„Wir wollen Innovationen im Pflegealltag erlebbar machen“

Pflaster mit Sturzsensoren, digitale Krankenakten, Exo-Skelette als Hebehilfe: Welche technischen Innovationen helfen, die Pflege zu verbessern? Darüber spricht Michael Pflügner, Projektleiter des Pflegepraxiszentrums Nürnberg, mit bmbf.de.

Michael Pflügner testet ein Exo-Skelett. Es soll Pflegekräfte beim Heben entlasten.

© Marie Schubert

Herr Pflügner, die Überalterung der Gesellschaft und der Fachkräftemangel sind Herausforderungen für Pflegende: Wie kann Technik helfen, die Pflege zu verbessern?

Neue Technologien machen einiges möglich: Sensorik-Pflaster, die bei Stürzen Alarm schlagen; sogenannte Exo-Skelette, die Pflegende beim Heben entlasten; digitale Patientenakten, um Diagnosen zu beschleunigen. Am Pflegepraxiszentrum Nürnberg sprechen wir aber nicht nur über die Möglichkeiten: Wir wollen Innovationen im Pflegealltag erlebbar machen – für Patientinnen und Patienten, Angehörige und Pflegende.

Was kann man bei Ihnen schon „erleben“?

Michael Pflügner ist für die Projekte im Pflegepraxiszentrum Nürnberg verantwortlich.

© Marie Schubert

Wir testen gerade eine Virtual-Reality-Brille. Damit können die Patientinnen und Patienten einen virtuellen Jahrmarkt besuchen – und dort kegeln, Scheiben-Schießen oder „Hau den Maulwurf“ spielen.

Wozu ist das gut? 

Es macht Spaß! Innovationen müssen nicht immer einen medizinischen Zweck haben. Es geht auch darum, ältere Menschen in technologische Entwicklungen einzubeziehen. Für uns ist die zentrale Frage: Nützt die Technik den Patientinnen und Patienten?

…und was sagen die Patienten?

Der virtuelle Jahrmarkt kommt gut an. Ein vorher getestetes VR-Spiel zeigte einen Waldspaziergang. Das fanden die meisten langweilig. Aber darum geht es uns im Grunde: Wir wollen herausfinden, was in der Praxis sinnvoll ist. Haben die Patienten keinen Nutzen, muss der Hersteller nachbessern.

Wo sehen Sie den größten Unterstützungsbedarf in der Pflege?

Wir brauchen IT-Schnittstellen, um Gesundheitsdaten effektiv und sicher zwischen Krankenhäusern, Apotheken, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen austauschen zu können. Bei der IT kocht leider jeder sein eigenes Süppchen. Wenn überhaupt: Häufig werden Krankenakten gefaxt! Mit elektronischen Gesundheitsakten und Pflegedokumentationen könnte man viele Prozesse beschleunigen.

Aber auch Datenschützer aufbringen…

Natürlich – jede Innovation hat zwei Seiten. Darf ich Demenzkranke in eine virtuelle Welt entführen? Leidet der Sozialkontakt, wenn nicht mehr Pflegende sondern automatische Wendehilfen im Krankenbett den Patienten drehen, um Wund- und Druckstellen zu verhindern? Wer hat Zugriff auf elektronische Krankenakten? All das ist Teil unserer Praxistests. Dafür arbeiten wir mit Expertinnen und Experten aus Medizin, Psychologie, Datenschutz und Ethik sowie mit  Pflegekräften zusammen.

Stichwort Ethik: Werden Roboter in Zukunft Pflegekräfte ersetzen?

Roboter könnten Pflegekräfte entlasten – nicht ersetzen. Es ärgert mich, dass Innovationen in der Pflege oft auf Robotik verkürzt werden. Das versperrt den Blick auf viele tolle Möglichkeiten.

Welche tollen Innovationen testen Sie derzeit noch?

Aktuell testen wir eine App, die mit Symbolen und Bildern bei der Übersetzung mit Menschen hilft, die wenig oder kein Deutsch sprechen. Einen Analphabeten, der zudem kein Deutsch spricht, um eine Urinprobe zu bitten, kann schwierig sein…

Was wollen Sie langfristig noch erreichen?

Wir wollen Innovationen schnell auf den Markt bringen: Und dafür ist es wichtig, die Nutzer frühzeitig einzubinden und sich mit den Herstellern auszutauschen. Gleichzeitig wollen wir ein unabhängiger Ansprechpartner für die Bevölkerung und Pflegeeinrichtungen sein. Niemand kann die technischen Möglichkeiten alleine überblicken. Dabei wollen wir helfen – und vielleicht später einmal ein „Prüfsiegel“ anbieten.

Herr Pflügner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Zukunft der Pflege

Das Bundesforschungsministerium unterstützt die Entwicklung und Erforschung neuer Pflegetechnologien. Forschung, Wirtschaft und Pflegepraxis arbeiten gemeinsam mit Anwendern an neuen Produkten, die den Pflegealltag in Deutschland erleichtern und verbessern sollen. Im Rahmen des Clusters „Zukunft der Pflege“ werden soziale und technische Innovationen in der Pflege zusammengebracht.

Als erster Baustein des Pflegeclusters nahm im Juni 2017 ein bisher in Deutschland einmaliges Pflegeinnovationszentrum (PIZ) seine Arbeit auf. Hier erforschen Ingenieurinnen und Ingenieure gemeinsam mit Pflegewissenschaftlerinnen und Pflegewissenschaftlern neue Technologien.

Seit Anfang 2018 gibt es die Pflegepraxiszentren (PPZ) in Freiburg, Nürnberg, Berlin und Hannover, in denen neue Pflegetechnologien im Alltag der Pflege erprobt werden. Diese vier Zentren wurden in klinischen, stationären und ambulanten Pflegebereichen bestehender Einrichtungen angesiedelt, um dort die Praxistauglichkeit neuartiger Lösungen im Pflegealltag zu überprüfen. Die Pflegepraxiszentren vermitteln ihr Know-how auch in die pflegerische Aus- und Weiterbildung und sichern damit die Innovationskraft der Branche.