereichern. Aber natürlich ist eine pädagogische Ausbildung oder zumindest berufsbegleitende Maßnahmen unabdingbar für eine erfolgreiche Arbeit als Lehrkraft. Wir dürfen uns mit dem jetzigen Zustand nicht abfinden. Der Beruf des Lehrers muss attraktiv sein. Und wir brauchen künftig genügend Lehramtsstudienplätze. Dabei unterstützt mein Haus die Länder auch hier mit der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“. Mir ist wichtig, die Qualität der Lehramtsausbildung zu verbessern. Gerade haben wir eine neue Förderrunde mit den Schwerpunkten „Berufliches Lehramt“ und „Digitalisierung in der Lehrerbildung“ erfolgreich gestartet. Insgesamt werden jetzt 91 Projekte mit 72 beteiligten Hochschulen in Deutschland davon profitieren.

Im Hochschulbereich gibt es immer noch eine ausufernde Befristungspraxis, gerade beim Nachwuchs, den Hilfskräften und im akademische „Mittelbau“. Was wollen Sie unternehmen, um mehr Sicherheit und Planbarkeit für die Beschäftigten zu schaffen?

Wir haben den Zukunftsvertrag „Studium und Lehre stärken“ geschlossen. Damit stellen BMBF und Länder rund vier Milliarden Euro jährlich und dauerhaft zur Verbesserung der Studien- und Lehrqualität an den Hochschulen bereit. Und das zusätzlich zur Grundfinanzierung. Damit unterstützen wir auch den Ausbau unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse. Maßnahmen zur länderspezifischen Umsetzung werden künftig in sogenannten Verpflichtungserklärungen der Länder festgelegt, die verbindliche Erklärungen zur Betreuungssituation an den Hochschulen beinhalten. Deren Umsetzung wird dabei öffentlich nachvollzieh- und überprüfbar sein.

Die Hightech-Strategie 2025 der Bundesregierung will Deutschland an die Spitze der nächsten technologischen Revolutionen stellen. Derzeit ist es so, dass andere Länder die Bundesrepublik in wichtigen Forschungsfeldern wie der Künstlichen Intelligenz weit hinter sich lassen.  Haben wir uns zu lange auf vergangenen Erfolgen ausgeruht?

Die KI-Forschung in Deutschland ist gut aufgestellt. Mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz haben wir das größte KI-Forschungsinstitut weltweit. Die Bundesregierung hat kürzlich beschlossen, eine halbe Milliarde Euro zusätzlich in Maßnahmen zur KI-Förderung zu investieren. Es ist richtig, dass auch andere Länder eine hohe Dynamik in diesem Bereich entwickeln. Wir müssen uns schneller anpassen und auch mehr wagen. Die Hightech-Strategie 2025 setzt hier an. Über die werden wir es schaffen, auch in Zukunft in Technologiefeldern wie KI, Umwelttechnik, Gesundheit und Mobilität Weltklasse sein. Wir dürfen uns selbst nicht immer schlechtreden, bei allem notwendigen kritischen Blick auf Entwicklungen.