"Wir werden noch mehr tun, um die Chancen auf gute Integration zu verbessern"

Bundesbildungsministerin Wanka über das Referendum in der Türkei, die zunehmende Quote von Schülern mit mittlerem Bildungsabschluss und den Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Kitas. Ein Interview mit dem "Focus" vom 22. April 2017

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, in einem Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

FOCUS: Frau Wanka, haben Sie dem türkischen Bildungsminister auch schon zum Sieg beim Referendum gratuliert – so wie US-Präsident Trump dem türkischen Präsidenten Erdogan?

Johanna Wanka: Nein, das Ergebnis des Referendums habe ich zur Kenntnis genommen. Ich hatte mit dem neuen Bildungsminister Yilmaz bisher noch keinen direkten Kontakt.

In Deutschland hat Erdogan für seine Pläne der Machtkonzentration mehr Stimmen bekommen als in der Türkei – dort  51,2, hier 63,1 Prozent. Hat Sie das überrascht?

Ja. Aber wir müssen auch sehen, dass nur jeder zweite der wahlberechtigten türkischen Mitbürger bei uns abgestimmt hat. Vielleicht zeigt das ja auch, dass der andere Teil Deutschland als eigentliche Heimat versteht und über die Politik in der Türkei nicht mehr mitbestimmen will?

Vor der Wahl war auch in Deutschland die Stimmung sehr aufgeheizt ...

Wenn Erdogan deutsche Politiker mit Nazis vergleicht, dann ist das absolut inakzeptabel. Und wenn Menschen, die bei uns leben, dazu applaudieren, habe ich dafür null Verständnis. Das darf sich so nicht wiederholen.

In deutschen Schulbüchern finden sich unzählige Kapitel über die „freie Gesellschaft“ und Gewaltenteilung. Ist die politische Bildung an vielen türkischen Familien vorbeigegangen?

Ich glaube nicht an die simple Botschaft: „Die Leute mit niedrigem Bildungsabschluss stützten Erdogans Kurs“. Ich glaube auch nicht, dass Wähler, die Erdogans Staatsumbau befürworten, in jedem Fall meinen „Wir hätten’s gern autoritärer“.  Erdogan hat ja auch den Nationalstolz sehr hervorgehoben.

Medien in Deutschland haben überwiegend warnend über Erdogans Pläne zum Staatsumbau berichtet. Glauben Sie, manche Türken in Deutschland haben aus Trotz dafür gestimmt?

Ja, Trotz hat sicher eine Rolle gespielt. Aber das ist keine zufriedenstellende Erklärung für irgendeine Wahlentscheidung. Von mündigen Bürgern kann man mehr erwarten als Trotz als Wahlmotiv. Es gibt jedoch offenkundig ein Wir-Gefühl bei vielen Menschen in der türkischen Community. Wir wissen auch aus Studien, dass viele von ihnen das Gefühl haben, Bürger zweiter Klasse zu sein  – um das zu ändern ist die ganze Zivilgesellschaft gefragt,  Nachbarn, Vereine, alle.

Es bleibt die Frage: Warum geben Menschen, die in einer freien Gesellschaft leben, ein Votum ab, Freiheiten einzuschränken?

Es ist für mich völlig unverständlich, dass man in Deutschland lebt und für die Landsleute in der Türkei ein politisches System favorisiert, das viel autoritärer ist und weniger Freiheit zulässt. Darüber kann man nicht einfach hinweggehen, dem müssen wir auf den Grund gehen.

Haben die Schulen bei der Integration versagt?

Bildungspolitiker, Lehrer und Eltern haben viel erreicht. Ein Beispiel: 2004 schafften von einem Altersjahrgang 36 Prozent der ausländischen Schülerinnen und Schüler den mittleren Bildungsabschluss. Jetzt liegt die Quote etwa gleichauf mit der deutscher Schüler – bei 56 Prozent. Das ist ein beachtlicher Erfolg. Daran hat natürlich auch die große Gruppe der Menschen mit türkischem Hintergrund einen riesigen Anteil.

Von allen türkischstämmigen Mitbürgern haben aber fast zwei Drittel keinen Berufsabschluss. Wollen die sich nicht integrieren?

In der Türkei gibt es keine berufliche Ausbildung wie bei uns. Ältere wissen oft nicht, was so ein Berufsabschluss wert ist. Wenn junge Leute mit türkischem Hintergrund dann allerdings Abitur machen, entscheiden sie sich fast immer für die Hochschule. Es gibt sehr viele Migranten, die sich wunderbar integriert haben.

Aber diese riesige Gruppe ohne Berufsabschluss…

Wir werden gerade bei der Berufsausbildung noch mehr tun, um die Chancen auf Arbeit und damit auf gute Integration zu verbessern. So gibt es in Ostdeutschland viele Firmen, die keine Auszubildenden finden – und umgekehrt gibt es in Ballungsgebieten zu viele Bewerber. Es ist unser Ziel, die Bereitschaft zu einer Lehre in einer anderen Stadt zu erhöhen. Umgekehrt muss es auch die Bereitschaft bei den jungen Leuten geben, mobil zu sein und umzuziehen.

Was tun Sie genau?

Unser Programm „Kausa“ richtet sich zum Beispiel an Unternehmer mit Migrationshintergrund. Wir wollen möglichst viele als Ausbildungsbetriebe gewinnen. Und wir werben gezielt bei jungen Migranten und ihren Eltern für eine Ausbildung. Außerdem haben wir in Deutschland Alphabetisierungsprogramme gestartet, auch spezielle Angebote in Moscheen.

Lesen und schreiben lernen in Moscheen?

Genau. Wir müssen die Menschen dort erreichen, wo sie hingehen.

Ist der Doppelpass gerade bei Menschen mit türkischem Hintergrund ein Integrationshindernis?

Manche sind ganz schnell dabei und sagen „Seht ihr, die folgen Erdogan, der Doppelpass fördert das“. Aus dem Bauch raus einfach etwas zu behaupten, bringt uns nicht weiter. Ich hätte gerne belastbare Aussagen, ob der Doppelpass wirklich die Integration behindert. Wir haben ein Forschungsprogramm für 18 Millionen Euro zum Thema Migration und Integration aufgelegt. Ich würde mich freuen, wenn darauf auch Antworten kämen auf die offenen Fragen zu Migranten aus der Türkei – in der ersten, zweiten oder dritten Generation.

Sollte man den Anteil von Migranten in Schulkassen begrenzen, um eine bessere Integration zu ermöglichen?

Ich bin gegen eine starre Quote, denn die regionalen Unterschiede sind groß. Klar ist aber, dass der Anteil von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund möglichst ausgewogen sein muss. Es sollte keine Klassen geben, in denen der hohe Migrantenanteil dazu führt, dass die Schüler untereinander vorwiegend in ihrer Muttersprache sprechen und damit eine Integration erschwert wird. Mir erzählte erst neulich ein Taxifahrer, der selbst aus der Türkei kam, dass er für seine Kinder aber unbedingt gemischte Klassen will. Verständlich. Nicht alle Eltern ziehen bei der Integration genug mit.

Wo liegen die größten Probleme?

Zunächst einmal: Es gibt Fortschritte. Etwa 90 Prozent der drei- bis sechsjährige Kinder mit Migrationshintergrund gehen inzwischen in die Kita. Aber: 63 Prozent der vier- und fünfjährigen Kita-Kinder mit Migrationshintergrund sprechen zu Hause nicht Deutsch. Das ist kein kleines Problem, sondern eines, das Auswirkungen auf spätere Leistungen in allen Fächern und damit auf die Chance zur Teilhabe und die Integration hat. Da haben die Eltern eine Bringschuld!

Die Fragen stellten Margarete van Ackeren und Jan W.Schäfer