"Wir wollen Geflüchtete nachhaltig in den Arbeitsmarkt integrieren"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka darüber, warum es so wichtig ist, an den Standards in der beruflichen Bildung festzuhalten und bei den Anforderungen für Geflüchtete keine Abstriche zu machen.

Das deutsche Ausbildungssystem genießt weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Deshalb sollten wir an den Standards festhalten, sagt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

bmbf.de: Frau Wanka, immer wieder wird gefordert, die Standards in der beruflichen Bildung für Flüchtlinge zu senken, um die jungen Leute in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren. Ist das sinnvoll?

Johanna Wanka: Manche wollen die Ausbildungen für Flüchtlinge kürzen, weil sie es gut meinen.  Als Bundesbildungsministerin sage ich dazu allerdings: Wir brauchen keine Fachkräfte zweiter Klasse. Eine „Ausbildung light“ wird Geflüchteten nicht den Weg in die deutsche Gesellschaft öffnen. Im Gegenteil: Mit einer abgespeckten Ausbildung geraten sie zwangsläufig in den Niedriglohnsektor. Langfristig kann das Menschen, die sich bei uns in Deutschland ein neues Leben aufbauen möchten, keine wirkliche Perspektive geben.

Was ist Ihr Ziel?

Unser Ziel ist es, die Geflüchteten nachhaltig in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie verdienen eine Chance. Und die Wirtschaft wiederum braucht gut ausgebildete Fachkräfte. Die Anforderungen zu senken und damit die  Qualität der beruflichen Bildung in Deutschland insgesamt zu reduzieren, kann und darf keine Lösung sein – auch nicht übergangsweise. Wir sollten uns einmal genau überlegen, was das tatsächlich bedeuten würde: Wir bekämen eine große Gruppe gering qualifizierter Beschäftige. Und wir wissen aus Erfahrung, dass Geringqualifizierte besonders schnell ihren Arbeitsplatz verlieren, sobald sich die finanzielle Situation eines Unternehmens oder die Lage am Arbeitsmarkt verschlechtert. Genau das ist es aber doch, was wir nicht wollen.

Wie sollen die Geflüchteten stattdessen in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden?

Wir müssen vielen jungen Flüchtlingen den Einstieg in die berufliche Bildung ermöglichen, indem wir sie schrittweise auf eine Lehre vorbereiten. Damit meine ich nicht nur das Erlernen der deutschen Sprache, die die Grundlage für eine erfolgreiche Berufsausbildung ist. Wer beispielsweise Bäcker oder auch Friseur lernen möchte, der benötigt nicht nur die praktischen Fähigkeiten, sondern auch eine solide Grund- und Fachbildung, um auf die Anforderungen in der Berufsschule vorbereitet zu sein. Dazu gehören auch die nötigen Mathe- und Chemiekenntnisse. Solche Vorbereitungskurse werden vom Bundesbildungsministerium finanziert.

Was genau fördern Sie, um den Flüchtlingen den Weg in die berufliche Bildung erleichtern?

Das Ausbildungssystem in Deutschland bietet viele Möglichkeiten. Deshalb ist es besonders wichtig, sich erst einmal zu orientieren und einen Überblick zu gewinnen, welche Wege und Möglichkeiten offen stehen. Das Bundesbildungsministerium bietet dazu beispielsweise ein Berufsorientierungsprogramm für Flüchtlinge an, eine 13-wöchige intensive Orientierungs- und Beratungsphase. Damit werden junge Flüchtlinge Schritt für Schritt auf eine Ausbildung im Handwerk vorbereitet, zum Beispiel mit Werkstatttagen in überbetrieblichen Bildungsstätten. Das Programm ist Teil unserer Qualifizierungsinitiative „Wege in Ausbildung für Flüchtlinge“ gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks.

Können Sie ein weiteres Beispiel nennen?

Zum Beispiel die KAUSA-Servicestellen. Dort werden die jungen Menschen begleitet, auch nachdem die Phase der Berufsorientierung abgeschlossen ist. Die KAUSA Servicestellen beraten natürlich nicht nur Geflüchtete. Sie unterstützen auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die schon lange bei uns leben, und bringen sie in Ausbildung. Und sie beraten Unternehmer und Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund, damit sie mehr Jugendliche besser ausbilden können. In diesem Jahr haben wir das KAUSA-Netzwerk erheblich ausgebaut: Es gibt aktuell bundesweit 29 KAUSA Servicestellen. Besonders beeindruckt hat mich der Besuch in der KAUSA-Servicestelle Gießen: Im Gespräch mit den Flüchtlingen dort habe ich gelernt, dass es nicht nur wichtig ist, neue Angebote zu entwickeln, sondern auf dem aufzubauen, was wir in der Vergangenheit schon erfolgreich erprobt haben.

Sonderregelungen für Flüchtlinge sind also gar nicht notwendig?

Wir sollten die Regelungen nutzen, die es schon gibt und die sich bewährt haben. Das deutsche Ausbildungssystem genießt weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Seine Qualität sichern täglich engagierte Ausbilder und Ausbilderinnen sowie das pädagogische Fachpersonal in den Berufsschulen. Den Rahmen setzen das Berufsbildungsgesetz und die Ausbildungsordnungen. Das Ergebnis: Ein Betrieb kann sich bei einem Bewerber mit abgeschlossener Berufsausbildung jederzeit sicher sein, dass er die entsprechende Qualifikation erfolgreich, qualitätsgesichert und praxisnah erworben hat. Die hohen Standards im deutschen Ausbildungssystem tragen entscheidend dazu bei, dass wir die geringste Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union vorweisen können. Das ist eine Errungenschaft, die wir bewahren und schätzen sollten.