"Wir werden über eine Ausbildungsgarantie diskutieren"

Bundesministerin Johanna Wanka über den großen Wert einer betrieblichen Ausbildung, den Lehrstellenmangel und darüber, dass nicht jeder Abiturient unbedingt studieren muss. Ein Interview mit der "Passauer Neuen Presse".

Johanna Wanka im Interview
Johanna Wanka im Interview © Laurence Chaperon

Passauer Neue Presse: Niedersachsen will zurück zum Abitur nach 13 Schuljahren. Eine Entscheidung mit Signalwirkung für ganz Deutschland?

Johanna Wanka: Jedes Bundesland sollte selbst entscheiden, welches Modell es wählt. Meine Kollegen in den Ländern brauchen da keine guten Ratschläge von mir. Ich finde, man sollte nichts übers Knie brechen, Es ist immer ratsam, nicht jedes Jahr eine neue Schulreform auf den Weg zu bringen. Ständig alles umzuwerfen, wird als Aktionismus empfunden. Das Wichtigste für Lehrer, Schüler und Eltern ist Verlässlichkeit.

Passauer Neue Presse: Was spricht beim Abitur gegen eine einheitliche Regelung im gesamten Bundesgebiet?

Johanna Wanka: Die Zuständigkeit der Länder. Mir kommt es darauf an, dass für einen Wechsel von einem Bundesland ins andere nicht noch höhere Hürden aufgebaut werden. Da sind die Kultusminister gemeinsam in der Verantwortung. Es darf nicht sein, dass Schülerinnen und Schüler Nachteile in Kauf nehmen müssen, wenn sie mit ihren Eltern umziehen.

Passauer Neue Presse: Überforderte Schüler, unzufriedene Eltern - was ist bei der Einführung des Turbo-Abiturs schief gelaufen?

Johanna Wanka: Ich wehre mich gegen Pauschal-Urteile. Sachsen zum Beispiel macht gute Erfahrungen mit dem Abitur nach der zwölften Klasse und liegt im bundesweiten Vergleich ganz vorn. Es gibt verschiedene Wege, die zum Erfolg führen. Am Ende müssen aber vergleichbare Abschlüsse stehen.

Passauer Neue Presse: In Deutschland gibt es immer mehr Abiturienten und Studienanfänger - die Wirtschaft beklagt bereits einen Trend zur Akademisierung, der zu Lehrlingsmangel führe. Eine gefährliche Entwicklung?

Johanna Wanka: Wer studieren will und die Chance hat, dabei erfolgreich zu sein, dem dürfen wir keine Steine in den Weg legen. Ich freue mich über jeden Studienanfänger. Mir machen aber die hohen Abbrecherquoten Sorgen. Da sollten wir gegensteuern. Nicht jeder Abiturient muss unbedingt studieren. Viele haben falsche Vorstellungen darüber, was gerade in naturwissenschaftlichen Fächern an theoretischen und mathematischen Grundlagen verlangt und vorausgesetzt wird.

Passauer Neue Presse: Wie wollen Sie das verhindern?

Johanna Wanka: Wir müssen Gymnasiasten besser über ihre Aussichten auf einen erfolgreichen Studienabschluss aufklären. Für manchen ist es vielleicht besser, zunächst eine betriebliche Ausbildung zu beginnen. Wer eine Lehre als Elektroniker gemacht hat, kann später immer noch an die Hochschule gehen und studieren, Es gibt viele attraktive Berufe, in denen es einen akuten Bedarf an Auszubildenden gibt - vom Hörgeräteakustiker bis zum Zahntechniker.

Passauer Neue Presse: Zehntausende Bewerber finden auf dem Ausbildungsmarkt keine Lehrstelle, allenfalls ein Praktikum - dennoch klagt die Wirtschaft über fehlende Azubi-Bewerber..

Johanna Wanka: Ich wünsche mir, dass die Unternehmen genügend Ausbildungsplätze anbieten. Leider sehen wir jetzt, dass sich immer mehr, vor allem kleinere, Betriebe verabschieden. Andererseits haben wir zurzeit mehr freie Plätze als unversorgte Bewerber. Jetzt geht es darum, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen.

Passauer Neue Presse: Noch nie gab es so wenige neue Ausbildungsverträge: Zeit für eine Kraftanstrengung von Bund, Arbeitgebern und Gewerkschaften?

Johanna Wanka: Deshalb wird die Bundesregierung den Ausbildungspakt zu einer Allianz für Aus- und Weiterbildung entwickeln. Dabei werden wir über das Thema Ausbildungsgarantie diskutieren. Unser Ziel ist: Kein junger Mensch darf zurückbleiben. Wichtig ist auch, dass sich Unternehmen um schwächere Bewerber kümmern. Dazu benötigen wir belastbare Absprachen. Ich würde mich freuen, wenn dabei nicht nur die Arbeitgeber mitwirken würden, sondern auch die Gewerkschaften.

Passauer Neue Presse: Die Koalition will Milliarden für Bildung und Forschung ausgeben und auch die Länder entlasten. Wann werden den Worten Taten folgen?

Johanna Wanka: Die neun Milliarden Euro zusätzlich für Bildung und Forschung sind nicht nur im Koalitionsvertrag festgeschrieben, sondern wir haben sie im Haushalt. Wir diskutieren jetzt darüber, wie das Geld eingesetzt werden soll. Mir ist wichtig, dass das Geld zusätzlich in den Hochschulen, Schulen und Kitas ankommt, Es geht nicht darum, den Ländern Blankoschecks auszustellen.

Passauer Neue Presse: Die Wirtschaft warnt vor den Auswirkungen des Mindestlohns auf den Ausbildungsmarkt: Viele Jugendliche könnten sich gegen eine Lehre und für einen Job mit 8,50 Euro Stundenlohn entscheiden. Berechtigte Befürchtungen?

Johanna Wanka: Deshalb wird es ja eine Altersgrenze beim Mindestlohn geben - auch wenn ich mir eine höhere Marke gewünscht hätte. Und es ist gut, dass das Gesetz nach drei Jahren evaluiert wird. Sollten sich dann Fehlanreize zeigen, muss nachgesteuert werden.